# taz.de -- Demos gegen die AfD: Die bürgerliche Antifa
       
       > Es gibt eine breite Mehrheit gegen die Mentalität des Hasses. Linke
       > müssen sich nur mit ihr alliieren, über alle Unterschiede hinweg.
       
 (IMG) Bild: Allianzen gegen den Faschismus, wie hier bei einer Großdemonstration in Rostock am 25. Januar
       
       Die Enthüllungen der journalistischen Plattform Correctiv kamen zur rechten
       Zeit. Sie gaben den Anlass für [1][eine umfassende Mobilisierung jener
       Menschen, die die sogenannte gesellschaftliche Mitte bilden]. Diese
       „gewöhnlichen Deutschen“ sind nach Veröffentlichung des mehr oder weniger
       geheimen Treffens von AfD-Leuten, einigen CDU-Menschen und rechtsextremen
       Aktivisten mit einer Mischung aus Angst, Verstörung und Empörung
       aufgestanden und haben demonstriert.
       
       Sie waren getriggert worden: Ihnen missbehagte, was beim [2][Potsdamer
       Systemsprenger-Treffen] programmatisch formuliert wurde. Nämlich ein
       Programm, das Linke wie ein Nazi-Reenactment lesen, sie aber, die große
       bürgerliche Mitte von Union über die Sozialdemokraten bis zu den Liberalen,
       als Bedrohung und Verrat ihres Landes. Was diese, hier so genannte
       bürgerliche Antifa treibt und was sie nicht hinnehmen will, ist in der
       soziologischen Expertise zu den „Triggerpunkten“ akkurat nachzulesen.
       
       Für die AfD müssen diese Demonstrationen ein Desaster sein: Alice Weidel,
       Bernd Höcke & Co. dachten bis zu den Enthüllungen, sie könnten mit ihren
       vergiftenden Agitationen weitermachen und irgendwann tatsächlich die Macht
       übernehmen. Ausländer und solche, die sie unterstützen, aus dem Land
       schaffen, buchstäblich deportieren: Das ist der Spin – und das soll der
       Mobilisierungspunkt sein.
       
       Sie hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass exakt ein solcher Plan auf
       letztlich entschiedene Gegenwehr stoßen würde. Was AfD &
       Sympathisant*innen nun zu realisieren haben: Sie werden niemals in der
       Bundesrepublik auch nur in die Nähe einer ihnen zusprechenden Mehrheit
       kommen. Und das ist nicht nur gut so, das kann, verfassungspatriotisch
       gesagt, auch glücklich stimmen.
       
       ## Mehrheit hat nichts gegen die Moderne
       
       Die bürgerliche Antifa sieht die Dinge nämlich so: Man hat nichts gegen
       Einwanderung und neue Deutsche, jedenfalls nicht prinzipiell. Man will
       keinen mörderischen Hass. Keine Mordserie des NSU, keine rassistischen
       Attacken gegen Asylbewerberheime, gegen so empfundene „Ausländer“, man
       sympathisiert null mit dem Attentat von Hanau, ist alarmiert wegen des
       Mordes am hessischen CDU-Politiker Walter Lübcke. Diese Mehrheit findet
       sich mehr oder weniger gewöhnend mit der Moderne ab, begrüßt sie am Ende
       sogar: Feminismus, Ehe für alle, Trans*menschen, Klimawandelpolitik und
       Erhöhung der Mindestlöhne. Was sie allerdings störrisch bis aufsässig
       macht, auch dies haben Mau & Co. ermitteln können, sind, so empfindet es
       diese Mehrheit, zwangspädagogisch wahrgenommene Sprechweisen, die sie
       ablehnen oder jedenfalls nicht unfallfrei anwenden können und wollen.
       
