# taz.de -- Krieg in Nahost: Droht Libanon ein neuer Bürgerkrieg?
       
       > Wachsende Spannungen zwischen Hisbollah und libanesischer Regierung
       > erschweren die Verhandlungen mit Israel. Frieden scheint in weiter Ferne
       > zu liegen.
       
 (IMG) Bild: Flaggenmarsch anlässlich des Jahrestags des israelischen Abzugs aus Libanon. Südbeirut, 25. Mai 2026
       
       Hisbollah-Chef [1][Naim Kassem] gilt als rhetorisch schwach – selbst seinen
       Anhängern. Doch zum 26. Jahrestags des Abzugs Israels nach 18 Jahren der
       Besatzung aus Südlibanon, verschärft Kassem seine Rhetorik massiv. Nicht
       aber gegen Israel, sondern gegen die libanesische Regierung. „Die Menschen
       haben das Recht, auf die Straße zu gehen und die Regierung zu stürzen“,
       sagte Kassem am Sonntag.
       
       Weil die Regierung israelische Angriffe bislang diplomatisch nicht stoppen
       konnte, aber die Hisbollah zur Entwaffnung zwingen will, sind viele
       Anhänger der von Iran unterstützen, schiitischen Miliz-cum-Partei wütend.
       Bei Protesten verbrannten sie Bilder des [2][Premierministers Nawaf Salam].
       Bisher hatte sich die Hisbollah von dieser „Straßen“-Rhetorik distanziert.
       Jetzt droht der Chef persönlich.
       
       Trotz Waffenruhe, die am 15. Mai um 45 Tage verlängert wurde, haben die
       Kampfhandlungen im Land laut Angaben der Vereinten Nationen um fast vierzig
       Prozent zugenommen: Seit dem 2. März haben israelische Angriffe in Libanon
       3.185 Menschen getötet und mehr als 9.600 verletzt. Beschuss der Hisbollah
       und durch Iran haben vier Zivilisten und 23 Soldaten in Israel getötet.
       Hunderttausende in Libanon sind binnenvertrieben, viele schlafen auf der
       Straße. Israel hält 55 Dörfer im Süden besetzt und zwang am Montag Menschen
       [3][in der südlichen Großstadt Sou]r zur Flucht.
       
       Israel griff am Montag außerdem wieder an vielen Orten in Südlibanon an,
       israelische Überwachungsdrohnen surren über Orten im ganzen Land. Auch die
       Hisbollah setzte am Dienstag den Beschuss auf Israel mit Drohnen fort.
       [4][Diese Glasfaserdrohnen] sind mit Sprengstoff beladen; Israels Militär
       kann sie nicht lokalisieren. Drohnen dieses Typs töteten jüngst mehrere
       israelische Soldaten.
       
       ## Systematische Zerstörung in Südlibanon
       
       Premier Benjamin Netanjahu kündigte am Montag mehr „harte“ israelische
       Angriffe an. Die rechtsextremen Minister Bezalel Smotrich und [5][Itamar
       Ben Gvir] forderten, die Hauptstadt Beirut wieder zu bombardieren. Für jede
       Hisbollah-Drohne müssten zehn Gebäude büßen, so Finanzminister Smotrich.
       
       Die Minister versprechen Sicherheit für Israelis, die sie nur in
       völkerrechtswidriger Expansion und Vernichtung ziviler Infrastruktur in der
       Nähe der Grenze garantiert sehen. Die israelische Armee [6][zerstört im
       Südlibanon systematisch Dörfer und Städte].
       
       Am Freitag treffen sich Vertreter Libanons und Israels in Washington. Ein
       Durchbruch ist nicht zu erwarten. Falls doch, wird er wieder nur auf Papier
       existieren. Iran macht einen Stopp der israelischen Angriffe in Libanon zur
       ‌Bedingung für einen Deal um ein Ende des Irankriegs mit den USA. Diese
       drängen stattdessen auf die Normalisierung der Beziehungen Israels mit
       Libanon. Das möchte die Hisbollah verhindern. Deshalb macht Naim Kassem nun
       Druck.
       
       Bei Antritt der aktuellen Regierung im Januar 2025 lief es zunächst gut:
       Die Hisbollah hatte vorgeblich eingewilligt, ihre Waffen in Südlibanon
       abzugeben. So war es auch im Waffenruheabkommen aus dem November 2024
       gefordert worden. Das libanesische Militär räumte einige Tunnel und
       Waffenlager im Süden. Israel war das aber nicht genug, es griff weiter an.
       
       ## Könnte sich die Hisbollah gegen Libanons Militär stellen?
       
       Die Angriffe auf Zivilist*innen, Rettungshelfer*innen [7][und
       Journalist*innen], sowie die systematische Zerstörung ziviler
       Infrastruktur vor allem im Süden hatten der Hisbollah bei den
       Kommunalwahlen vor einem Jahr Zulauf beschert. Im Mai standen eigentlich
       Parlamentswahlen an. Die libanesische Regierung hat die Wahlen wegen
       „Notstand“ um zwei Jahre verschoben – wohl aus Angst, die Hisbollah könnte
       aus ihr erstarkt hervorgehen.
       
       Einen Bürgerkrieg scheint die Hisbollah zumindest bislang aber nicht vom
       Zaun brechen zu wollen. Die Miliz könnte aber so in die Offensive gehen,
       [8][wie sie es bereits 2008 tat]. Die Regierung hatte damals die
       Entwaffnung der Miliz gefordert, woraufhin die Hisbollah Teile der
       Hauptstadt und des Libanon-Gebirges besetzte.
       
       Dem libanesischen Militär möchte sich die Miliz aber wohl nicht
       entgegenstellen. Das hatte [9][Wafic Safa], hochrangiges Mitglied des
       Politischen Rats der Hisbollah, am Montag erklärt.
       
       Vor 26 Jahren endete Israels 18-jährige Besatzung des Libanon. Die Probleme
       sind aber gleich geblieben: Die Hisbollah braucht wohl Israel als Feindbild
       zur Existenzberechtigung für ihre Miliz. Israels Regierung nutzt wiederum
       die Hisbollah als ständige Bedrohung zur Rechtfertigung für sein teils
       völkerrechtswidriges Vorgehen in Libanon.
       
       26 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Neumann
       
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