# taz.de -- Boris Luries Holocaust-Collagen: Die Gewalt nach unten verschieben
       
       > Boris Lurie verarbeitete in drastischen Collagen und Gemälden seine
       > Erfahrungen als Überlebender der deutschen Konzentrationslager.
       
 (IMG) Bild: „Mort aux Juif! Israel imperialiste“ verknüpft Nazipropaganda mit zeitlosen antisemitischen Slogans, 1970
       
       Berlin taz | Die Collagen Boris Luries können auch nach fünfzig Jahren noch
       schockieren. In „Railroad to America“ von 1963 kombinierte der Künstler
       zwei Schwarz-Weiß-Fotografien, die er in Zeitungen und Illustrierten
       gefunden hatte, zu einem verstörenden Bild. Das größere der beiden Fotos
       zeigt die Ladefläche eines Eisenbahnwaggons. Die geöffnete Seitenklappe
       gibt den Blick frei auf ein Bild des Schreckens.
       
       Nackte, ausgemergelte Körper liegen dort übereinander geworfen wie die
       Ladung eines Rohstoffs, der von einem Ort zum anderen transportiert wird.
       Auf dieses Fotodokument klebte Lurie ein Foto aus einem Girlie-Magazin. Die
       darauf abgebildete junge Frau hat makellose Haut und wendet der Kamera
       ihren Rücken zu. Sie trägt Strapse und ist dabei, ihre Unterhose nach unten
       zu ziehen, um dem Betrachter ihren Po zu zeigen.
       
       Viele von Boris Luries Werken sind schwer auszuhalten, auch wenn der
       Künstler das Nebeneinander von Tod, Grausamkeit und Nacktheit in den
       Illustrierten seiner Zeit genauso vorgefunden hatte. Lurie bedauerte, dass
       seine Kunst wenig Anklang fand, und er beklagte seine Isolation als
       Künstler. Aber er könne auch verstehen, dass man sich solche Arbeiten nicht
       ins Wohnzimmer hängen wolle. Er hätte gerne angenehme Bilder gemacht, hat
       er einmal gesagt, aber etwas habe ihn daran gehindert.
       
       Nach den Vernichtungslagern leben wir im Bewusstsein, dass man Menschen
       millionenfach versklaven und ermorden kann, ohne dass das den Gang der
       Dinge stören würde. Die Erde dreht sich weiter, Gott straft die Mörder
       nicht. Das Entsetzen darüber kann man unmittelbar in Luries Werken spüren,
       die damit selbst zum Skandal werden. Es ist nicht verwunderlich und auch
       nicht zu kritisieren, dass viele Betrachter sein Werke für obszön halten.
       Arbeiten wie „Railroad to America“ wurde vorgeworfen, sie seien eine
       Beleidigung für die Überlebenden des Massenmords. Der Schriftsteller Elie
       Wiesel, der selbst in Auschwitz und Buchenwald war, wurde noch drastischer.
       Er sagte über Luries Collagen: „Eine in der Geschichte nie dagewesene
       Tragödie in eine groteske Karikatur umzuwandeln, heißt nicht nur, sie ihrer
       Bedeutung zu berauben, sondern auch, sie in eine Lüge zu verwandeln. Ich
       nenne das einen Verrat.“
       
       Es ist daher nicht ohne Risiko, aber richtig, dass das Jüdische Museum in
       Berlin „Railroad to America“ neben 200 anderen Werken in der Ausstellung
       „Keine Kompromisse. Die Kunst des Boris Lurie“ zeigt. Es ist die bislang
       größte Retrospektive des Künstlers, der am Markt erfolglos war und von den
       Kunstmuseen immer noch ignoriert wird. Sein Werk hat auch nur als Fußnote
       Eingang in den Kanon der Kunst des 20. Jahrhunderts gefunden. Lurie, der im
       Januar 2008 starb, bezeichnete seine Kunst im Kontext einer von ihm
       gegründeten Bewegung als „No!Art“, aber auch als Jew-Art und Antipop. Sie
       stellt uns auch heute die Frage, was es bedeutet, im Zeitalter der
       Massenvernichtung zu leben und als Zuschauer und Mitwisser an ihr
       teilzuhaben.
       
