# taz.de -- Klimawandel und No Future: Die Rückkehr der Apokalypse
       
       > Aktivisten von Extinction Rebellion und der Letzten Generation erinnern
       > an die Achtziger. „No Future“ und Klimaangst haben den gleichen Kern.
       
 (IMG) Bild: „Zuerst sterben die Bäume, dann die Menschen“: Protest in Wackersdorf 1986. Heute warnen Wissenschaftler: Erst sterben massenhaft die Arten und am Ende vielleicht der Mensch
       
       Wenn die Apokalyptiker der frühen achtziger Jahre Recht behalten hätten,
       würden Sie diesen Text nicht lesen. Sie säßen in einer Höhle im
       Voralpenland bei einem am Feuer gebratenen Stück radioaktiv verstrahlten
       Hirschs. Ein Atomkrieg hätte weite Teile Deutschlands unbewohnbar gemacht.
       
       Die gute Nachricht ist: Die taz erscheint noch, Sie können diesen Artikel
       lesen, zustimmend nicken [1][oder einen tadelnden Leserbrief schicken]. Der
       schlechten Nachrichten sind zwei: 1. Der Atomkrieg war eine reale Gefahr.
       2. Man muss auch heute das Schlimmste für möglich halten.
       
       Wissenschaftler warnen seit über 50 Jahren davor, dass das Aussterben der
       Menschheit durch die von ihr verursachte Erderwärmung nicht ausgeschlossen
       sei: Erst sterben massenhaft die Arten, dann stirbt vielleicht der Mensch.
       
       Jetzt ist aus einer abstrakten eine spürbare Gefahr geworden – und
       [2][Psychologen beschreiben ein Syndrom namens Klimaangst], das sich aus
       einer Ohnmachtserfahrung speist: Die Fakten liegen auf dem Tisch, aber die
       politischen Antworten sind unzureichend. In wenigen Jahren werden
       Kipppunkte erreicht, an denen uneinholbare Prozesse mit katastrophalen
       Folgen ausgelöst werden.
       
       Während sich der bürgerliche Mainstream der Klimabewegung [3][Fridays for
       Future] nennt und so das Ziel einer weiter bestehenden Möglichkeit von
       Zukunft in den Blick nimmt, weisen die Namen von Bewegungen wie Letzte
       Generation, die vor allem in Deutschland aktiv ist, und Extinction
       Rebellion aus England darauf hin, dass es keine Zukunft geben wird, wenn
       nicht sofort ein radikaler Kurswechsel vorgenommen wird.
       
       Wer die achtziger Jahre erlebt hat, kann auf den Gedanken kommen, dass No
       future wieder da ist. Als John Lydon von der Punkband Sex Pistols davon
       sang, dass Englands Träume keine Zukunft hätten – „there is no future in
       England’s dreaming“, wollte er allerdings nicht vor dem nahenden Weltende
       warnen, sondern der Hoffnungslosigkeit der britischen Jugend Ausdruck
       verleihen.
       
       In Deutschland gedieh Lydons Parole prächtig auf dem Nährboden der German
       Angst, die, so sagen Historiker, in der katastrophalen Erfahrung des
       Dreißigjährigen Kriegs gründet. Diese Angst drückte sich nun so aus: Die
       Deutschen sterben aus. Der Wald stirbt. Das Essen ist vergiftet. Die
       Atomkraftwerke strahlen. Es droht die Vernichtung der Menschheit: Während
       des Kalten Kriegs war die nukleare Aufrüstung so weit fortgeschritten, dass
       ein tausendfacher „Overkill“ möglich wurde.
       
       Es hätte passieren können. Wäre ein Oberstleutnant der sowjetischen
       Luftverteidigungsstreitkräfte namens Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow am 26.
       September 1983 nicht skeptisch geblieben angesichts von sieben
       amerikanischen, mit Nuklearsprengköpfen bestückten Interkontinentalraketen,
       die ihm sein System meldete: Ein Aufklärungssatellit hatte Spiegelungen in
       den Wolken als Zeichen eines Erstschlags interpretiert.
       
