# taz.de -- Kritik an der queerfeministischen Szene: Beißreflexe fast ausgeblieben
       
       > In der Hamburger Roten Flora ist der Eklat ausgeblieben: Bei der
       > Vorstellung des Buches „Beißreflexe“ blieben KritikerInnen vor der Tür.
       > Das Konfliktpotential war dennoch spürbar
       
 (IMG) Bild: Vor der Roten Flora: „Beißreflexe“-Autorinnnen Koschka Linkerhand und Caroline A. Sosat mit Herausgeberin Patsy l'Amour laLove
       
       Hamburg taz | Patsy l'Amour laLove zieht sich in Ruhe ihren Lippenstift
       nach, lässt eine Sektflasche knallen und schenkt sich und ihren
       Koreferent*innen ein. Ist der bei linken Diskussionen eher untypische
       Alkoholkonsum auf dem Podium einfach Gelassenheit oder eine Kompensation
       von Aufregung? Auch die Getränkeauswahl scheint am Freitgabend den linken
       Normalzustand herauszufordern.
       
       Der Raum in der Roten Flora ist an diesem Frühsommertag so aufgeheizt wie
       die [1][Debatte] um den Sammelband „Beißreflexe“, den die
       Geschlechterforscherin Patsy l'Amour laLove herausgegebenen hat und
       vorstellen wird. Es kursierte das Gerücht, dass Kritiker*innen des Buches
       die Veranstaltung in der Flora stören oder gar verhindern wollten.
       
       Die Veranstalter der linken Theorie-Zeitschrift Phase Zweisind deshalb
       nervös. Angespannt lässt einer der Organisatoren seine Blicke durch den
       Raum schweifen und beobachtet die Anwesenden. Könnte von ihnen eine Gefahr
       für die Veranstaltung ausgehen?
       
       Das Buch übt Kritik an queerem Aktivismus und den dort beobachteten
       autoritären Sehnsüchten und Sprechverboten. Die Szene sei kritikunfähig und
       verbiete Menschen das Wort, weil sie zu „privilegiert“ seien, um sich
       äußern zu können – etwa weiße Personen, „Cis“-Männer und -Frauen, also
       Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen
       Geschlecht übereinstimmt, oder Homosexuelle. Oftmals zähle nur, wer spricht
       und nicht das, was gesagt wird, kritisiert l'Amour laLove.
       
       Der linke Buchladen im Schanzenviertel legt das Buch nicht in seinem
       Geschäft aus. In den sozialen Netzwerken sah sich l'Amour laLove heftigen
       Anfeindungen ausgesetzt. Ihr wurde mehrfach Gewalt angedroht.
       
       ## Buchvorstellung als „Place-to-Be“
       
       An diesem Abend trägt Patsy l'Amour laLove eine schwarze Perücke, ein
       Paillettenkleid und Ketten und Armreifen in Pink und Lila. Ihre Arme sind
       voll von Tätowierungen. Neben ihr sitzen zwei Autorinnen des Buches,
       Caroline A. Sosat und Koschka Linkerhand, auf dem Podium.
       
       Die Reihen vor ihnen sind proppenvoll – so voll, dass nicht alle hinein
       konnten. Etwa 120 Frauen und Männer sitzen brav auf den Stühlen, andere auf
       dem Boden des mit Graffiti-Tags und Antifa-Stickern verzierten Raumes.
       Viele tragen die typischen Antifa-Shirts, einige Piercings, kaum einer
       Dreadlocks. „Das scheint heute der Place-to-be zu sein“, sagt eine
       Teilnehmerin. Viele sind wohl auch aus Neugier und Schaulust gekommen, um
       zu bestaunen, ob es tatsächlich zu Ärger auf der Veranstaltung kommt. Es
       wird Bier, Limo und Mate getrunken. Der Soundcheck einer Punk-Band dröhnt
       aus dem unteren Stockwerk nach oben.
       
       Vor der Buchvorstellung verliest ein Mann ein Statement. Es stammt vom
       Plenum der Roten Flora. Dort sei eine kontroverse Debatte darüber geführt
       worden, ob die Veranstaltung abgesagt werden solle. Das Buch sei von
       Kritiker*innen als transphob und rassistisch bezeichnet worden. Diese
       Gruppe sei der Ansicht, dass solche Inhalte in der Roten Flora keine Bühne
       bekommen sollten. 
       
       Doch der Sprecher erklärt: „Die in dem Buch formulierte Kritik ist Teil
       eines inner-linken Positionsrahmens und Teil einer queer-feministischen
       Debatte.“ Die Rote Flora solle ein Ort für „linksradikale, selbstkritische
       Auseinandersetzung“ sein. Deshalb werde die Debatte begrüßt und solle
       weitergeführt werden. Einige klatschen.
       
       Auch auf die „Diskussionsregeln“ weist einer der Veranstalter eigens hin.
       „Lebhaft aber respektvoll“ solle diskutiert werden. „Greift bitte sachlich
       das Argument und nicht die Person an“, sagt er, was vom Publikum
       unkommentiert zur Kenntnis genommen wird. Solche, eigentlich als
       selbstverständlich geltenden Regeln, waren im Vorfeld in der Debatte um
       „Beißreflexe“ teilweise außer Kraft. 
       
