# taz.de -- Yorgos Zois über seinen Film „Arcadia“: „Schuhe haben mich immer verfolgt“
       
       > Im Film „Arcadia“ (Encounters) von Yorgos Zois spielen Geister eine große
       > Rolle. Ein Gespräch über Sex und Tod, Schein und Krise und das Loslassen.
       
 (IMG) Bild: Die Realität selbst ist weird, sagt der Regisseur Yorgos Zois
       
       taz: Herr Zois, in Ihrem Film spielt der kleine Tod eine große Rolle. Jedes
       Mal, wenn ein Geist einen Orgasmus hat, erinnert er sich an etwas. Was
       interessiert Sie an der Verbindung zwischen Tod und Sex? 
       
       Yorgos Zois: Tod und Sex haben eine sehr starke Beziehung. In Filmen und in
       der Literatur gibt es die besten Sexszenen nach einer Beerdigung. Ein
       Orgasmus ist wie ein kleiner Tod, man kann sich nicht wirklich daran
       erinnern. Ich wollte daher das umgekehrte Konzept für die Geister
       entwickeln. Wenn sie einen Orgasmus haben, erhalten sie ein winziges Stück
       vom Leben. Sie leiden unter partieller Amnesie, weil sie sich nur an das
       erinnern, woran sich auch die lebende Person erinnert, an die sie gebunden
       sind. Die Verstorbenen sind wie die verkapselten Erinnerungen der
       Lebenden.
       
       Für Ihren zweiten Spielfilm haben Sie sich gleich einer der
       existenziellsten Fragen der Menschheit gewidmet: Was passiert mit uns, wenn
       wir sterben? 
       
       Ich erinnere mich, als ich jünger war, habe ich „Ghost“ mit Patrick Swayze
       und Demi Moore gesehen und meine Mutter gefragt, ob Geister existieren. Sie
       sagte: Geister sind genauso real wie die Liebe.
       
       Sehr weise. 
       
       Aber es ist wahr! (Lacht) Liebe ist eine Art Gespenst, aber jeder glaubt an
       sie. [1][Jacques Derrida] sagte einmal, Kino ist die Kunst, Geister
       wiederkehren zu lassen. In „Arcadia“ geht es um den Kampf des Loslassens.
       Vielen Menschen spuken andere Menschen noch im Kopf herum, die sogar noch
       am Leben sind. Ex-Partner zum Beispiel. „Arcadia“ zeigt, dass man auch sein
       Gespenst loslassen kann, man kann es befreien. Im Film weiß man manchmal
       nicht, wer mehr leidet: der lebende Mensch, der kaum noch atmen kann und
       einen Geist hinter sich herzieht, oder der Geist, der dem lebenden Menschen
       nicht entfliehen kann. Ich mochte den Gedanken, dass die Geister lebendiger
       sind als die Menschen, weil sie eine Motivation haben, zu entkommen. Dieser
       Film ist die Chronik einer Beziehung, einer Trennung, die im Leben nicht
       stattfinden konnte und sich daher aufs Jenseits erstreckt.
       
       Die Geister haben ihrerseits unbelebte Peiniger: ihre Schuhe. Unpraktisch,
       wenn man in High Heels stirbt. 
       
       Schuhe erzählen etwas über den Charakter der Person, die sie trägt. In
       „Arcadia“ halten die Schuhe die Geister auf der Erde fest. Sie können tun,
       was sie wollen, sich betrinken, Sex haben, sprechen, Dinge zerstören,
       alles. Aber sie können ihre Schuhe nicht ausziehen. Schuhe als Motiv haben
       mich immer verfolgt: Wenn man sie allein auf der Straße sieht, ist es immer
       so, als würde ein Körper fehlen. Wenn auf dem Balkan Schuhe oben auf einem
       Seil oder Draht hängen, bedeutet das, dass jemand gestorben ist. In der
       Bronx hingegen kann es bedeuten, dass man das Viertel einer Gang betritt.
       Schuhe sind ein starkes Symbol: Denken Sie an die Tausende von Schuhen in
       Auschwitz.
       
       Dabei heißt ihr Film „Arcadia“, referiert also eigentlich auf etwas
       Utopisches. 
       
       Arkadien ist in der griechischen Mythologie ein Ort, an dem Geister, Tiere
       und Menschen in Harmonie zusammenleben. Arcadia ist auch der Name der Bar,
       in der nachts Figuren aus allen Lebensbereichen ihr Unwesen treiben. Die
       Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Die geistige Welt und die materielle
       Welt befinden sich alle in der selben Dimension. Ich denke, das ist auch
       wirklich so. Metaphysik bedeutet „hinter, nach der Physik“. Bei Aristoteles
       stehen beide Abhandlungen gleich hintereinander. In der Geschichte wurden
       schon oft Dinge zum Reich des Metaphysischen gezählt, bis man sie erklären
       konnte und sie der Physik zurechnete. Auch das Kino ist so. Es kann dir
       eine Realität zeigen, die du mit deinen eigenen Augen nie sehen könntest.
       
