# taz.de -- Postkoloniale Linke und Antisemitismus: Alle auf die Straße, jetzt
       
       > Auch die postkoloniale Linke muss gegen den aufflammenden Antisemitismus
       > aufstehen – will sie sich nicht mit Rechtsextremen gemeinmachen.
       
 (IMG) Bild: Anschlagsort in Berlin: Haus der jüdischen Gemeinde in der Brunnenstraße am 18. Oktober
       
       Das linke Milieu in Deutschland ist in den ersten zwei Wochen nach dem
       Massaker der Hamas an israelischen Zivilist*innen auffallend still
       geblieben. Auf der Handvoll Solidaritätsdemos, die es gab, waren höchstens
       ein paar Tausend, oft nur einige Hundert Menschen. Von
       zivilgesellschaftlichen Organisationen und linken Gruppen war nicht viel zu
       sehen. Das ist angesichts [1][der brutalen Morde an rund 1.400 unschuldigen
       Männern, Frauen und Kindern] erschreckend, aber irgendwie noch zu erklären:
       Der Nahostkonflikt ist kompliziert, die Linke bei dem Thema traditionell
       gespalten.
       
       [2][Nicht mehr zu erklären ist die Untätigkeit spätestens seit Mittwoch],
       als Unbekannte versuchten, eine Synagoge in der Berliner Brunnenstraße
       anzuzünden. Es war der bisherige Höhepunkt einer ganzen Reihe klar
       antisemitischer Angriffe auf Jüd*innen in Deutschland und ihre
       Einrichtungen. Zu der Mahnwache am Abend nach der Tat kamen rund 70
       Personen.
       
       Das ist eine Katastrophe. Wenn in Deutschland wieder versucht wird,
       Synagogen niederzubrennen, darf die deutsche Gesellschaft und vor allem die
       Linke nicht mehr untätig bleiben. Das gilt auch für die [3][antiimperiale
       Linke, die traditionell den Palästinser*innen nahesteht]. Keine Frage:
       Es ist legitim, um die unschuldigen Toten in Gaza zu trauern. Es ist auch
       legitim, gegen die Luftangriffe Israels zu demonstrieren und das Elend der
       Zivilbevölkerung in Gaza zu beklagen. Auch wenn man darin bisweilen ein
       merkwürdig einseitiges Mitleid erkennt, sollte klar sein: Für [4][diese
       Positionen und Gefühle muss es Ausdrucksmöglichkeiten geben].
       
       Aber viel von dem, was sich da derzeit in Deutschland abspielt, hat damit
       nichts mehr zu tun. Es ist der alte Hass auf Jüd*innen in neuer Form.
       Hiergegen muss sich die gesamte Linke nicht nur klar abgrenzen, sondern sie
       muss aktiv dagegen ankämpfen. Und sie muss endlich erkennen, dass
       unentschuldbarer Antisemitismus nicht erst da anfängt, wo es um tätliche
       Gewalt gegen Jüd*innen geht.
       
       ## Kontinuitäten zwischen Nazizeit und Gegenwart
       
       Um sich zu vergegenwärtigen, was für ein Geist da gerade teils durch
       deutsche Straßen weht, lohnt es, sich genauer anzuschauen, was am
       Mittwochabend vor dem Auswärtigen Amt geschah. Da kamen etwa 100 junge
       Leute für eine Sitzblockade zusammen, um gegen die deutsche Unterstützung
       für Israel zu demonstrieren. „Free Palestine from German guilt“,
       skandierten sie, wie auf einem Video zu hören ist, auf Deutsch: „Befreit
       Palästina von der deutschen Schuld.“
       
       Das ist unbestreitbar nah dran an der Forderung vieler Rechtsextremer, den
       „deutschen Schuldkult“ zu beenden. Mehr oder weniger explizit steckt darin:
       Sobald es um die aktuelle Lage in Nahost geht, stört die Erinnerung an die
       deutschen Verbrechen nur noch. Weg damit.
       
       Diese Nähe zu rechtsextremen Positionen ist kein Zufall. Die Kontinuitäten
       zwischen dem, was Nazideutschland in den 40er Jahren zum Massenmord trieb,
       und dem, was heute Jüd*innen weltweit und gerade in Nahost
       entgegenschlägt, sind relativ gut erforscht. Da sind deutsche Radiosender,
       die während des Zweiten Weltkriegs gezielt auf Arabisch den antisemitischen
       Wahn im Nahen Osten verbreiteten. Da ist der Mufti von Jerusalem, der mit
       den Nazis kollaborierte und der SS beitrat. Da sind die deutschen
       Kriegsverbrecher, die nach dem Sieg der Alliierten in Syrien Aufnahme
       fanden.
       
       All das sollte endlich aufräumen mit dem Gerede vom „importierten
       Antisemitismus“, das gerade wieder bevorzugt von solchen
       Politiker*innen kommt, die vor wenigen Wochen noch zu Hubert Aiwangers
       Holocaust-Fantasien geschwiegen oder sie als Jugendsünden schöngeredet
       haben. Studien weisen auch in der deutschen Bevölkerung ohne
       Migrationshintergrund erschreckend hohe Zustimmungswerte für antisemitische
       Aussagen nach. Der Hass auf Jüd*innen mag in unterschiedlichen
       Schattierungen auftreten, er ist und bleibt ein globales und auch gerade
       ein Problem Deutschlands, das ihn nicht nur mit Auschwitz zu seinem
       grauenhaften Höhepunkt getrieben, sondern ihn auch gezielt exportiert hat.
       
       Genau deswegen muss die Linke – gerade in Deutschland – Antisemitismus
       bekämpfen, von wem immer er ausgeht. Und ja: Ein erster Schritt dazu könnte
       es sein, endlich demonstrieren zu gehen. Gleichzeitig muss gelten: Zusammen
       mit Antisemit*innen wird nicht demonstriert. Das schließt nicht nur
       all diejenigen aus, die Jüd*innen angreifen, sondern auch die, die mit
       antisemitischen Parolen und Forderungen geistige Vorarbeit leisten. Sie
       haben linke Solidarität nicht verdient.
       
       Das muss unabhängig davon gelten, ob es um Nazis in Sachsen geht, Bayern im
       Karohemd, Studierende, die sich im postkolonialen Befreiungskampf wähnen,
       oder eben um Islamisten und ihre Unterstützer*innen in Neukölln.
       
       20 Oct 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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