# taz.de -- UN-Naturschutzchefin über Ziele: „Die Natur wartet nicht“
> Am Montag beginnt die Weltnaturkonferenz in Armenien. Die Ziele müssen
> schneller umgesetzt werden, sagt die UN-Verantwortliche Astrid Schomaker.
(IMG) Bild: „Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft in den reichen Ländern den Druck auf die Industrie erhöht“
taz: Frau Schomaker, das werden fordernde zwei Wochen für Sie als
Naturschutzchefin der Vereinten Nationen. Wie haben Sie sich vorbereitet?
Astrid Schomaker: Vorschlafen war in den letzten Wochen wichtig. Während
der Konferenz müssen bestenfalls drei bis vier Stunden pro Nacht reichen.
Wir haben nur zwei Wochen Zeit, um über 54 Themen zu verhandeln und zu
entscheiden. Darauf bereiten wir uns im Grunde seit der letzten Konferenz
vor.
taz: Was sind die wichtigsten?
Schomaker: Es geht zum Beispiel um ein Arbeitsprogramm zu
Naturschutzgebieten, um Biodiversität und Gesundheit, um Gefahren durch
invasive Arten, um Finanzfragen. Das zentrale Thema ist sicher unsere
globale Bestandsaufnahme zum Schutz der Biodiversität, unser „Global
Review“. Dieser Bericht zeigt, wie weit die 196 Vertragsparteien in den
vergangenen vier Jahren damit gekommen sind, die 23 Ziele zu erreichen,
[1][die sie sich Ende 2022 im historischen Weltnaturschutzabkommen von
Montreal gesetzt haben.] Etwa, bis ins Jahr 2030 insgesamt 30 Prozent der
Land-, Meer- und Süßwasserflächen zu schützen und zu erhalten. Oder 30
Prozent der geschädigten Ökosysteme, wie Moore oder Wälder, wieder
herzustellen. Oder Forst-, Land- und Fischereiwirtschaft nachhaltiger zu
gestalten.
taz: Ziele gibt es in dem Übereinkommen über die Biologische Vielfalt viele
und genug, oder?
Schomaker: Ja, und diese Ziele sind gut. Ab jetzt geht es darum, sie auch
zu erreichen. Darin sind wir noch nicht gut genug. Weil wir in den ersten
vier Jahren seit Montreal langsam waren, denn die globalen Ziele mussten
erstmal in nationale Planung umgesetzt werden, müssen wir bis 2030 jetzt
schneller werden. Wir müssen den „Jerewan Pathway“ einschlagen …
taz: … den was?
Schomaker: … einen neuen Weg, eine Kurskorrektur. Auf dem „Jerewan Pathway“
müssen wir auf klaren wissenschaftlichen Erkenntnissen folgend unsere Ziele
erreichen.
taz: Was ist dazu nötig?
Schomaker: Ganz klar: Konkrete Umsetzung der Ziele, eine breite Beteiligung
der Zivilgesellschaft aber eben auch mehr Geld von Staaten und Unternehmen
gerade aus dem Globalen Norden.
taz: Dafür wurde bei der letzten Weltnaturkonferenz vor zwei Jahren [2][in
Kolumbien ein Fonds beschlossen], in den Kosmetik-, Pharma- oder
Lebensmittelkonzerne aus dem Globalen Norden einzahlen sollen. Statt der
versprochenen eine Milliarde US-Dollar jährlich sind bisher nur 12.000
US-Dollar im Fonds. Wer bringt die Firmen dazu, zu zahlen?
Schomaker: Der Cali-Fonds war ein Durchbruch. Die indigenen Bevölkerungen
und die Länder im Globalen Süden können daraus Geld erhalten, ohne dass sie
erst mal 300 Seiten Projektvorschlag schreiben müssen. Das ist neu und
wichtig. Es ist auch normal, dass es zwei bis drei Jahre dauert, bis so ein
neues Instrument anerkannt wird. Aber jetzt muss es losgehen. Die
Unternehmen müssen anerkennen, dass dieser Ansatz richtig ist. Sie können
nicht weiter Ressourcen nutzen, ohne zu zahlen.
taz: Wie überzeugen Sie die Unternehmensführungen davon?
