# taz.de -- Massenprodukt Huhn: Heißhunger auf Huhn
       
       > Kein Tier ist so überzüchtet wie das Huhn. Es ist fett und billig. Aber
       > warum wurde ausgerechnet das Huhn zum Ramschartikel in der Fleischtheke?
       
 (IMG) Bild: Geflügelmäster Stefan Teepker kontrolliert die Krallen seiner Hühner
       
       Handrup/Kolkwitz taz | Stefan Teepker knipst das Licht an, Stall Nummer 4
       wird erleuchtet, und 37.000 Hühner erwachen. Sekunden später wogt eine
       Welle aus weißen Körpern durch die graue Wellblechhalle. Eine chaotische
       Masse, die scheinbar kein Ende nimmt, in der es keine Ordnung gibt. Staub
       steigt auf und vermischt sich mit dem Gelärme aus Tausenden Hühnerkehlen,
       spitz und kratzig.
       
       Teepker greift unerschrocken in die weiße Masse hinein und packt zu. Der
       weiße kleine Körper in seiner Hand windet sich, protestiert und wird dann
       schlaff. Es ist ein Hähnchen, 26 Tage alt, etwa 1,4 Kilo schwer. In zwei
       Wochen wird es geschlachtet.
       
       Seit April dieses Jahres ringt das „Klimakabinett“ der Bundesregierung um
       nachhaltige Lösungen für Verkehr und Landwirtschaft. Die deutsche
       Gesellschaft debattiert über Fleischverzicht, und der Konsum von Rind und
       Schwein geht langsam zurück. Nur das Huhn hat nichts davon.
       
       622 Millionen Masthühnchen landeten 2018 in den Schlachthöfen, 23 Millionen
       mehr als im Vorjahr. 81 Prozent aller geschlachteten Tiere in Deutschland
       sind Masthühner. Hähnchenbrustfilet, 300 Gramm für 4 Euro. Noch nie wurde
       so viel Geflügel verzehrt wie heute. Nicht nur in Deutschland, sondern
       weltweit.
       
       ## Immer weniger Betriebe mästen immer mehr Tiere
       
       Das Huhn ist zum Massenprodukt geraten, zum Ramschartikel in der
       Fleischtheke. Zum hochgezüchteten Superhuhn, das schneller wächst und mehr
       Fleisch und Eier liefert als je zuvor.
       
       Ein Wandel, eine Steigerung der Effizienz, die nicht nur das Huhn ergriffen
       hat, sondern die gesamte Landwirtschaft. Immer weniger Betriebe
       bewirtschaften immer mehr Land und mästen immer mehr Tiere. Kleine Höfe
       geben auf, statt festen Arbeitskräften malochen billige Lohnarbeiter auf
       den Feldern. Technik ersetzt Handwerk in den Ställen.
       
       Und das Huhn ist das hochgemästete Werbegesicht dieser Entwicklung. Einer
       Entwicklung, die aus Tieren Maschinen macht und Landwirte in ein System
       zwängt, aus dem es kaum einen Ausstieg gibt. Wie konnte es dazu kommen? Und
       gibt es ein Zurück?
       
       Ein warmer Junimorgen im platten Hinterland von Niedersachsen, der Hochburg
       der deutschen Geflügelwirtschaft. Rund 61 Millionen Hühner leben hier, zwei
       Drittel aller deutschen Masthühner.
       
       ## Das Ross 308 ist ein Superhuhn
       
       Stefan Teepker steuert seinen schwarzen Mercedes durch den trägen
       Vormittag, vorbei an satten Wiesen und Höfen aus verwittertem Backstein.
       Der 38-Jährige ist unterwegs zu einem seiner Ställe. Einer Ansammlung von
       grünem Wellblech, die sich unauffällig in die Landschaft schmiegt.
       
       Stefan Teepker ist Landwirt, Hühnermäster und Vater von vier strohblonden
       Kindern. Er beschäftigt 17 Angestellte, beackert 500 Hektar Ackerfläche,
       hält 3.000 Schweine und 440.000 Hühner. Eine Großstadt voller Gefieder. Man
       könnte sagen, Stefan Teepker ist ein Mann der Effizienz. Dazu passt auch
       sein Vieh.
       
       In Teepkers Stall lebt das Ross 308. Ein Superhuhn.
       