       Die Klimakatastrophe kann nicht durch einzelne Offiziere und Staatschefs
       verhindert werden, indem sie nichts tun, also nicht auf den roten Knopf
       drücken. Heute ist vielmehr kollektives, schnelles Handeln nötig.
       
       Was die Zukunftsangst von 1980 und die Klimaangst von 2022 aber gemein
       haben, ist ihr apokalyptischer Kern. Das apokalyptische Denken speist sich
       zwar aus Erfahrungen und Wissen, aber eben auch aus Stimmungen, ideologisch
       geprägten Annahmen, aus verdrängten Aggressionen – und dem Wunsch nach
       Erlösung.
       
       Wenn sich jugendliche Aktivisten gegen die ihrer Ansicht nach bloße
       Verwaltung der Klimakatastrophe wehren und sich [4][als „Letzte
       Generation“] bezeichnen, wenn Extinction Rebellion gegen die „Auslöschung“
       rebelliert, dann steckt darin eine apokalyptische Prophezeiung.
       
       In seinem Klassiker „The Pursuit of the Millennium“ von 1957 schweift der
       amerikanische Historiker Norman Cohn durch die Jahrhunderte, um die
       wiederkehrenden messianischen Bewegungen in der abendländischen Geschichte
       zu beschreiben. Seit jüdische Propheten zum ersten Mal das baldige Nahen
       der Endzeit und die rettende Ankunft des Gesalbten verkündeten, griffen
       immer dann Erlösungsfantasien um sich, wenn die Angst vor dem Morgen am
       größten war.
       
       Cohn zeigt, wie die apokalyptischen Bewegungen des Mittelalters von den
       Heilserwartungen der Mittellosen und Randständigen befeuert wurden und
       häufig in Kreuzzügen und Pogromen endeten, denen die vermeintlichen Feinde
       des Gottesreichs zum Opfer fielen – seien es die Juden von Worms oder die
       Muslime in Jerusalem. Wenn ein Papst dem Plündern und Morden Einhalt zu
       gebieten versuchte, wurde er von den wandernden Volkspredigern als der
       Antichrist diffamiert.
       
       Wenn heute Extinction Rebellion und Letzte Generation die Regierung als
       verbrecherisch, mörderisch und ausbeuterisch bezeichnen, ist es nicht ganz
       verwunderlich, dass konservative Kommentatoren bereits eine „grüne RAF“ am
       Horizont wähnen. Beide Bewegungen halten Sachbeschädigungen und zivilen
       Ungehorsam für legitim, derzeit beschränken sich ihre Aktionen auf das
       Blockieren von Autobahnen, das Abdrehen von Ölpipelines und das Grünfärben
       von Brunnen.
       
       In ihren Videobotschaften lässt sich ein protestantischer Tonfall aber
       genauso wenig überhören wie die Gewissheit, im Besitz einer Wahrheit zu
       sein, die anderen verschlossen ist. Die Münchner Punkband Marionetz
       beschrieb die nahende Apokalypse einst dagegen so: „Lebe in einer rosa
       Welt. Spiele hier und habe fast kein Geld. Warte auf das Ding, das auf
       Deutschland fällt, und sonst nichts.“ Dazu spielten sie eine muntere
       Melodie. Ihre Idee von No future wusste noch vom Klassenbewusstsein John
       Lydons und verstand Humor als Ausdruck von Resilienz.
       
       Die bürgerliche Gesellschaft und die von ihr angestoßene Industrialisierung
       haben eine Welt voller Widersprüche hervorgebracht. Einerseits ist der
       Lebensstandard vieler Menschen weltweit seit 200 Jahren ständig gestiegen,
       andererseits lassen die Folgen dieser Entwicklung den Fortbestand unserer
       Zivilisation fraglich werden. Dass Letzteres junge Leute auf die Idee
       bringt, radikale Mittel seien geboten, ist nicht überraschend.
       