Schomaker: Wir müssen Vertrauen aufbauen. Die Geschäftswelt braucht
Vertrauen darauf, dass es klare Regeln gibt, dass es sich rechnet. Die
Länder des Globalen Südens müssen Vertrauen haben, dass die Unternehmen
zahlen. Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft in den reichen Ländern den
Druck auf die Industrie erhöht. Auch die Staaten können unterstützen, zum
Beispiel, indem sie Unternehmen, die zahlen, Steuererleichterungen
anbieten.
taz: In den Mitgliedstaaten gelten Naturschutz und Klima aber zunehmend als
Wirtschaftshindernis. Die Europäische Union zum Beispiel will in ihrer
Gemeinsamen Agrarpolitik die Umweltprogramme schleifen. Wie kontern Sie
diese Gegenbewegung?
Schomaker: Wir wollen ja die Landwirtschaft nicht abschaffen, wir wollen
und müssen sie verändern. [3][Ich hoffe, wir lernen vom Umgang mit dem
Gesetz zur Wiederherstellung der Natur in Europa, dass man diese Prozesse
gemeinsam mit allen Beteiligten angehen muss.] Die Landwirte brauchen
Alternativen: Wenn sie weniger Wasser zur Bewässerung ihrer Tomaten
benutzen sollen, brauchen sie andere Anbaumethoden. Was ich aber letztlich
nicht verstehe: Die Landwirte profitieren doch als Erste von der
Biodiversität, und sie leiden als Erste darunter, wenn sie abnimmt. Bisher
sind wir mit unserer Botschaft immer gut durchgedrungen: Die Natur wartet
nicht.
taz: Wirklich? Vor zwei Jahren haben die Länder versprochen, 200 Milliarden
US-Dollar jährlich für den Schutz der Biodiversität bereitzustellen. Im
dafür vorgesehenen Fonds sind derzeit nicht einmal 400 Millionen US-Dollar.
Wie bewegen Sie die Staaten dazu, ihre Finanzzusagen einzuhalten?
Schomaker: Erst einmal nehmen wir zur Kenntnis, dass die für uns sehr
wichtigen Entwicklungshilfebudgets überall kräftig zusammengestrichen
wurden. Dabei ist Geld da. Die globale Wertschöpfung lag vergangenes Jahr
bei 117 Billionen US-Dollar. 4,9 Billionen US-Dollar privates Geld fließt
in Aktivitäten, die der Natur schaden – häufig staatlich subventioniert.
Unser Ziel Nummer 18 sieht vor, bis 2025 Subventionen zu identifizieren,
die der Biodiversität schaden, und sie bis 2030 um mindestens 500
Milliarden US-Dollar abzubauen. Davon sind wir weit entfernt. Solange
Regierungen und Unternehmen mehr in Schädigung investieren als in Heilung,
können wir uns hier ein Bein ausreißen, dann erreichen wir nichts.
taz: Die Mitgliedstaaten kommen nach [4][Jerewan], um ihre Interessen zu
vertreten und die ihrer Wirtschaft. Was können Sie dort erreichen?
Schomaker: Alle erwarten von den Vereinten Nationen, dass sie die
Verhandlungen erleichtern. Wir müssen den Mitgliedstaaten ermöglichen, zu
erkennen, wo die Gemeinsamkeiten liegen. Dass der Globale Süden und der
Globale Norden zwar unterschiedliche Perspektiven haben, aber ein
gemeinsames Interesse, nämlich den Schutz der Natur. Manchmal sagt ein Land
etwas und die anderen gucken nur erstaunt. Dann muss man darauf hinweisen,
dass das Land vielleicht gerade mit riesigen Waldbränden gekämpft hat und
sich darum auf Wälder konzentriert. Mann muss Positionen erklären. Und man
muss dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Man muss morgens um
zwei Uhr noch einen Kaffee bekommen, die Räume müssen geheizt sein. Eine
ähnliche vermittelnde Rolle hat das jeweilige Gastgeberland. Die
Präsidentschaft in Armenien hat viel Energie in die Vorbereitungen gesteckt
– es wird die größte UN-Konferenz, die je dort stattgefunden hat.
taz: Wie wird sich das Machtgefälle zwischen den Delegationen auf die
Verhandlungen auswirken? Einige reiche Länder kommen mit Dutzenden von
Teilnehmern, ärmere nur mit ein, zwei Personen?