       „Das Ross 308 ist weltweit als ein Masthähnchen anerkannt, das eine
       konstante Leistung liefert. Produzenten schätzen die Wachstumsrate, die
       Futtereffizienz und die robuste Leistung des Ross 308.“
       
       So steht es in der Produktbeschreibung des Tiers. Nachzulesen auf der
       Website des amerikanischen Unternehmens Aviagen, eines der größten
       Masthähnchenzüchter der Welt. Dort findet sich auch eine
       Bedienungsanleitung für das Ross 308, genannt „Broiler-Handbuch.“ Neben
       Tipps zur Temperaturregelung im Stall und der empfohlenen Futtermenge ist
       auch die Leistung der Tiere erfasst.
       
       ## Vier Kilo in 40 Tagen
       
       In rund 40 Tagen frisst ein Huhn der Kategorie Ross 308 etwa vier Kilo
       Getreide und legt zwei bis drei Kilo zu. So viel und schnell wie kein
       anderes Nutztier. Schweine müssen drei Kilo fressen, um ein Kilo Fleisch
       anzusetzen, Kühe, je nach Gewicht und Alter zwischen acht und zehn
       Kilogramm.
       
       „Das Ross 308 ist das beliebteste Masthähnchen der Welt.“ So steht es im
       Broiler-Handbuch von Aviagen.
       
       Das amerikanische Unternehmen gehört zur deutschen Erich Wesjohann Gruppe,
       kurz EW Group, einem Geflecht aus 28 deutschen und 81 ausländischen Firmen.
       Der Konzern ist Weltmarktführer der Hühnergenetik.
       
       In der Produktpalette der EW Group finden sich Hühner, die man je nach
       ihrer Veranlagung und Beschaffenheit eingeteilt hat. In Legehennen und
       Masthähnchen, weibliche und männliche Tiere, die auf Gewichtszunahme
       gezüchtet sind. Tiere aus dem Labor, Hybridhühner, gezüchtet aus
       unterschiedlichen Hühnerrassen. Das Lohmann LB extra, dessen Eierschale als
       „attraktiv braun“ beschrieben wird und in 85 Wochen bis zu 377 Eier legt.
       Ein Huhn, besonders geeignet für die ökologische Landwirtschaft. Das Ross
       708: „Für einen außergewöhnlichen Fleischertrag“. Perfekt für die
       konventionelle Landwirtschaft. Perfekt für den wachsenden Hunger auf Huhn.
       
       ## Der Bruder von Wiesenhof
       
       Der Kopf hinter diesen Hochleistungstieren heißt Erich Wesjohann. Er ist
       der Bruder von Paul-Heinz Wesjohann, besser bekannt als Erbe und Eigner
       der Geflügelmarke Wiesenhof, des größten Herstellers von Geflügelfleisch in
       Deutschland. Huhn liegt in der Familie.
       
       Das Firmenzentrum der EW-Group liegt in Niedersachsen, nicht weit weg von
       Teepkers Hof, in der Kleinstadt Visbek. Hier, in einem weißen Schlösschen,
       das als Firmenzentrale dient, regiert Erich Wesjohann über das Erbgut des
       Huhns. Die Superhühner von Wesjohann werden in über 160 Länder verschifft.
       Nach Kasachstan, Argentinien und Frankreich. Der Erfolg dieser Expansion
       liegt im Huhn selbst, in seiner Genetik.
       
       Durch Züchtung ist es der EW Group gelungen, das Huhn von einem zarten
       Vögelchen in einen Brocken aus Fleisch zu verwandeln. In eine Maschine,
       deren Körper rund drei Kilo mehr auf die Waage bringt als noch 1957 und
       fast doppelt so viele Eier legt wie in den 1960ern, rund 300 Stück pro
       Jahr.
       
       Diese Leistungen gehen aber bereits nach einer Hühnergeneration verloren,
       die Geninformation wird nicht weitervererbt. Wer Nachschub für seine Ställe
       braucht, muss immer wieder neu nachbestellen. Ein System, das an die
       Monopolisierung von Saatgut durch das Unternehmen Monsanto erinnert. Auch
       die EW Group bietet Zubehör an: Impfungen und perfekt abgestimmtes Futter.
       