       In Berlin sind frühe Zeichnungen und Gemälde zu sehen, die noch illustrativ
       von Luries eigenen Erfahrungen in den Konzentrationslagern zu erzählen
       versuchen. Aus den Fünfzigern stammen die Gemälde der Serie „zerstückelter
       Frauen“, die Lurie noch auf der Suche nach einer adäquaten ästhetischen
       Form für seine Erfahrungen und Überlegungen zeigt. Spätere Collagen und
       Gemälde arbeiten mit Fotos und Slogans. Mit Fotos beklebte und mit
       Hakenkreuzen und Davidsternen bemalte Koffer symbolisieren das Überleben.
       Im Sommer 1946 war Lurie mit seinem Vater von Deutschland nach New York
       ausgewandert, weil dort die ältere der Schwestern Boris Luries lebte.
       
       ## Es kann sich wiederholen
       
       Boris Lurie wurde am 18. Juli 1924 in Leningrad als jüngstes von drei
       Kindern des jüdischen Ehepaars Ilja und Schaina Lurje geboren. Ein Jahr
       später zog die Familie nach Riga. Nach der Besetzung Lettlands durch
       deutsche Truppen und der Ghettoisierung der jüdischen Bürger bestand seine
       Mutter darauf, dass sich die Männer der Familie zum Arbeitseinsatz melden
       sollten, um größere Überlebenschancen zu haben. Erst Monate später erfuhren
       die beiden davon, dass Boris’ Mutter, seine Großmutter, seine Schwester
       Jeanna und seine Jugendliebe Ljuba im Winter 1941 zusammen mit 27.000
       anderen Menschen in einem Wald bei Riga erschossen worden waren. Die Mörder
       der Einsatzgruppen hatten die Menschen zuvor gezwungen, sich zu entkleiden.
       
       Über dem Schreibtisch von Boris Luries Atelier in der Lower East Side hing
       eine Aufnahme von einem der Täter der Massenmorde an Juden im Osten
       Europas, der Vergnügen daran fand, nackte Frauen zu fotografieren, an deren
       Erschießung er beteiligt war. Lurie hat diese Fotografie kurz nach der
       Jahrtausendwende in einem Filminterview zum Anlass genommen, einen
       Vergleich zu Ereignissen im Irak zu ziehen: „Das drückt die Art und Weise
       der Gesellschaft aus, wo der Stärkere den Schwächeren unterdrückt, und die
       Folterer kriegen einen gewissen Genuss davon. Einen sexuellen Genuss.“
       
       Auch das ist schwer verdaulich, weil wir uns daran gewöhnt haben, die
       geplante und oft mit bestem Gewissen durchgeführte Vernichtung von
       Millionen Menschen durch das nationalsozialistische Deutschland – Himmler
       befand stolz, dass die SS immer „anständig“ geblieben sei – als singulären
       historischen Vorgang zu betrachten. Luries Kunst stellt diese Perspektive
       nicht infrage, konfrontiert uns aber damit, dass derartige Verbrechen sich
       nicht nur jeder Historisierung entziehen, sondern sich jederzeit
       wiederholen können.
       
       Luries Collagen aus den Sechzigern beließen es daher nicht dabei, die
       Ungeheuerlichkeit der Massenerschießungen und Vernichtungslager zu zeigen.
       Sie klagten den Tod des kongolesischen Premierministers Lumumba an und den
       Algerienkrieg. Das in der „No!Art“ zum zentralen Begriff erklärte „No“
       erscheint als Wort auf immer neuen Bildern. Für Lurie folgte aus der
       Erfahrung der Geschichte der kategorische Imperativ, Nein zu sagen. „Nein
       heißt, nicht alles anzunehmen, was dir gesagt wird. Versuchen, allein zu
       denken und zu reagieren. Und es ist ein Ausdruck der Unzufriedenheit. Da
       gab’s Grund, gegen das System zu sein.“
       
       Mit der Verwendung von Pin-ups wandte sich Lurie „gegen die Vermarktung der
       Frauen in den Massenmedien“ und überhaupt gegen gesellschaftliche
       Strukturen, in der Menschen zu Objekten degradiert werden. Lurie eignete
       sich auch Fotos an, die sadomasochistische Praktiken zeigten. Die Frage, ob
       seine Kunst keine Scham kenne, beantwortete er in einem eigenen Werk.
       