Schomaker: Dieses Thema gibt es bei allen Verhandlungen der Vereinten
Nationen. Wir unterstützen wenig entwickelte Staaten, Deutschland war da
übrigens sehr großzügig. Wir garantieren, dass jede Delegation mit
mindestens drei Gesandten kommt. Natürlich bleibt ein Unterschied, doch ich
glaube nicht, dass sich das auf das Verhandlungsergebnis auswirkt. Zum
Beispiel koordinieren sich die afrikanischen Staaten hervorragend und haben
somit eine starke gemeinsame Position.
taz: Wie wichtig ist Ihnen die Rolle der Zivilgesellschaft in den
Verhandlungen?
Schomaker: Total wichtig. Die eigentlichen Verhandlungen finden zwar
zwischen den Vertragsparteien statt, die müssen ja hinterher auch die
Verantwortung dafür übernehmen. Aber im Naturschutz muss jeder mit
anpacken. Man muss ja nicht zum Heiligen werden, aber man kann sich vor Ort
engagieren, man kann weniger Fleisch essen, öfter Rad und Bus fahren, das
ist ja schon etwas.
taz: In den Dokumenten ist viel von „indigenen Völkern“ die Rede. Wie
stellen Sie sicher, dass sie in den Verhandlungen gehört wird?
Schomaker: Die indigenen Völker und lokale Gemeinschaften sind wichtige
Hüter der Biodiversität. Ihr traditionelles Wissen über Natur und Klima
müssen wir nutzen, darum haben wir auf der Weltnaturkonferenz in Kolumbien
ein Nebenorgan für indigene Völker und lokale Gemeinschaften gegründet,
deren Arbeitsprogramm wir jetzt umsetzen müssen. Zum Beispiel geht es
darum, wie wir die Rechte der indigenen Bevölkerung schon bei der
Landplanung berücksichtigen.
taz: Egal ob es um den Einsatz von Geld geht, um Landnutzung, um den
Fortschrittsbericht – alles müssen die Mitgliedsländer dokumentieren.
Überfordert die das?
Schomaker: Das ist ein ganz großes Thema. Es gibt neben den drei
Rio-Konventionen zum Klima, zur Biodiversität und zur Wüstenbildung
zahlreiche Übereinkommen zum Schutz der Natur, zum Beispiel zu den zu
wandernden Tierarten, zu Feuchtgebieten, das Washingtoner
Artenschutzabkommen und so weiter. Ein erster Schritt wäre, mit der
gegenseitigen Konkurrenz aufzuhören, gemeinsam Geld aufzutreiben und etwa
die Berichtspflichten für die Rahmenkonventionen zum Klima und zur
Biodiversität zusammenzulegen. Viele Umweltabkommen arbeiten überlappend
und parallel, das können die armen Länder zum Teil nicht stemmen.
taz: In Jerewan treffen die Delegationen aus der EU, Russland und China,
Nigeria und Brasilien aufeinander – die alle sehr unterschiedliche Ziele
verfolgen. Sind solche Mammut-Konferenzen noch zeitgemäß?
Schomaker: Es gibt keine Alternative, und Multilateralismus ist kein
Schönwetterthema. Wir haben diese Strukturen, weil wir gemeinsam Probleme
lösen müssen, die wir nur gemeinsam lösen können. Die Konferenz in Jerewan
ist sehr gut vorbereitet, wir werden dort nach Kompromissen suchen und sie
auch finden.
taz: Wäre es aussichtsreicher, nur mit den Staaten zu verhandeln, die auch
was erreichen wollen? Zum Beispiel mit denen, die sich in der High Ambition
Coalition for Nature and People zusammengetan haben? Sie könnten
ambitionierte und finanzierte Beschlüsse fassen und voranschreiten ….
Schomaker: … es wollen doch alle voranschreiten. Alleine schafft es keiner,
die Lieferketten gehen über die ganze Welt, die Biodiversität verteilt sich
über die ganze Welt. Wir müssen es schaffen, dass die Staaten ihr Geld so
einsetzen, dass es dem Privatsektor ermöglicht wird, [5][in Natur zu
investieren]. Auch im Subventionsbereich wird kein Land alleine
voranschreiten wollen, denn Subventionen entstehen, weil Staaten und Märkte
im Wettbewerb stehen. Da machen entweder alle mit – oder keiner.
17 Oct 2026
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