       Das Ergebnis ist eine Monopolisierung des Huhns, die nicht nur zu
       Verschiebungen in der Landwirtschaft geführt hat, sondern auch im Huhn
       selbst.
       
       ## Kein anderes Nutztier hat der Mensch so stark verändert
       
       „Der moderne Broiler ist ein markanter neuer Morphotyp mit einer relativ
       breiten Körperform, einem niedrigen Schwerpunkt. Wenn man sie bis zur Reife
       leben lässt, ist es unwahrscheinlich, dass Masthähnchen überleben.“
       
       Dieser Auszug stammt aus einer Studie der University of Leicester von
       Dezember 2018. Titel: „Das Masthähnchen als Signal für eine vom Menschen
       geschaffene Biosphäre.“
       
       Forscher untersuchten, wie sehr der Mensch seine Umwelt und das Huhn
       geprägt hat. Ihr Fazit: Durch die konstante Züchtung hat sich das Huhn von
       sich selbst entfernt. Organe wie Herz und Lunge sind kleiner, die Muskeln
       schwächer, die Genetik ist um 50 Prozent ärmer als noch vor 60 Jahren.
       Kurz: Kein anderes Nutztier ist vom Menschen so stark verändert worden wie
       das Huhn.
       
       Das Huhn ist tot, es lebe das Superhuhn.
       
       ## Vom Suppenhuhn zum Superhuhn
       
       Ein Wandel, ein Systemwechsel, der seinen Anfang in den späten 1950er
       Jahren nimmt.
       
       Deutschland ist damals der größte Eier- und Geflügelimporteur der Welt. Die
       USA, die Niederlande und Dänemark sind die Hauptlieferanten.
       
       Der Hunger aufs Huhn wächst stetig. Die deutschen Landwirte produzieren nur
       rund 60 Prozent des Bedarfs. Hühner dienen vor allem dem bäuerlichen
       Nebenerwerb. Das „Eiergeld“ bessert die Kassen der Bäuerinnen auf.
       
       1959 ändert sich das. Damals kauft ein kleiner Geflügelbetrieb in Cuxhaven
       ein paar Lizenzen für neuartige Hybridhühner. Ein neue Form des Huhns,
       geschaffen von einem amerikanischen Genetiker, der das Prinzip der
       leistungssteigernden Hybridzüchtung von Mais auf Hühner überträgt. Mit
       Erfolg.
       
       1965 gründet die Cuxhavener Firma Lohmann eine Brüterei für Masthähnchen,
       gemeinsam mit dem Eierhändler Paul Wesjohann, dem Vater der Brüder
       Wesjohann, und arbeitet am Aufbau der Marke Wiesenhof. Es ist der
       Startschuss für die deutsche Hühnerindustrie. Und für ein System, das auf
       Profit und Masse basiert.
       
       ## 7,5 Millionen Euro Umsatz mit Masthähnchen
       
       Vor zehn Jahren stieg dann auch Stefan Teepker, der Hühnermäster aus
       Niedersachsen, ins Hähnchengeschäft ein. Eine Entscheidung aus
       wirtschaftlichen Gründen. „Hähnchenfleisch ist ein Wachstumsmarkt“, sagt
       Teepker. Er ist da ganz klar. Ihm geht es ums Geschäft, und das ist
       profitabel. 7,5 Millionen Euro Umsatz macht Teepker mit seinen Masthähnchen
       pro Jahr.
       
       Er sitzt in seinem Büro auf einem schwarzen Stuhl und tippt etwas in den
       Computer. Durch die Fenster schaut er auf die grünen Wellblechhallen, die
       Geflügelstadt. Im Nebenraum befinden sich eine Umkleide und die
       Gemeinschaftsküche der Angestellten. An den weißen Raufasertapeten hängen
       Bilder von Teepkers blonden Kindern, umringt von kleinen gelben Küken.
       
       Die Eintagsküken bekommt Teepker von einer nahe gelegenen Brüterei, für 35
       Cent das Stück. Nach der Mästung verkauft er die Tiere an den Schlachter.
       Für ein Kilo Lebendgewicht bekommt er 92 Cent.
       
       Den Zeitpunkt der Schlachtung bestimmt die Nachfrage der Kunden. Plant ein
       Discounter eine Grillaktion mit günstigem Hühnerfilet, dann kommen die
       Lastwagen der Schlachterei schon an Tag 35 und nicht erst an Tag 40, zum
       üblichen Zeitpunkt der Schlachtung. Teepker muss dann liefern.
       
