# taz.de -- Medien in Kolumbien: Verklagen, bedrohen, überfahren
> Seit Präsident de la Espriella im Amt ist, ist das Klima für unabhängige
> Medien in Kolumbien gefährlich geworden. Und es könnte schlimmer werden.
(IMG) Bild: Präsident Abelardo de la Espriella mit Familie bei der Amtseinführung im August
[1][Die Investigativabteilung von Caracol Radio] in Bogotá landete Anfang
September einen Scoop, als sie Regierungsinterna veröffentlichte: Keine
Interviews und keine Pressekonferenzen – so lautet die geleakte Anweisung
des Präsidialamts an die Ministerien.
Ausnahmen gelten für „befreundete Medien“ und bei strategischen Themen –,
aber auch nur dann, wenn zuvor die Erlaubnis des Präsidialamts eingeholt
wurde. Minister:innen dürfen bei Veranstaltungen lediglich eine
Erklärung abgeben. Fragen von Journalist:innen sind nicht erlaubt.
Vizeminister:innen dürfen überhaupt nicht mehr sprechen. Die „großen
Ankündigungen“ mache allein der Präsident – ohne dass diese näher definiert
werden.
Doch es gibt nicht nur weniger Informationen, sondern auch neue Regeln für
die Kommunikation mit der Presse. Das Foto- und Videomaterial soll künftig
aussehen wie Pressematerial, damit es so verwendet wird.
Dazu gibt es Sprachregelungen: „Hoffnung“ verbreiten, betonen, dass „die
schlechten Zeiten vorbei“ seien, dass „das Vaterland wiederaufgebaut“
werde.
## Große Ungewissheit
Was Caracol Radio durchstach, kam wenige Tage später offiziell als
[2][Kommunikationsrichtlinie aus dem Präsidialamt] – allerdings ohne den
Hinweis auf die Sonderbehandlung von „befreundeten Medien“.
Die kolumbianische Stiftung für Pressefreiheit (FLIP) ist alarmiert. „Wir
haben diese Einschränkungen de facto schon vor Bekanntwerden der internen
Regelungen bemerkt“, sagte Direktorin Sofía Jaramillo Otoya der taz.
Mehrere Ministerien hätten die Auskunft nach dem schweren Erdbeben am 10.
August verweigert. Alles sei über das Präsidialamt gelaufen.
Das große Problem sei, dass der Zugang zur Information begrenzt und
erschwert werde. Es herrsche Ungewissheit bei den Medien, welche derzeit
für die Regierung als Freunde gelten, denen man Interviews gewährt, sagt
Jaramillo.
Präsident Abelardo Gabriel de la Espriella Otero ist für seinen Umgang mit
der Presse berüchtigt. Im Wahlkampf und bereits zuvor überzog er
Journalist*innen, die sich näher mit ihm beschäftigten, mit Klagen.
## Selbstzensur aus Selbstschutz
Der Wahlkampf war selbst für kolumbianische Verhältnisse extrem gefährlich
für Journalist*innen. „Wir haben im ersten Wahlgang einen Anstieg der
Übergriffe auf die Presse um fast 230 Prozent verzeichnet“, sagt Sofía
Jaramillo. Bis zur Stichwahl wurden zwei Journalisten ermordet. [3][Schon
die linke Vorgängerregierung hatte Journalist:innen stigmatisiert].
Heute wird jeden zweiten Tag ein:e Journalist: in bedroht, alle fünf Tage
jemand von einer bewaffneten Gruppe
Die Folgen sind: Selbstzensur aus Selbstschutz. Das könnte sich jetzt
verstärken, befürchtet Jaramillo. Die weitere Zentralisierung der
Information und die zusätzlichen Hürden erschwerten besonders für die
Journalist:innen in den Regionen den Zugang, die es ohnehin schwerer
hätten, nationale Nachrichten abzudecken.
Erste personelle Konsequenzen gibt es jetzt schon. Der politische
Cartoonzeichner Vladdo wurde kürzlich von seinem Arbeitgeber [4][RCN
Televisión gefeuert,] nachdem er eine Karikatur des Präsidenten auf seinen
privaten sozialen Medien gepostet hatte.
Und Ende August wurde das [5][Ende der Sendung „Mañanas Blu 10:30“] auf Blu
Radio unter Leitung der berühmten Politikjournalistin Camila Zuluaga
verkündet. Drei Stunden tägliche Morgensendung, politische Nachrichten,
Analysen, kritische Interviews. Zuluaga gehört zu den Journalistinnen,
denen de la Espriella jedes weitere Interview abgesagt hat – [6][und die er
verklagt hat].
## Ein Shitstorm
Die Sendung hat dem Präsidenten nicht gepasst, sagt Ana Christina Restrepo.
Sie ist das bekannteste Gesicht aus Zuluagas Team. Seit Monaten wird
Restrepo selbst attackiert. Sie erhält Morddrohungen und ist seitdem mit
Personenschützern unterwegs. Als sie im Juni von Medellín nach Europa flog,
hatte ein Taxifahrer versucht sie zu überfahren.
Seit September 2025 sei die Situation angespannt gewesen, sagt Restrepo.