       ## Tofu-Würstchen als Protest
       
       Der Protest aber bleibt am Freitag sehr klein. Eine Gruppe von etwa zehn
       Leuten hat zu einem „queer-feministischen Cornern“ aufgerufen, bei dem man
       sich auf der Straße trifft, trinkt und zusammen rumhängt. Und das machen
       sie dann auch: Die in Schwarz, Lila oder im Leopardenmustern gekleideten
       DemonstrantInnen haben einen Grill vor der Flora aufgestellt, mit
       Tofu-Würstchen, trinken Bier und verteilen Flyer mit der Aufschrift
       „Solidarisch, Offen und Friedlich“. Damit beziehen sie sich auf die Kritik
       von Hengameh Yaghoobifarah, Redakteurin des Missy Magazines und
       taz-Kolumnistin, die in einem Interview das Buch als „unsolidarisch“
       bezeichnete.
       
       Den Vorwurf weist Patsy l'Amour laLove zurück: „Was ist das für eine
       Solidarität, bei der ich keine Kritik äußern darf?“, fragt sie. Durch die
       Reaktionen auf das Buch sieht sie ihre These der Kritikunfähigkeit von
       Teilen der queeren Szene bestätigt. „Ich möchte die Sprachlosigkeit in der
       queeren und der linken Szene durchbrechen“, sagt sie und prangert an, dass
       in queeren und linken Kontexten die bloße Anwesenheit von weißen Menschen
       schon als Machtausübung aufgefasst werde.
       
       Die Auseinandersetzung um das Critical-Whiteness-Konzept wurde bis in die
       taz hinein geführt: Im Februar schrieb Christian Jakob in einer Reaktion
       auf einen Text von Yaghoobifarahvon einer „rassifizierten Linken“, in der
       dieser Ansatz mehrheitsfähig sei. An diesem Abend in der Roten Flora aber
       ist das nicht so. Vielen scheint die Kritik an ebendiesem Konzept ein
       großes Bedürfnis. Viele wirken erleichtert.
       
       Patsy l'Amour laLove war der angespannten Atmosphäre mit Witz begegnet: Als
       sie zu Beginn des Diskussionsteils um Ruhe bittet, fragt sie ironisch „Ist
       das jetzt schon ein Sprechverbot?“ Das brachte die Anwesenden auf ihre
       Seite. Auch bei der Vorstellung ihrer Buchbeiträge ernten die
       Referent*innen tosenden Applaus, als wären sie Popstars. Es kommt weder zu
       Zwischenrufen noch zu Interventionen der Teilnehmenden. 
       
       Zu einem wirklichen Meinungsaustausch mit den Kritiker*innen von
       „Beißreflexe“ kommt es deshalb nicht. Im Diskussionsteil der Veranstaltung
       werden wohlwollend viele inhaltliche Nachfragen gestellt. Von der harschen
       Kritik im Vorfeld ist hier nichts zu merken.
       
       ## Aufblitzen des Konflitkpotentials
       
       Nur einmal, als aus dem Publikum heraus gefragt wird, wann ein ähnlich
       kritische Auseinandersetzung mit der linken Szene aus der schwarzen
       Community zu erwarten sei, blitzt das Konfliktpotential der Debatte auf.
       „Was ist dein Problem, Alter?“ schreit eine junge Frau aus dem hinteren
       Teil des Raumes dem Fragenden entgegen – wohl, weil ein weißer Mann über
       die schwarze Community spricht.
       
       Patsy l'Amour laLove sieht in dem kleinen Vorfall die „Beißreflexe“ der
       Szene bestätigt: „Das war doch eine unverfängliche Frage“, stellt sie klar.
       „Er wurde nur aus einem Reflex heraus attackiert, weil er das Wort
       ‚schwarz‘ gesagt hat, und dieses Wort ist nicht rassistisch.“ Außer diesem
       Zwischenfall bleibt das Publikum sehr ruhig. Es herrscht andächtige Stille,
       diszipliniert wird das Frage-Antwort-Spiel eingehalten, ganz so, wie zuvor
       noch einmal erklärt.
       
       ## Hierarchische Sprechpositionen?
       
       Für eine Teilnehmerin, die in Kontakt mit den Organisator*innen des
       Protestes steht, ist klar, dass die Kritiker*innen des Buches an diesem
       Abend bewusst ferngeblieben sind. „Die Veranstaltungsstruktur verunmöglicht
       eine wirklichen Austausch von Argumenten“, sagt sie. „Die Referent*innen
       auf dem Podium haben eine hierarchische Sprecher*innenposition, die in
       diesem Rahmen schwer aufzubrechen ist.“
       
       Ein anderer Teilnehmer pflichtet dem bei. „Es wäre sicherlich für eine
       Diskussion förderlich gewesen, wenn es ein Koreferat einer queeren
       Aktivistin gegeben hätte“, sagt er. Viele andere Anwesende des Abends sind
       froh über das Buch und die Debatte. „Diese Diskussion ist längst überfällig
       und betrifft nicht nur die queere, sondern ganz allgemein die linke Szene“,
       sagt einer. 
       
       Der erwartete Eklat bleibt aus. Doch der Abend zeigt, dass „Beißreflexe“
       einen wunden Punkt in der linken Szene getroffen hat.
       
       29 May 2017
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Brück
       
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