       ## Arbeitsteilung, ausgerichtet auf Effizienz
       
       Mit dem Superhuhn hat sich auch ein neues System etabliert: Arbeitsteilung,
       ausgerichtet auf Effizienz. Die Konzerne liefern die Genetik, die Vermehrer
       sorgen für die Produktion leistungsfähiger Elterntiere, Brütereien
       übernehmen das Ausbrüten, die Landwirte Mast und Eierproduktion, die
       Schlachtereien den Rest. Discounter und Fastfoodketten liefern den
       Konsumenten die fertigen Produkte.
       
       Eine Tabelle taucht auf Teepkers Computerbildschirm auf, darin die Zahlen
       für jeden der acht Ställe. Aufgelistet sind Futtermengen, auf die
       Grammzahl genau, Stalltemperatur und Grad der Belüftung.
       
       Stall 1: 24 Grad. 133 Gramm Futter pro Tier. Durchschnittsgewicht der
       Tiere: 1.399 Gramm. Fütterung und Lichtanlage lassen sich per App steuern,
       von Teepkers Telefon aus. Mit dem Wandel des Huhns hat sich auch die Arbeit
       der Landwirte verändert. Vom Handwerk zur computergesteuerten Tätigkeit im
       Hightechbereich.
       
       Weichen die Zahlen von der Norm ab, weiß Teepker, „muss man mal
       nachschauen“. Zweimal am Tag geht Stefan Teepker oder einer seiner
       Angestellten durch die Ställe. Schaut nach kranken oder auffälligen Tieren
       und kontrolliert die automatische Futterzufuhr. Fünf Leute betreuen hier
       440.000 Hühner. Ein Mensch kommt auf 88.000 Tiere.
       
       ## Wer viel hat, bekommt viel Geld
       
       Masse lohnt sich. Nicht nur bei Hühnern, auch bei Gerste oder Mais. Das
       liegt vor allem an der Agrarpolitik der EU. In Europa werden Landwirte mit
       Subventionen gefördert, die sich vor allem nach der bewirtschafteten Fläche
       berechnen.
       
       Wer viel hat, bekommt viel Geld. Geld, das für den Ankauf wieder neuer
       Flächen benutzt werden kann. So werden die großen Höfe immer größer, und
       kleine Betriebe verschwinden.
       
       Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Zahl der Betriebe in Deutschland um die
       Hälfte geschrumpft. Die Zahl der Arbeitskräfte sank um ein Drittel. Das
       zeigen Daten im aktuellen Agrar-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung.
       
       Wer aus diesem System ausbrechen möchte, der muss kämpfen. Oder weichen.
       
       ## Eine alte Rasse aus Frankreich
       
       Frank Maczkowski steht in einem hellen Hühnerstall aus Holz und schaut auf
       eine Herde aus wogenden weißen Hühnern. Er sieht zufrieden aus. „Die Tiere
       entwickeln sich gut“, sagt er.
       
       Maczkowski ist Stallmeister des Hofs Auguste, eines alten Gehöfts westlich
       von Cottbus.
       
       Er trägt eine grüne Latzhose über einem grünen Shirt. Sein Gesicht
       tiefbraun, die Augen hellblau, auf der Oberlippe hockt ein kleiner
       Schnurrbart.
       
       Es ist Mitte Juni. Draußen im Gebüsch zirpen die Grillen. Auf der
       verwitterten Holzscheune nistet ein Storch. An einem der Tore hat jemand
       mit weißer Kreide die Ankunft der Schwalben notiert. Maczkowski und der Hof
       Auguste sind das, was Städter sich vorstellen, wenn sie „Bio“ hören. Ein
       Idyll.
       
       1.000 Hühner leben in Maczkowskis Stall, der Boden ist mit Stroh
       eingestreut, ein kleiner Aufbau aus Eisen dient den Hühnern als Sitzstange.
       Es riecht nach Tier, nach Land. Die Hühner, die hier scharren und nach
       Körnern picken, sind Bressehühner. Große, kräftige Tiere mit feuerrotem
       Kamm. Eine alte Rasse, ursprünglich aus Frankreich, es sind sogenannte
       Zweinutzungshühner.
       