       „Altered Photo (Shame!)“ entstand 1963. Die größte Fläche des Bildes nimmt
       der rote, monochrome, aber leicht unregelmäßig aufgetragene Ölgrund ein,
       ein warmes Rot. Auf diesem Hintergrund sind zwei Rechtecke aus dunklerem
       Rot aufgetragen. Eines bildet den unteren Rand des Bildes, das andere steht
       hochkant in der oberen Hälfte. Darauf hat Lurie ein Schwarz-Weiß-Foto
       geklebt, das zwei nackte Frauen zeigt, die sich überrascht darüber geben,
       gesehen zu werden und kokett ihre Scham verdecken.
       
       Lurie kritisierte „die Kommerzialisierung von Sex durch die Frauen selber“,
       aber damit ist immer noch nicht alles über die Verwendung von Pin-ups
       gesagt. Die Gegenkultur der Sechziger beantwortete die puritanische
       Prüderie gegenüber Darstellungen von Nacktheit und Sexualität mit dem
       Hinweis, das Verbrennen von Menschen mit Napalm sei obszöner als das Zeigen
       nackter Brüste. Die Wahrheit der Kultur drücke sich in der Pornografie aus,
       glaubte Lurie: „Hart, hässlich, schmutzig, ekelhaft. Die Verzweiflung, die
       Enttäuschung und die Gewalt nach unten verschieben, in die erotischen
       Zonen. Sadomasochismus in der Öffentlichkeit, praktiziert, um die
       Niederlage und die Schuldgefühle zu mildern.“
       
       Lurie schämte sich nicht, in seinem „Müll-Atelier“ voller Pin-ups zu
       arbeiten und überhaupt außerhalb der Gesellschaft zu leben, wie er einmal
       sagte. Er schämte sich auch nicht dafür, in seinen Collagen die Körper der
       Geschundenen neben die Körper von Frauen zu stellen, die einem Blick
       preisgegeben sind, in dem sich die Macht über den anderen konstituiert. Das
       Sichtbarmachen dieses Blicks, das Zeigen von Ereignissen, die man nicht
       sehen, über die man nicht sprechen soll, werden hier verhandelt – und damit
       die Unterdrückung von Sexualität und Nacktheit in autoritären
       Gesellschaften, die durch patriarchalische Herrschaftsverhältnisse bedingt
       ist. Beim Betrachten von Luries Collagen stellt man sich aber irgendwann
       die Frage, ob die Pin-ups und „Girlies“ nur Objekt auch seines Blicks sind,
       oder ob er sich nicht vielmehr mit ihnen identifiziert. Lurie wusste, dass
       er es nur dem Zufall verdankte, überlebt zu haben.
       
       ## „Der Jude ist schlecht“
       
       In den Sechzigern operierte Lurie im Umfeld der radikal libertären und
       antikapitalistischen Gegenkultur. Anfang der Siebziger meinte er aber zu
       beobachten, wie der Antiimperialismus der Neuen Linken einem Rassismus der
       Unterdrückten das Wort redete. Als linker Zionist geißelte er den
       Antisemitismus der Linken: „Der Jude ist schlecht, der Araber der Engel,
       und Israel des Teufels. Das ist den Europäern willkommen. So können sie
       ihre angestaute Kollektivschuld gut über Bord werfen“, schrieb er 1975.
       
       Kurz vorher war er zu einer Ausstellung der Neuen Linken in Paris
       eingeladen worden, die „Aspekte des Rassismus“ verhandeln sollte. Er
       schickte zwei Bilder hin, die dann aber aufgrund einer Entscheidung des
       Kollektivs der ausstellenden Künstler nicht gezeigt wurden: Sie waren zu
       radikal. Das eine trug den Titel „Antizionismus ist gleich Rassismus“, es
       gilt derzeit als unauffindbar.
       
       Das andere ist „Mort aux Juif! Israel imperialiste“ betitelt. Es sieht aus
       wie eine Wand voller Graffiti, die Nazipropaganda – „judenrein“ – mit
       zeitlosen antisemitischen Slogans und einem Lob auf die Dritte Welt und Al
       Fatah verknüpft. Lurie war einmal mehr dem Ruf Luis Buñuels gefolgt, der
       gefordert hatte, Kunst sei dafür da, den Status quo aus dem Gleichgewicht
       zu bringen.
       
       9 Mar 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrich Gutmair
       
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