# taz.de -- Neue AfD-Fraktion in Berlin: Völkische Imagepflege
> Die neue AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ist deutlich größer
> als zuvor. Aufstrebende, stramm rechte Jungpolitiker besetzen künftig
> Schlüsselposten.
(IMG) Bild: Karrierefördernd: Martin Kohler, Chef der Berliner AfD-Jugend, posiert mit Kristin Brinker (links) und Beatrix von Storch (rechts)
Wenn am Donnerstag das Berliner Abgeordnetenhaus zu seiner ersten Sitzung
zusammenkommt, nimmt die AfD-Fraktion im Plenarsaal deutlich mehr Platz ein
als bisher. 29 der insgesamt 153 Abgeordneten gehören zu der in Teilen
rechtsextremen Partei. Das sind 13 Sitze mehr als noch in der
vorangegangenen Legislaturperiode.
Die AfD hatte bei der Wahl am 20. September [1][rund 16 Prozent der Stimmen
geholt] und damit ihr bislang höchstes Ergebnis in Berlin eingefahren.
Gleichzeitig war die Partei aber hinter den eigenen Erwartungen und
Umfragewerten zurückgeblieben.
Trotzdem: Dass die Berliner AfD künftig die drittstärkste Fraktion im
Landesparlament stellt, bedeutet einen ernst zu nehmenden Zugewinn für die
Rechten. Etwa darf die Fraktion erstmals einen Kandidaten für das Amt des
Vize-Parlamentspräsidenten nominieren. Und auch finanziell zahlt sich der
Wahlerfolg aus. Jeder und jede der 29 Abgeordneten erhält monatlich bis zu
8.000 Euro für ein Wahlkreisbüro und kann damit [2][persönliche
Mitarbeiter] beschäftigen. Auf diese Weise entstehen Jobs für Personen aus
dem rechtsextremen Vorfeld der Partei, das so seine eigenen Strukturen
festigen kann.
Die neue AfD-Fraktion gleicht dabei einem Herrenverein: 25 Männer und nur
vier Frauen gehören ihr an. Eine davon ist die alte und neue
Fraktionsvorsitzende Kristin Brinker. Die Parteichefin [3][sitzt trotz eher
enttäuschender Wahlergebnisse fest im Sattel]. Auch Skandale konnten ihr
bislang nichts anhaben. Etwa hatte die Polizei noch am Tag vor der
Berlin-Wahl die Wohnung eines Mitarbeiters durchsucht und dabei unter
anderem Nazi-Devotionalien gefunden. Für Brinker kein Thema: „Er ist
einfach ein Sammler“, sagte sie.
## Weichenstellung für einen stramm rechten Kurs
Wohl Grund genug, dass die AfD in Berlin auf Landesebene weiter isoliert
bleibt. Das zeigt auch die Wahl zum Parlamentspräsidium, die am Donnerstag
auf der Tagesordnung steht. Alle anderen Fraktionen [4][lehnen es – mehr
oder weniger vehement – ab, den AfD-Kandidaten Martin Trefzer zum
Vizepräsidenten zu wählen], wie sie am Wochenende erneut bekräftigten.
Derweil stellt die neue Fraktion die Weichen für die Fortsetzung ihres
stramm rechten Kurses. Zugleich zeichnet sich der Versuch ab, das eigene
Auftreten professioneller wirken zu lassen und den Parteinachwuchs
prominent einzubinden. Dafür hat die Fraktion Schlüsselposten mit jungen,
aufstrebenden Politikern besetzt, die der völkisch-nationalistischen
Strömung innerhalb der AfD nahestehen und gleichzeitig versuchen, ein
seriöses Image zu pflegen.
Da ist etwa der Partei- und Fraktionsvize Alexander Bertram. Der 38-Jährige
gilt als Brinkers Kronprinz und steht dem formal aufgelösten rechtsextremen
„Flügel“ um Thüringens Landeschef Björn Höcke nahe. In der neuen Fraktion
soll Bertram das für die AfD so zentrale Thema Migration vertreten und mit
typischem Remigrationssound bespielen.
In dieser Funktion beerbt Bertram den Marzahn-Hellersdorfer Abgeordneten
Gunnar Lindemann. Der Putin-Anhänger, der vor allem mit wirren Kochshows
bei Youtube sowie verbalen Entgleisungen von sich reden macht, dürfte in
der Fraktion angesichts der Bemühungen um Professionalisierung nicht mehr
als idealer Repräsentant gegolten haben. Dafür spricht auch, dass
Lindemanns Name in der Liste der „fachpolitischen Sprecher“ der Fraktion
überhaupt nicht mehr auftaucht.