       ## Das Gegenteil vom Superhuhn
       
       Das Zweinutzungshuhn ist das Gegenmodell zum Superhuhn. Es ist quasi ein
       Ursprungshuhn. Es legt Eier und kann gleichermaßen gemästet werden.
       
       Seit vier Jahren leben die Tiere auf dem Hof Auguste. Sie sind Teil einer
       Gegenbewegung, der sich vor allem Kleinbauern angeschlossen haben, in
       regionalen Initiativen. Es ist der Versuch, das System Superhuhn, das
       System aus Wachstum und Effizienz, zu unterbrechen. Der Versuch, 60 Jahre
       Landwirtschaft wieder rückgängig zu machen.
       
       Unruhe kommt auf, zwei Hähne gehen aufeinander los. „Die sind jetzt in
       einem Alter, wo es Reibereien gibt“, sagt Maczkowski. Die Tiere sind 70
       Tage alt, mit 90 Tagen werden sie rund 1,8 Kilo wiegen. Mager im Vergleich
       zum Superhuhn. „Ist okay“, sagt Maczkowski. „Aber nur mit dieser Rasse kann
       kein Bauer überleben.“
       
       Wer mehr frisst und langsamer wächst, der kostet mehr. Dazu kommen höhere
       Ausgaben für Biofutter und große Anlagen. Kosten, die der Hof allein nicht
       tragen kann. Ein großer Biovertrieb sichert die Abnahme und übernimmt die
       Logistik. Die Eier und die Hähnchen landen in einem Biosupermarkt in
       Berlin. „Dafür sind wir dankbar“, sagt Maczkowski. Er erzählt von Höfen,
       die aufgegeben haben, darunter viele Familienbetriebe. „Da ist viel
       Herzblut bei, aber seine Schulden kann man damit nicht bezahlen.“
       
       ## 24 Euro versus 3 Euro
       
       Der Hof Auguste ist ein Hof der Lebenshilfe. Ein Ort, an dem auch psychisch
       kranke Menschen leben und arbeiten. Die Mehrkosten für die Hühner tragen
       sich vor allem durch das soziale Projekt.
       
       Ein Auguste-Huhn kostet rund 24 Euro an der Fleischtheke. Ein Hybridhuhn
       etwa 3 Euro. Öffentliche Förderung für das Projekt Zweinutzungshuhn gibt es
       wenig, die Lobby ist klein. „Wenn Kunden und Politik nicht umdenken, bleibt
       das hier eine Nische“, sagt Maczkowski.
       
       Zwei Drittel der Deutschen wünschen sich strengere Vorschriften für Tiere
       in der Massenhaltung, so schreibt der BUND auf seiner Website. Der
       Marktanteil von Bioprodukten liegt bei 5 Prozent. Der von Ökogeflügel bei
       etwa 1 Prozent.
       
       Nicht nur das Huhn hat sich von sich selbst entfremdet. Während das Tier
       hinter grünem Wellblech verschwand und zur Maschine wurde, wurde der Mensch
       zum Konsumenten, gewöhnt an ständige Verfügbarkeit und günstige Preise.
       Tier und Mensch sind einander fremd geworden. „Die Leute haben keine
       Ahnung, woher ihr Fleisch kommt“, sagt Stefan Teepker. Er wirkt frustriert.
       „Wenn ein Huhn in der Kantine 2,50 Euro kostet, woher soll es dann kommen?“
       
       ## „Können wir mal schauen?“
       
       In grünen Gummistiefel steht Teepker in Stall Nummer 3. Er ist leer. „Wir
       haben gerade ausgestallt“, sagt Teepker. Er meint: Die Tiere wurden
       geschlachtet. Dunkelbrauner Torf bedeckt den Hallenboden, darauf verteilt
       liegen riesige Haufen aus gelbem Getreide. Es riecht säuerlich und nach
       Erde. „Morgen kommen die Küken“, sagt Teepker. 27.000 Stück. 27.000 neue
       Grillhähnchen.
       