       Sie haben in der Vergangenheit Sci-Fi-Kurzfilme gedreht, die in einer
       dystopischen, verlassenen Welt spielen. Topografien der Tristesse. Auch
       „Arcadia“ hat etwas Unwirkliches, spielt eigentlich in einem
       Urlaubsparadies, doch außer depressiven Einheimischen ist niemand da.
       Welche Rolle spielen Orte für Sie? 
       
       Ich betrachte Orte und Schauplätze als Charaktere im Film. Sie haben ihre
       eigene Persönlichkeit. Es kommt immer auf den Kontext an: Wenn man im
       Sommer da ist, ist es ein schöner Ferienort. Im Winter ist es beklemmend,
       wie verflucht. Ein weiterer Charakter, der in der Falle sitzt.
       
       Um die 2010er Jahre entstand mit der Greek Weird Wave eine Bewegung, die
       mit viel schwarzem Humor und wenig Geld Filme machte. [2][Yorgos
       Lanthimos,] gehörte dazu, [3][Athina Rachel Tsangari,] Babis Makridis.
       Rechnen Sie sich dieser Bewegung zu? 
       
       „Arcadia“ ist nicht weird, er ist auch nicht realistisch. Es ist etwas
       dazwischen. Die Realität ist weird. Die Realität ist mysteriös, absurd.
       Arkadien ist ein Niemandsland, in dem Logik und Absurdität, Realität und
       Fantasie so ineinander übergehen, dass man sie nicht unterscheiden kann.
       Greek Weird Wave ist bloß ein Etikett, das Kritiker gern benutzen, um zu
       kategorisieren.
       
       Was gefällt Ihnen an der Bezeichnung nicht? 
       
       Ich würde nicht sagen, dass mein Film dazu gehört. „Arcadia“ spielt mit den
       Genres, ist magischer Realismus. Eigentlich war das griechische Kino
       sowieso schon immer weird. Kürzlich habe ich mir einige Filme aus den 60er
       Jahren angesehen, und sie kamen mir so modern und so seltsam vor. Ich denke
       auch, dass die Greek Weird Wave vor einigen Jahren aufgehört hat.
       
       Die Bewegung ist aus der Schuldenkrise Griechenlands heraus entstanden, da
       wäre es ja auch naheliegend, wenn sie mittlerweile abgeflaut ist, oder? 
       
       Die Krise ist immer da. Krise auf Griechisch bedeutet Urteil. Man urteilt.
       Im Kapitalismus, wenn ein Land in eine Krise gerät, gibt es plötzlich eine
       Scheinentwicklung, weil ausländische Leute Kapital investieren. Eine Blase.
       Die meisten meiner Freunde stecken momentan in einer tiefen Krise, weil sie
       aus dem Zentrum von Athen wegziehen müssen. Wir haben alle in billigen
       Wohnungen gelebt, und jetzt sind die Mieten sehr hoch geworden. Athen
       verwandelt sich in ein Museum. Und dann ist da noch die politische Krise.
       Die Linke ist so gespalten, dass es keinen Gegner für die rechte Regierung
       gibt. Es gibt keine richtige Opposition. Der Premierminister spielt das
       Fußballspiel allein. Eine Krise der Demokratie.
       
       Wie schlägt sich das in der griechischen Filmszene nieder? 
       
       Die meisten der Filmemacher, die ich kenne, machen europäische
       Koproduktionen. Meinen nächsten Film schreibe ich auch auf Englisch. Aber:
       Was die jüngere Generation macht, ist sehr vielversprechend. Ich denke, man
       wird in Griechenland demnächst viele gute Filme von jungen, aufstrebenden
       Regisseuren sehen.
       
       Von welchen Filmen haben Sie sich für „Arcadia“ inspirieren lassen? 
       
       Sicher von „A Ghost Story“ von David Lowery. Und von [4][Carlos Reygadas],
       dem mexikanischen Filmemacher, „Post Tenebras Lux“. Generell vom
       lateinamerikanischen Kino. Vor Kurzem habe ich mir aber auch „Onkel
       Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann“ von dem
       thailändischen Regisseur [5][Apichatpong Weerasethakul] noch einmal
       angesehen. Und er sagte in einer Szene, dass Geister nicht an Orte gebunden
       sind. Sie sind an die Menschen gebunden, an die Lebenden. Was ich also in
       „Arcadia“ zeige, mag in der westlichen Welt seltsam erscheinen. In Asien
       zum Beispiel ist es viel normaler, mit Geistern zu leben, mit verstorbenen
       Vorfahren. Wenn dieser Film in Asien gezeigt wird, glaube ich nicht, dass
       jemand sagen wird, er sei seltsam.
       
       Sie haben einen neuen Film erwähnt, an dem Sie arbeiten. Worum geht es da? 
       
       Ich bin gerade dabei, ihn zu schreiben. Es wird ein Film über den
       Klassenkampf, der aus der Sicht von Aliens erzählt wird.
       
       19 Feb 2024
       
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