# taz.de -- Regierungskrise in Thüringen: Der nächste Coup von Erfurt
       
       > Wieder wird Thüringens CDU von einer anderen Partei überrascht: Ramelow
       > schlägt seine Vorgängerin Christine Lieberknecht vor.
       
 (IMG) Bild: Zwei Frauen an der CDU-Spitze: Christine Lieberknecht (links) und Angela Merkel, 1991
       
       Erfurt/Berlin taz | „Respekt!“, „Ein echter Coup!“, „Das hat Größe!“ Auf
       Twitter wurde der Vorschlag des Thüringer Linken Bodo Ramelow statt seiner
       zunächst seine Vorgängerin, die CDU-Frau Christine Lieberknecht zur
       Thüringer Ministerpräsidentin zu wählen, noch in der Nacht von Montag zu
       Dienstag ausgiebig bejubelt. Ein Linker schlägt eine CDU-Frau als
       Landeschefin vor, wenn auch nur übergangsweise. Das hat es noch nie
       gegeben. Politiker von Grünen, SPD und Linken spendeten Beifall.
       
       Und die Thüringer CDU? Äh ja. „Haben wir mit Interesse aufgenommen“, teilte
       der Noch-Vorsitzende Mike Mohring gegen Mittag in einem dürren Statement
       aus der CDU-Fraktionssitzung mit.
       
       Die Christdemokraten habe ihre Sitzung unterbrochen. Später am Tag wird der
       Grund bekannt: Mohring und der CDU-Landesvize Mario Voigt, der als Mohrings
       Nachfolger im Gespräch ist, fahren gemeinsam zu einem Treffen mit
       Lieberknecht.
       
       Ein für halb zwei am Dienstag angesetztes Treffen zwischen den Fraktionen
       von CDU, Linken, SPD und Grünen wird auf Bitten der Christdemokraten auf
       den späten Abend verschoben.
       
       ## Häme von der AfD
       
       Weil vor dem „Bernhard-Vogel-Saal“ im Thüringer Landtag, dem Sitzungssaal
       der CDU, zunächst nichts passiert, nutzt der Parlamentarische
       Geschäftsführer der AfD, Stefan Möller, die Gunst der Stunde, platziert
       sich vor den Mikrofonen und sagt: „Sie haben sicherlich Fragen.“ Viele sind
       es nicht. Doch Möller kann seine Häme über die CDU ergießen. Diese müsse
       überlegen, ob sie mit Neuwahlen „Selbstmord begehen will“.
       
       Seit zwei Wochen herrscht in Thüringen Chaos: Es gibt keine Minister, auch
       der Platz des Ministerpräsidenten im Bundesrat blieb am Freitag leer.
       Verantwortlich für diese Zustände ist maßgeblich auch die CDU.
       
       Am Mittwoch vor zwei Wochen [1][wählte sie den FDP-Politiker Thomas
       Kemmerich], Vorsitzender der kleinsten Fraktion im Landtag, mit zum
       Ministerpräsidenten. Und zwar in dem vollen Bewusstsein, dass Kemmerich nur
       mit den Stimmen der rechtsextremen AfD gegen Bodo Ramelow gewinnen kann.
       Und so kam es dann auch.
       
       Das Thüringer Dammbruch erschütterte die Republik und riss nicht nur
       Kemmerich mit sich, sondern auch die Berliner CDU-Parteivorsitzende
       Annegret Kramp-Karrenbauer und Mohring selbst. Einen Plan, wie sie wieder
       auf die Füße kommt, hat die CDU seither nicht. Nur eines will sie jetzt
       vermeiden: Neuwahlen in Thüringen.
       
       ## Mohring lehnt ab
       
       Als Grund schiebt sie zunächst die AfD vor. „Wir glauben, dass das
       Wichtigste ist, dass am Ende eines Prozesses nicht die AfD stärker werden
       kann, als sie jetzt schon ist“, so CDU-Landesvize Mario Voigt am
       Montagabend. Doch wie andere CDU-Abgeordnete müsste Voigt um seinen Platz
       im Landtag zittern. Den aktuellen Umfragen zufolge würde sich seine
       Fraktion fast halbieren.
       