Damals interviewte sie den zu der Zeit Vor-Präsidentschaftskandidaten de la
Espriella. Die Sendung wurde live übertragen, die Folge waren aggressive
und frauenfeindliche Kommentare, auch von Bots. Und die Drohungen hörten
auch danach nicht auf.
Bei einer Moderation im Wahlkampf an der Uni Eafit in Medellín tauchte ein
[7][Mann mit Wahlwerbung und einem Schild auf und beleidigte Ramirez aufs
Schärfste] Es handelte sich um David Toledo, einen rechtsextremen
Aktivisten der Partei Centro Democrático. Restrepo musste den
Sicherheitsdienst rufen, um ihn aus dem Saal zu entfernen – der Beginn
einer Schmutz- und Verleumdungskampagne durch Toledo im Internet.
Das Centro Democrático ist heute Regierungspartei. In der Sendung danach
fragte Camilia Zuluaga Restrepo, wie sie den Wahlsieg in Medellín erlebt
habe. Es habe sie daran erinnert, wie die Mafiosi in den 80er Jahren ihre
Anführer krönten, sagte sie.
Daraufhin brach ein Shitstorm los. In der Anzeigenabteilung hätten Leute
angerufen und gedroht, ihre Werbung zurückzuziehen, sollte Restrepo nicht
gefeuert werden – und manche taten es. Camilia Zuluaga sei einbestellt
worden, damit Restrepo richtigstelle. „Aber Meinungen stellt man nicht
richtig“, sagt Restrepo.
Tatsächlich feierten manche von de la Espriellas Anhänger:innen ähnlich
wie die Narcos in den 80ern: mit Luftschüssen und Böllern. Und nicht nur in
Medellín. In Hatoviejo an der Karibikküste [8][starb eine 16-Jährige], weil
ein Querschläger bei der Feierei sie traf.
Seitdem habe es immer wieder geheißen: „Wir müssen aufpassen, sie nehmen
uns sonst die Sendung weg“, sagt Restrepo. Am 31. August hätten sie eine
ganz normale Sendung gemacht. In der anschließenden Reaktionssitzung
verkündete man dem Sendungsteam das Aus. Begründung: Die Sendung sei nicht
nachhaltig. Zahlen, die das belegten, habe niemand vorgelegt. Die
Hörer-Zahlen seien immer hervorragend gewesen.
Alle, die gefeuert werden konnten, mussten gehen. Restrepo erreicht
nächstes Jahr das Rentenalter. Sie steht unter besonderem
arbeitsrechtlichen Schutz. An ein Live-Mikrofon darf sie nicht mehr im
Sender bis dahin. Man hat ihr einen Podcast angeboten, den man
vorproduziert und gegebenenfalls entschärfen kann.
Die Botschaften seien klar: „Eine kritische Journalistin wie dich zerstören
wir moralisch.“ Und was die Sendung angeht, ist sie sicher: „Es geht nicht
um Camilia Zuluaga oder mich, sondern um alle Medien: Entweder ihr mäßigt
euch oder wir vernichten euch.“
21 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://caracol.com.co/2026/09/01/las-directrices-de-presidencia-para-relacionamiento-con-medios-ni-ruedas-de-prensa-ni-entrevistas/
(DIR) [2] https://lector.ramajudicial.gov.co/SIDN/NORMATIVA/TEXTOS_COMPLETOS/6_DIRECTIVAS/PRESIDENCIALES/DIRECTIVAS%20PRESIDENCIALES%202026/Directiva%20Presidencial%2001%20de%202026.pdf
(DIR) [3] https://cms.flip.datasketch.co/uploads/260806_Balance_gobierno_Petro_y_su_relacion_con_la_prensa_db1c664b6b.pdf
(DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=V1pQnzEK_Hs
(DIR) [5] https://www.lasillavacia.com/silla-nacional/caracol-tv-saca-a-camila-zuluaga-justo-cuando-el-gobierno-bloquea-voces-incomodas/
(DIR) [6] https://cambiocolombia.com/los-danieles/articulo/2026/9/la-pregunta-de-camila
(DIR) [7] https://www.facebook.com/watch/?v=1177006074310018
(DIR) [8] https://www.radionacional.co/noticias-colombia/joven-muerta-bala-perdida-bolivar-tras-celebracion-por-el-triunfo-de-abelardo-de
## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
## TAGS
(DIR) Kolumbien
(DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
(DIR) Lateinamerika
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kürzungen bei Kolumbiens Friedensjustiz: Rotstift trifft auf Aufarbeitung
Die JEP klärt Verbrechen aus Kolumbiens bewaffnetem Konflikt auf. Nun
drohen Budgetkürzungen und neue Kontrollen ihrer Urteile.
(DIR) US-Außenminister in Südamerika: Rubio besucht Kolumbien
Marco Rubio trifft den neuen ultrarechten kolumbianischen Präsidenten
Abelardo de la Espriella. Kernthemen sind Rohstoffe und militärische
Zusammenarbeit.
(DIR) Nach dem Erdbeben in Kolumbien: Wiederaufbau, Kritik am Staat und mittendrin Shakira
Nach dem Erdbeben in Kolumbien geht es an den Wiederaufbau und die
Regierung steht unter Druck. Wie reagiert die Bevölkerung und warum helfen
Promis?