       Vor zehn Jahren, als Teepker seinen Stall bauen wollte, protestierten
       Bewohner des angrenzenden Dorfs. „Die hatten Angst vor Dreck und Gestank“,
       sagt Teepker. Irgendwann standen die neuen Nachbarn vor dem Stall. „Könnten
       wir mal schauen?“ Ein paar Wochen später ging Teepkers Frau mit ein paar
       Küken in den örtlichen Kindergarten. Es ist der Versuch, schon Kindern zu
       zeigen: Hinter jedem Stück Fleisch steckt ein Tier.
       
       An einem seiner Ställe steht eine kleine Hütte aus Holz, ein großes Fenster
       öffnet den Blick in den Stall. Die Tür ist immer offen. Tag und Nacht, 365
       Tage im Jahr. In einem kleinen Regal liegen Malbücher mit Hühnermotiven
       neben Broschüren über die moderne Hühnermast. Teepker hat einen Automaten
       aufstellen lassen, bestückt mit Getränken, Eiern und
       Geflügelfleischprodukten, die ein Nachbarbetrieb liefert. Manchmal kommen
       die Kids vom Dorf, um sich eine Cola zu ziehen.
       
       „Wir wollen den Leuten zeigen, wie produziert wird“, sagt Teepker. Auf
       Facebook hat er eine eigene Seite für den Hof angelegt, mit Bildern.
       Ferkel, die geboren, Rüben, die geerntet, und Hühnerställe, die mit
       riesigen Maschinen desinfiziert werden.
       
       Für die Hühnerbranche ist so viel Offenheit ungewöhnlich. Die Anfrage an
       die EW Group mit der Bitte, die Ställe anschauen zu dürfen, blieb
       unbeantwortet.
       
       ## Kranke Tiere bringen keinen Verdienst
       
       Stefan Teepker will es anders machen. Sagt, „früher lief vieles schief, da
       haben wir viel aufzuholen.“ Er meint vor allem die Kommunikation mit den
       Verbrauchern.
       
       Es störe ihn nicht, Teil eines Systems zu sein, das auf Wirtschaftlichkeit
       ausgelegt ist, sagt Teepker. Effizienz ist gut fürs Geschäft. Was ihn
       stört, ist die Ignoranz von Politik und Konsumenten. „Die kritisieren das
       System, aber mehr Geld für anderes wollen sie nicht ausgeben.“
       
       Er erzählt von billigen Importen aus Osteuropa, die Tierwohlauflagen
       unterlaufen und die Preise drücken. Von seinen Versuchen, in dem
       bestehenden System alles richtig zu machen, damit es seinen Tieren
       möglichst gut geht. Kranke Tiere kann er sich nicht leisten. „Die bringen
       keinen Verdienst.“
       
       In Stall 4 wird es hell, das weiße Chaos bricht aus. Teepker greift in die
       Menge. Das Huhn gackert leise unter Teepker festem Griff. Dann wird es
       still. „Das, was man hier sieht“, sagt Teepker und befühlt mit zarten
       Fingern die bebende Brust des Hähnchens, „ist das, was in Deutschland
       gegessen wird.“
       
       7 Aug 2019
       
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 (DIR) Veggie-Kommentar: Die große Angst vorm Fleischverbot
       
       Die Grünen fürchten Verbote, die SPD verschläft sie einfach. Deshalb werden
       Berlins Mensen und städtische Kantinen wohl weiter Fleisch anbieten.
       
 (DIR) Fleischkonsum und Klimawandel: 12 Prozentpunkte mehr fürs Klima
       
       Agrarpolitiker von CDU, SPD und Grünen fordern eine höhere Mehrwertsteuer
       auf Fleisch – auch aus ökologischen Gründen. Kann das klappen?
       
 (DIR) Kollektive Arbeit: Sozialismus ohne Klassenkampf
       
       Auf dem Wohnungsmarkt, in der Landwirtschaft, im Netz: überall Kollektive.
       Wie daran gearbeitet wird, den Kapitalismus zu überwinden.
       
 (DIR) Landwirt in der Uckermark: Hofladen ist die Rettung
       
       Stephan Zoch ist Landwirt in einem 30-Seelen-Dorf in der Uckermark. Er
       findet, die Gesellschaft hat sich von der Landwirtschaft entfremdet.
       
 (DIR) Umstellung auf Öko-Landwirtschaft: Biobauer wider Willen
       
       Frank Hartmann wollte nie Biobauer werden. Weil er angefeindet wurde,
       stellt er nun aber um. Gegen seine Überzeugung. Kann das klappen?