       Die bundesdeutsche Mehrheit befürwortet, in Ruhe gelassen zu werden, dann
       hält sie auch Menschen aus, die anders sind, als sie selbst sich sieht.
       [3][Deportationen und anderen nazihaft anmutenden Kram] lehnt sie ab: Das
       wäre alles nicht im Sinne bürgerlichen Einvernehmens, allen gelegentlichen
       Nervereien zum Trotz. Der bürgerliche Deutsche, der sieht sich weltläufig,
       auch im eigenen Land. Das Selbstideal ist „Frieden im Land“.
       
       Worauf Linke sich also einzustellen haben im Laufe der nächsten Monate,
       ist, dass diese Demonstrationen keine linken Umzüge sind.
       #unteilbar-Paraden werden es nicht sein, die politische Bühne betreten
       werden viel mehr als eine mobilisierte Woke-Kernschicht, nämlich eine
       deutsche Mehrheit, die den fantasierten naziähnlichen Krawall nach Gusto
       der AfD ablehnt.
       
       [4][Die bürgerliche Antifa wird auch nicht links werden]. Egal. Es reicht,
       wenn sie einfach eigensinnig darauf beharrt, die Bundesrepublik und ihre
       Geschichte nicht als „Vogelschiss“ zu verstehen; wenn für sie einer wie
       İlkay Gündoğan der beste deutsche Fußballer der Jetztzeit ist, den man
       supported, wenn wieder AfD-Leute wie Alexander Gauland (damals gegen Jerôme
       Boateng) ihn der Hautfarbe wegen als irgendwie undeutsch markieren.
       
       Im Osten der Republik hat die klassische Antifa wesentliche Arbeit
       geleistet, um überhaupt auf die Einbräunung der Landschaften aufmerksam zu
       machen. Was sie oft nicht erkennen konnte (oder manchmal auch nicht
       wollte): dass es eine breite Mehrheit gegen diese Mentalität des Hasses
       gibt. Man muss sich nur mit ihr alliieren, auch wenn sie einem Lebensstil
       huldigt, der sich vom eigenen erheblich unterscheidet: spießig. Also
       fleißig und familienbewusst, akkurat in den Ordnungsvorstellungen und
       zugleich liberal dem Fremden gegenüber.
       
       Die Demonstrationen der vergangenen Wochen waren Zeichen, die unbedingt
       ermutigen müssen. Deutschland steht quasi auf – und zwar anders, als die
       Giftmischer*innen der AfD sich das vorstellen wollen. Damit ist nichts
       über die Kritiken zur Ampelpolitik gesagt, im Gegenteil. Sie ist einfach
       Teil der demokratischen Konfliktstrukturen. Klima und Klasse – also
       Heizungsgesetz und Bürgergeld – das bleibt der Rahmen, der weiter
       verhandelt werden muss.
       
       Umzüge der „Selbstzufriedenheit“, wie etwa eine Kritik der Neuen Zürcher
       Zeitung lautete, sind es nicht: Das klingt nach Selbstbesoffenheit.
       Andererseits: Na und? Sie sind auch ein Hinweis, dass man den deutschen
       Mist, der bis 1945 herrschte, nicht wieder haben will.
       
       ## Brandmauer braucht mehr als Linke
       
       So oder so: Nur eine linke Kultur des Respekts vor jenen Menschen, die
       Linke als zu wenig links empfinden, wird zur Folge haben können, dass die
       Union auch in ostdeutschen Bundesländern die entscheidende „Brandmauer“
       bleibt.
       
       Die Demonstrationen in Hamburg, Berlin, München waren schon beeindruckend.
       Heldenhaft sind sie jedoch überall dort, wo man in AfD-durchwirkten
       Gegenden aufzog. Suhl, Spremberg, Dessau, Pirna, Greifswald, Stralsund,
       Görlitz, Nordhausen und so viele mehr. Aufstehen – für das eigene Land, das
       in Aufruhr ist, aber anders, als die Rechtsradikalen hofften.
       
       1 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Jan Feddersen
       
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       taz-Auswertung.