       Doch genau diese Kröte sieht der Plan des in harten
       Tarifauseinandersetzungen geschulten [2][einstigen Gewerkschaftssekretärs
       Ramelow] vor. Im Gegenzug dafür, dass die Linke eine CDU-Politikerin zur
       Ministerpräsidentin wählt, müsste die CDU Neuwahlen zustimmen. Und zwar, so
       stellt es die Thüringer Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow klar: bevor
       (!) Lieberknecht gewählt würde. Nur unter dieser Bedingung hat ihre
       Fraktion am Dienstag dem Vorschlag einstimmig zugestimmt.
       
       Der Auflösung des Landtags müssen 60 der 90 Abgeordneten zustimmen.
       Rot-Rot-Grün, die zusammen 42 Abgeordnete stellen, braucht dafür also die
       Stimmen der 21 CDUler. Um kurz nach vier ist die Sitzung der CDU-Fraktion
       beendet, Mohring und Voigt geben kurze Statements ab. Gegen Lieberknecht
       haben sie nichts.
       
       Doch den Rest von Ramelows Vorschlag lehnen sie ab. Dieser, so Mohring,
       greife zu kurz. Die CDU wolle eine „voll arbeitsfähige technische
       Regierung“. Diese soll aus von Linke, CDU, SPD, Grünen und FDP
       parteiübergreifend berufenen Experten bestehen. „Danach kann dann alles
       Weitere, auch Neuwahlen, folgen“, so Mohring. Dies sei einhellige Position
       der CDU.
       
       ## Auch Grüne überrumpelt
       
       Die erste Reaktion der Linken: Geht gar nicht. „Das ist kein ernst zu
       nehmendes Angebot, sondern der weitere Versuch Ramelow zu delegitimieren
       und Neuwahlen zu verhindern“, so der stellvertretende Landesvorsitzende
       Steffen Dittes.
       
       Ramelows Vorschlag sieht vor, dass die 61-jährige Lieberknecht, nachdem der
       Landtag sich aufgelöst hat, für etwa 70 Tage mit „einem Justizminister, mit
       einer Finanzministerin und einem Chef der Staatskanzlei eine „technische
       Regierung“ bilden soll, bis ein ein neuer Landtag gewählt ist.
       
       SPD und Grüne weiß Ramelow hinter sich. Obwohl auch die Grünen von Ramelows
       Manöver überrumpelt wurden. Der Fraktionsvorsitzende Dirk Adams hatte 90
       Minuten vor dem geplanten Vierertreffen mit Linken, SPD und CDU am
       Montagabend davon erfahren. „Wir waren schon überrascht“, so Adams.
       
       Inzwischen haben sich die Grünen genauso wie die SPD beraten. Man sehe den
       Vorschlag Ramelows als einen guten Weg, um aus der Krise herauszukommen,
       sagt Adams. Denn: „Wir brauchen dringend stabilere Verhältnisse.“ Das habe
       Priorität. Auch Neuwahlen würde seine Partei nicht im Wege stehen. Aber
       wie schnell die kämen, sei nicht so wichtig.
       
       ## Nächste Runde im Thüringer Machtpoker
       
       Neuwahlen wären für die Grünen nicht ohne Risiko. [3][Umfragen sehen sie
       derzeit knapp über der Fünfprozenthürde]. Die Grünen selbst sehen sich
       derzeit als Vermittler zwischen der Linken, die Tempo macht, und der CDU,
       die auf die Bremse tritt.
       
       Am Dienstagabend nach Redaktionsschluss begann eine neue Verhandlungsrunde
       im Thüringer Machtpoker. Stand zu Beginn: Ein Patt. Doch erst wenn sich
       alle Parteien auf ein gemeinsames Paket einigen können, stünde Lieberknecht
       zur Verfügung. Wenn nicht, dann nicht.
       
       18 Feb 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ministerpraesidentenwahl-in-Thueringen/!5662080/
 (DIR) [2] /Landtagswahl-in-Thueringen/!5629070/
 (DIR) [3] http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/thueringen.htm
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sabine am Orde
 (DIR) Anna Lehmann
       
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