## Der Nachwuchs darf ran
Neben Bertram stehen dann vor allem zwei neu gewählte Abgeordnete für den
künftigen Kurs der Berliner AfD-Fraktion: Martin Kohler und Jan Streeck.
Beide sind Ende 20, stehen der [5][rechten Burschenschaft „Gothia“] nahe
und waren im Vorstand der aufgelösten Nachwuchsorganisation „Junge
Alternative“ (JA). Inzwischen ist Kohler Chef der neuen Parteijugend
„Generation Deutschland“.
Dass die beiden Parlamentsneulinge direkt in den Fraktionsvorstand gewählt
und mit Sprecherämtern bedacht wurden, spricht für die herausgehobene
Rolle, die ihnen zugedacht ist. Dabei ist Martin Kohler künftig Sprecher
für Innenpolitik der AfD-Fraktion – ein Schlüsselposten in der
Law-and-Order-Partei. Hier folgt er auf den bisherigen Scharfmacher
Thorsten Weiß, der zu Höcke nach Thüringen gegangen ist.
Doch Kohler steht Weiß in nichts nach. In den Wahlkampf zog er mit dem
Slogan „Remigration ist nicht alles, aber ohne Remigration ist alles
nichts“. Aus JA-Zeiten ist er zudem eng vernetzt mit den Brandenburger
AfD-Politikern [6][Jean-Pascal Hohm] und Dennis Hohloch, die beide als
gesichert rechtsextrem gelten.
Jan Streeck wiederum ist „fachpolitischer Sprecher“ für Bauen und Wohnen.
Das Thema [7][versucht die AfD seit dem Frühjahr verstärkt zu kapern], vor
allem durch die rassistische Kampagne „Wohnungen sind keine Asylheime“.
Streeck ist zugleich AfD-Vorsitzender in Pankow, wo er im Ortsteil
Blankenburg ein Parteilokal betreibt, das als Szenetreff gilt. Zu Gast war
dort etwa [8][der Bundestagsabgeordnete Mathias Helferich] („das
freundliche Gesicht des NS“). Und kürzlich fand dort ein „Oktoberfest“
statt mit einem Auftritt des rechten Streamers und Musikers „Björn Banane“.
## Abgeordnete mit beachtlicher Vita
Unter den 15 AfD-Abgeordneten, die erstmals ins Abgeordnetenhaus eingezogen
sind, finden sich auch einige eher unbekannte Figuren mit beachtlicher
Vita. Einer von ihnen ist etwa der Künstler und Podcaster Julian Adrat. Der
bekennende Trump-Fan ist vorbestraft, unter anderem wegen Körperverletzung
und Beleidigung. Zudem wurde bereits mehrfach gegen ihn ermittelt, etwa
wegen Volksverhetzung. Hintergrund waren Hass-Posts über trans Personen
sowie Migrant*innen.
Ebenfalls neu ist Anneliese Dummer, direkt gewählt in Marzahn-Hellersdorf.
Die Rentnerin arbeitete bereits für zwei Senatsverwaltungen und auch die
AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann, die mittlerweile unter
Terrorverdacht in Untersuchungshaft sitzt. Neu sind auch der Lehrer Hendrik
Pauli, der in der Vergangenheit wegen seiner Bärgida-Unterstützung gefeuert
wurde, inzwischen aber wieder an einer Schule arbeitet, und der Polizist
Marc Bernicke, der wegen seiner Rolle in der JA aus dem Polizeidienst
entlassen wurde.
## Verfassungsschutz darf bald informieren
Unterdessen könnte der Berliner Verfassungsschutz bald offenlegen, ob er
die Berliner AfD als rechtsextremen Verdachtsfall einstuft und entsprechend
beobachtet. Möglich macht das eine Gesetzesänderung der schwarz-roten
Koalition, die Anfang September in Kraft getreten ist. Zuvor durfte der
Verfassungsschutz nur über gesichert rechtsextreme Bestrebungen
informieren, nicht aber über Prüf- oder Verdachtsfälle.
Die Innenverwaltung kann die neuen Regeln aber nach eigenen Angaben erst
anwenden, sobald die Regierungsbildung in Berlin abgeschlossen ist. Rund um
die Wahl und während der Koalitionsverhandlungen würde die Bekanntmachung
nach der Einschätzung das Neutralitätsgebot verletzen. Ziel sei aber, zum
„frühestmöglichen Zeitpunkt“ Klarheit zu schaffen, ob die AfD beobachtet
wird oder nicht.
25 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
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