# taz.de -- Studie zur Renaturierung von Flüssen: Wehre abbauen, Auen pflanzen
> Flüsse sollen mehr Raum bekommen, doch das ist leichter gesagt als getan.
> Der Nabu hat am Beispiel der Unteren Havelniederung Leitlinien
> erarbeitet.
(IMG) Bild: Die untere Havel beim Örtchen Strodehne im Westen von Brandenburg
Bislang floss der Wehdemühlenbach bei Berge in Niedersachsen schnurgerade
durch die Landschaft. Seit Juli darf er sich wieder hineinkuscheln,
Biegungen machen, Flachwasserzonen bilden. Dafür sorgt der
„Haseauenverein“, der sich die Renaturierung des Flüsschens Hase und
angrenzender Gewässer zum Ziel gesetzt hat. Die „Revitalisierung des
Wehdemühlenbachs“ ist eine der Maßnahmen in dem auf sechs Jahre angelegten
Projekt im Rahmen [1][des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz (ANK)
der Bundesregierung]. Sie fördert mit insgesamt vier Milliarden Euro
Projekte wie das im nordwestlichen Niedersachsen.
Einmal die Woche lädt der Verein Anwohner:innen und Landwirt:innen
zur Baubesprechung ein, um Fragen zu Maßnahmen am Wehdemühlenbach zu
stellen und Anregungen zu geben. Kinder der benachbarten Grundschule helfen
an der Bachbaustelle, „damit sie die Pflanzen und Tiere dort kennenlernen
und Ihnen selber aktiv helfen“, sagt Björg Dewert, Geschäftsführerin des
Haseauenvereins. Es sei wichtig, auch die Leute vor Ort mitzunehmen, denn
nur mit ihnen gelinge die Renaturierung.
Die Maßnahmen sollen in Zeiten von Hitze und Trockenheit Wasser in der
Landschaft halten, natürliche Senken für Treibhausgase bilden und
Lebensräume für Tiere und Pflanzen schaffen. Nur, welche Maßnahmen sind
sinnvoll, welche dienen welchem Zweck besonders effektiv – und welche
eventuell weniger? [2][Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat in einer
Studie diese Fragen am Beispiel der Unteren Havelniederung untersucht]. In
dem Naturschutzgroßprojekt, das sich über die Bundesländer Brandenburg und
Sachsen-Anhalt erstreckt, werden in weitem Maßstab Auenwälder und
Überschwemmungsflächen angelegt, Nebenarme der Havel wieder an den Fluss
angeschlossen und Ufer entsiegelt.
12 Maßnahmen hat das Nabu-Institut für Fluss- und Auenökologie (Nabu-IFA)
im Hinblick auf die drei Ziele des ANK bewertet: Treibhausgase einsparen,
den regionalen Wasserhaushalt regulieren und die biologische Vielfalt
verbessern. Untersucht hat das IFA dafür die Fähigkeit vor allem der
Auwälder, Treibhausgase zu speichern. In ihnen lagern sich
kohlenstoffhaltige Sedimente ab, Pflanzen zersetzen sich, ihr Kohlenstoff
wandert in den Boden.
[3][Zudem hat das Institut betrachtet, wie lange das Wasser in der
Landschaft verbleibt, ob der Fluss Wasser an das Grundwasser abgeben kann
und die umliegenden Auenböden etwa Hochwasser aufnehmen und somit
regulieren können]. Nicht zuletzt wurden nicht einzelne Arten, sondern
Lebensräume begutachtet. Je vielseitiger sie sind, desto mehr Arten von
Pflanzen und Tieren können dort leben.
## Mehr Natürlichkeit hilft
Unter den betrachteten Maßnahmen sind etwa der Abbau von Wehren, also von
Staustufen, die Schaffung von Flussinseln, das Einbringen von Totholz, die
Entsiegelung des Ufers, die Errichtung von Wanderhilfen („Fischtreppen“)
und das Anlegen von Auwäldern. Dabei zeigt sich: „In allen drei
Bewertungsfeldern erzielten Maßnahmentypen die besten Ergebnisse, wenn sie
die Entwicklung der Morphologie und der hydraulischen Verhältnisse hin zu
naturnäheren Zuständen unterstützen“, heißt es in der Studie. Am besten ist
es also, den natürlichen Verlauf des Flusses mit Windungen, Seitenarmen und
einem vielfältigen Flussbett wieder herzustellen sowie dafür zu sorgen,
dass das Wasser an einigen Stellen schneller, an anderen langsamer fließen
kann.
Zu wirksamen Kohlenstoffspeichern und Wasserregulatoren können Flüsse dann
werden, wenn sie großräumig umgebaut werden – was Eingriffe für die
umliegende Landschaft bedeutet. Dies zeige auch das Beispiel des einzigen
Maßnahmentyps, dem der Nabu eine geringe Wirksamkeit bescheinigt: Die
Errichtung von Aufstiegsanlagen, die etwa wandernden Fischarten helfen. Sie
helfen ihnen zwar effektiv – aber eben nur ihnen. Neue Lebensräume etwa
entstehen so nicht.
Allerdings sind auch lokale, kleinräumige Maßnahmen sinnvoll. So können
mehrere, planvoll angelegte Flussinseln die Strömung des Wassers sowie das
Ufer positiv beeinflussen sowie Lebensräume schaffen. Auch der Abbau von
Wehren wirke in Hinsicht auf die drei Ziele positiv, allerdings nur im
Falle eines weitgehend naturnahen Flusses. Sonst fließe das Wasser noch
schneller aus der Landschaft.
Die Untersuchungen an der Unteren Havel, einem Fluss der Norddeutschen
Tiefebene, seien nicht ohne weiteres auf Flüsse etwa im Gebirge zu
übertragen, betont der Nabu. Lokale Standortbedingungen müssten
berücksichtigt, Bewertungskriterien daran angepasst werden. Die
„durchgeführten Bewertungen dienen somit als Orientierung, um vergleichbare
Maßnahmentypen systematisch zu beurteilen und potenzielle Auswirkungen
abzuschätzen“, so die Studie.
„Wir müssen alle voneinander lernen“, sagt Björg Dewert vom Haseauenverein.
„Es ist wichtig, sich andere Beispiele anzuschauen, damit nicht jeder für
sich herumwurschtelt.“
23 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [3] /Gewaesserexperte-ueber-niedrige-Pegel/!6203781
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