# taz.de -- Gekaperter Ryanair-Flug in Belarus: Entführer im Präsidentenamt
       
       > Alexander Lukaschenko jagt Oppositionelle jetzt auch in der Luft. Die
       > Konsequenz: Europas Fluggesellschaften sollten Belarus nicht mehr
       > überfliegen.
       
 (IMG) Bild: Lukaschenko demonstriert mit seiner Aktion: „Ich habe die Macht. Ich kriege euch.“
       
       Die Botschaft von Diktator Lukaschenko mit der Entführung des
       Ryanair-Flugzeugs ist eindeutig: Wer jetzt immer noch über Belarus fliegen
       möchte, gefährdet sich und die Mitreisenden. Nicht auszuschließen, dass der
       Abfangjäger, der dem Ryanair-Flugzeug hinterhergeschickt wurde, seine
       Drohung, das Feuer zu eröffnen, wahr gemacht hätte, wenn die Piloten der
       Aufforderung zur Landung in Minsk nicht nachgekommen wären. Nun muss den
       Fluggesellschaften ein Überfliegen von Belarus verboten werden, im
       Interesse des Lebens der Passagiere.
       
       Hinter diesem brutalen Akt einer staatlich organisierten Flugzeugentführung
       steckt noch eine weitere Message. Und die heißt: „Ich habe die Macht. Ich
       kriege euch.“ Nachdem Lukaschenko mehr oder weniger erfolgreich seine
       Gegner und Kritiker im Lande, unabhängige Medien, AktivistInnen,
       MenschenrechtlerInnen, OppositionspolitikerInnen, UmweltschützerInnen
       gejagt und [1][mundtot gemacht hat], macht er sich nun an die, die noch
       rechtzeitig eine Flucht ins Ausland geschafft hatten.
       
       Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, die noch vor einer Woche über
       die gleiche Flugstrecke Griechenland besucht hatte, sollte sich in Zukunft
       sehr genau die Route eines Fluges ansehen, bevor sie diesen bucht. Sie
       könnte sich sonst als Nächste gegen ihren Willen auf dem Minsker Flughafen
       wiederfinden.
       
       Kaum vorstellbar, dass Belarus eine derartige Flugzeugentführung alleine
       bewerkstelligt hat. Nur wenige wussten von Roman Protassewitschs
       Griechenland-Aufenthalt. Für derartige Aktionen brauchen Geheimdienste eine
       gewisse Infrastruktur. Belarus, das in Athen nicht einmal mit einem
       Botschafter vertreten ist, wird kaum über die dazu notwendige Infrastruktur
       verfügen. So ist anzunehmen, dass der große Bruder, der russische FSB,
       Amtshilfe geleistet hat.
       
       ## Lukaschenko hat von Putin gelernt
       
       Und in Russland hat man Erfahrung im Umgang mit Oppositionellen im Ausland.
       Der mit Polonium 2006 tödlich vergiftete Alexander Litwinenko, der in Wien
       2009 ermordete Umar Israilow, ein Gegner des tschetschenischen
       Regierungschefs Kadyrow, der 2018 von Deutschland nach Russland
       abgeschobene Kadyrow-Gegner Schamil Soltamuradow, der inzwischen zu 17
       Jahren Haft verurteilt wurde, machen deutlich, dass das russische Vorbild,
       Regimegegner auch im Ausland zu jagen, wohl in Alexander Lukaschenko einen
       Nachahmer gefunden hat.
       
       Für Deutschland heißt das: Wir müssen Menschen, die vor Verfolgung in
       Belarus und Russland geflohen sind, schützen, auch wenn dies bedeutet, dass
       wir für einen Flug, der belarussisches Territorium umgeht, etwas tiefer in
       die Tasche greifen müssen und wir vielleicht auch Gegensanktionen
       Lukaschenkos ertragen müssen.
       
       24 May 2021
       
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