       Die Reaktionen auf die real drohende Gefahr erzählen uns aber mitunter mehr
       über die Verängstigten als über den Anlass, der ihre Angst erzeugt. Die
       Psychoanalyse beschreibt das Phänomen als Projektion.
       
       Was den radikalen Aktivisten von heute die kriminelle Regierung und die
       verbrecherischen Manager von Energiekonzernen sind, waren den
       Friedensbewegten der Achtziger „die Amis“, personifiziert durch den
       Oberschurken Ronald Reagan. Im Sommer 1982 versuchte sich der deutsche
       Schamane Joseph Beuys als Popsänger und dichtete: „Aus dem Land, das sich
       selbst zerstört und uns den ‚way of life‘ diktiert, da kommt Reagan und
       bringt Waffen und Tod. Und hört er Frieden, sieht er rot. Er sagt als
       Präsident von USA: Atomkrieg? Ja bitte, dort und da. Ob Polen, Mittlerer
       Osten, Nicaragua, er will den Endsieg, das ist doch klar. Doch wir wollen
       Sonne statt Reagan. Ohne Rüstung leben!“
       
       Nicht Beuys, der sich 1941 zur Luftwaffe gemeldet hat und als Funker in
       einem Sturzkampfbomber diente, hat also für den Endsieg gekämpft, sondern
       Ronald Reagan hat ihn im Sinn: Der plant einen globalen Atomkrieg.
       
       Echos dieser Projektion kann man heute hören, wenn der Brite Roger Hallam,
       Mitgründer von Extinction Rebellion, erklärt, der Klimawandel sei nur das
       „Rohr, durch das Gas in die Gaskammer fließt, der Mechanismus, durch den
       eine Generation eine andere tötet“. Die Klimakatastrophe als Ergebnis der
       modernen kapitalistischen Gesellschaft und ihres exzessiven
       Ressourcenverbrauchs wird hier zum tödlichen Generationskonflikt
       simplifiziert, während die Jungen, die sich ihrer „Ausrottung“ widersetzen,
       nonchalant zu den Juden von heute erklärt werden. Dass er Personen
       verantwortlich macht, wo es ein komplexes System zu ändern gälte, entgeht
       Hallam. Er reproduziert nur das neoliberale Weltbild, laut dem es
       Gesellschaft gar nicht gibt, sondern nur einzelne Menschen und die um sie
       herum gruppierte heilige Familie.
       
       Wenn Themen wie Überbevölkerung, Raubbau an der Natur und
       Umweltverschmutzung die öffentliche Diskussion bestimmen, dann habe sich
       der Gegner verwandelt, meinte vor gut vierzig Jahren Wolfgang Pohrt: Nicht
       das falsche gesellschaftliche Verhältnis der Menschen, der Mensch selbst
       erscheint dann als Feind. Pohrt war in den Achtzigern der schärfste
       Kritiker der Friedensbewegung, deren nationalistische Tendenzen er
       kritisierte. Zugleich arbeitete er die antihumanistischen Neigungen eines
       radikalen Ökologismus heraus.
       
       Das Verhältnis des apokalyptischen Denkens zur gesellschaftlichen
       Wirklichkeit interpretierte Pohrt so: In der Tat sei die Frage vernünftig,
       „ob eine Welt, in welcher die Mehrheit der Bevölkerung keine Möglichkeit
       hat, wenigstens ihren grimmigsten Hunger zu stillen, während eine große
       Minderheit verbissen gegen das eigene Fett kämpft, es verdient zu
       existieren. Erst dieser berechtigte Zweifel, ob es für die vorhandene Welt
       nicht besser wäre, wenn sie spurlos verschwände, macht die technische
       Möglichkeit atomarer Vernichtung zur apokalyptischen Vision.“
       
       In der jüdisch-christlichen Tradition der Apokalypse folgt dem Ende der
       Tage eine neue Welt. In ihr liegen Wolf und Schaf friedlich nebeneinander
       auf der Wiese.
       
       13 Aug 2022
       
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