# taz.de -- Wasserkrise in Europa: Berlin und Brüssel verwässern die Umweltgesetze
> Umweltminister Schneider spricht sich für einen neuen Umgang mit Wasser
> aus. Entsprechende Gesetze setzt er in Berlin und Brüssel bisher nicht
> durch.
(IMG) Bild: Viele Flüsse in Deutschland weisen immer noch sehr niedrige Wasserstände aus, wie hier am Mühlarm, der vom Rhein gespeist wird
Die Umweltorganisation Greenpeace fordert die Bundesregierung auf,
Betreiber von Rechenzentren zu einem sparsamen Wasserverbrauch zu zwingen.
„Die Nationale Rechenzentrumstrategie ist nicht konkret genug in Bezug auf
Wasser“, sagt Greenpeace-Digitalexpertin Linda Klapdor, „etwa steht dort,
dass Rechenzentren auf geschlossene Kühlkreisläufe setzen sollten.“
Das lasse Raum für Schlupflöcher. „Die Bundesregierung könnte vorschreiben,
dass in von Wasserstress betroffenen Regionen geschlossene Kühlkreisläufe
genutzt werden müssen“, so Klapdor. Zudem müssten die Behörden die
Betreiber von Rechenzentren stärker kontrollieren und auch sanktionieren,
wenn sie ihrer gesetzlichen Pflicht zur Offenlegung des Wasserverbrauchs
nicht nachkommen.
Am Montag hatte Umweltminister Karsten Schneider (SPD) in Berlin zum Forum
„Zukunft Wasser“ geladen. „Wir müssen als Land einen neuen Umgang mit
Wasser finden“, sagte er vor der EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall sowie
Vertreter:innen aus den Bereichen Umwelt, Wirtschaft und Sicherheit.
„Wasser möglichst schnell abzuleiten und nasse Flächen trockenzulegen, das
war Wasserpolitik der letzten Jahrhunderte“, so Schneider. Heute sei die
Aufgabe, Wasser so gut wie möglich in der Landschaft zu halten. [1][„Das
bedeutet zum Beispiel, trockene Moore wiederzuvernässen, Flüssen mehr Raum
zu geben und Wälder zu stabilen Mischwäldern umzubauen“], so der
Umweltminister.
Um die rechtlichen Voraussetzungen für diese Ziele wird in Deutschland und
Europa derzeit hart gerungen. [2][Schneider hat vor der Sommerpause einen
Entwurf für ein Gesetz zur Stärkung der Natürlichen Infrastruktur
vorgelegt.] Darin enthalten sind Änderungsvorschläge etwa für das
Bundesnaturschutzgesetz, um der Wiedervernässung von Mooren ein
„überragendes öffentliches Interesse“ zu verleihen und damit zu
beschleunigen.
## Auch im Oktober wird es nicht genug regnen
Allerdings muss die Wiedervernässung zurückstehen, wenn sie etwa mit dem
Bau von Wohnungen oder von Infrastruktur wie Glasfaser- oder
Kohlendioxid-Leitungen kollidiert. Zudem ist bislang unklar, wann und ob
der Referentenentwurf im Kabinett verabschiedet wird.
Die Novelle der Wasserrahmenrichtlinie, von der europäischen
Bergbauindustrie von Umweltkommissarin Roswall gefordert, scheint zwar
offenbar vom Tisch – zumindest hat die Schwedin bislang keine Vorschläge
dafür vorgelegt. Allerdings schwäche Brüssel die Wassergesetzgebung über
Umwege ab, sagt Raphael Weyland, Büroleiter des Naturschutzbundes Nabu in
Brüssel. So soll das Reformpaket des „Umwelt-Omnibus“, mit dem die EU ihre
Umweltgesetzgebung verschlanken möchte, dafür sorgen, dass gewisse
Industrieprojekte schneller als bisher den Status eines „öffentlichen
Interesses“ erhalten können. Dann würde nicht mehr geprüft, ob sie den
Zustand von Flüssen oder Grundwasserkörpern verschlechtern.
Dabei werde die bestehende, eigentlich gute Wasserrahmenrichtlinie in
Deutschland seit Jahren nicht richtig umgesetzt, sagt Weyland. Die
Bundesländer müssten zwar Bewirtschaftungspläne vorlegen, in denen sie
offenlegen, wie viel Wasser etwa aus Flüssen entnommen oder eingeleitet
werden darf. „Doch die Pläne sind vage und häufig nicht mit Geld oder
konkreten Maßnahmen hinterlegt“, so Weyland.
Das Wasserforum des Umweltministeriums fiel in einen Herbst mit
historischen Niedrigwasserständen in vielen Flüssen. So teilte die
Bundesanstalt für Gewässerkunde in ihrem jüngsten Niedrigwasserbericht mit,
am Rhein erreichten die Wasserstände an zahlreichen Pegeln bereits neue
Tiefstwerte. „Eine Entspannung ist auch in der ersten Oktoberhälfte nicht
zu erwarten: Zwar sind in den nächsten Tagen in vielen Einzugsgebieten
Schauer vorhergesagt, doch es regnet zu wenig und zu kurz, um die
Wasserführung in den Bundeswasserstraßen nachhaltig zu beeinflussen“, so
die Behörde.
5 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Studie-zur-Renaturierung-von-Fluessen/!6215248
(DIR) [2] /Artikel-mit-Natuerliche-Infrastruktur/!s=Nat%25C3%25BCrliche+Infrastruktur&Offset=60/
## AUTOREN
(DIR) Heike Holdinghausen
## TAGS
(DIR) Niedrigwasser
(DIR) Umwelt
(DIR) Gewässer
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Studie zur Renaturierung von Flüssen: Wehre abbauen, Auen pflanzen
Flüsse sollen mehr Raum bekommen, doch das ist leichter gesagt als getan.
Der Nabu hat am Beispiel der Unteren Havelniederung Leitlinien erarbeitet.
(DIR) Krisentreffen gegen Niedrigwasser: Immer tiefer Rhein
Niedrige Pegelstände großer Flüsse bedrohen auch Ökosysteme. Der
Bundesverkehrsminister plant trotzdem nur Maßnahmen für die Rettung der
Wirtschaft.
(DIR) Artenvielfalt und Unternehmen: Vogelzählen als Geschäftsmodell
Wissenschaftler arbeiten intensiv an besseren Methoden, um Biodiversität zu
messen. Daraus entstehen erste Geschäftsmodelle für Start-ups.