# taz.de -- Rückkehr in den Südlibanon: „Wir sind wie Zugvögel geworden“
> Hunderttausende nutzen die temporäre Waffenruhe, um in den Südlibanon
> zurückzukehren. Doch manche Dörfer bleiben von Israel besetzt. Und die
> Uhr tickt.
(IMG) Bild: Ein Junge schaut auf die von Israel zerstörte Qasmiyeh-Brücke vor der Stadt Tyros
Leila Atwi sitzt auf einer Bank in der südlibanesischen Stadt Sour am
Mittelmeer. Der Himmel ist diesig, die Wellen peitschen gegen die Küste.
Atwi pellt dicke, grüne Bohnen aus einer Schote. In einer Tüte vor ihr
liegen außerdem Mispeln und [1][grüne, unreife Mandeln]. „Aus unserem
Garten“, sagt sie stolz. „Wir kamen zurück und fanden alles erntebereit
vor. Wir haben uns darüber gefreut.“
Die 52-jährige libanesische Schiitin war durch den Krieg vertrieben. Über
46 Tage lang lebte sie mir ihrer sechsköpfigen Familie in einer zur
Notunterkunft umfunktionierten Schule im Norden des Libanon. Als Atwi
hörte, [2][dass zehn Tage lang eine Waffenruhe gelten soll], kehrte sie am
Freitag in ihr Zuhause zurück: i[3][n das Dorf Qana], 12 Kilometer entfernt
von der Grenze zu Israel.
Bei der Rückkehr bot sich ihr ein Bild der Verwüstung, erzählt sie: „Viele
Häuser und Geschäfte sind zerstört.“ Ihr eigenes Haus stand noch. Doch die
Haustür sei offen gewesen, wohl durch den Druck der Bombardierungen
aufgedrückt. Das Haus zu betreten sei surreal gewesen: „Ich brauchte
bestimmt drei, vier Minuten, um zu realisieren, dass ich zu Hause war.“
Drinnen fand sie eine Katze aus der Nachbarschaft, die auf ihrem Sofa saß.
„Es macht mich glücklich, sie zu sehen. Als würde dich jemand willkommen
heißen, eine Seele im Haus.“
## Zerstörte Brücken behindern die Weiterfahrt
Das erleichternde Gefühl, wieder zu Hause zu sein, suchen derzeit
Hunderttausende Menschen im Libanon. Am Samstag bildeten sich lange Staus
auf der Autobahn von Beirut in den Süden des Landes. Die Autos voll mit
Familienmitgliedern, Koffern, Gepäck. Übereinander gestapelte
Schaumstoffmatratzen, große Plastiksäcke, ein Kinderbett, Plastikstühle,
sogar eine Waschmaschine, mit Seilen auf die Autodächer gespannt. Rund 1,5
Millionen Menschen [4][waren durch den Krieg mit Israel binnenvertrieben.]
Viele nutzen nun die Waffenruhe, um nach ihren Häusern zu sehen. Die
meisten wissen nicht, ob diese noch stehen – oder ob ihre Habseligkeiten
unter Trümmern liegen.
Auf dem Weg gen Süden: Von der Autobahn weist der Zivilschutz den Weg. Über
eine schottrige Straße umfahren Autos eine zerstörte Brücke über einen
Schleichweg, der über den Fluss Litani führt. In anderen Teilen des Landes
haben Helfer Schutt und Steine aufgeschüttet, damit Autos den Litani
überfahren können. Das israelische Militär hatte alle Brücken, die über
diesen Fluss verlaufen, gesprengt. Die israelische Regierung hatte
angekündigt: [5][Der Litani solle Israels neue Nordgrenze werden.] Der
Fluss verläuft quer durch den Libanon, rund 30 Kilometer hinter der Grenze
der beiden Staaten.
Das Abkommen zur Waffenruhe umfasst offiziell ganz Libanon. „Trotz
Waffenruhe ist die Rückkehr der Bewohner in die Grenzdörfer derzeit
verboten, weil die israelische Armee weiterhin in diesen Gebieten präsent
ist“, erklärt Tarek Mazraani, Ingenieur aus dem [6][Grenzdorf Hula]. „Die
israelische Armee ist dort weiter aktiv, zerstört und beschädigt Häuser und
Infrastruktur.“
Die israelische Armee hat am Samstag eine Karte einer sogenannten Gelben
Zone ausgewiesen: 55 Dörfer, die weiter militärisch besetzt werden. Die
israelische Armee sagt, Bewohnende dürfen nicht zurückkehren. „Bedrohungen“
würden beschossen.
## Israels Militär sprengt weiter Wohnhäuser
In den Tagen vor dem Waffenstillstand habe die israelische Armee Häuser
[7][in den Orten Bint Jbeil], Ainata, Meiss Jabal und Taybeh gesprengt,
meldeten libanesische Medien. Videos des israelischen Militärs zeigen
massive Detonationen ganzer Häuserblöcke. Libanesische Medien melden
„systematische Abrisse“. Trotz Waffenruhe setzt das israelische Militär die
„systematische Zerstörung“ von Dörfern im Südlibanon fort, meldet auch die
israelische Zeitung Haaretz. Israelische Kommandeure sagten der Zeitung,
dass zivile Häuser, öffentliche Gebäude und Schulen abgerissen werden – um
„das Gebiet zu räumen“.
Die meisten Grenzdörfer seien vollständig zerstört, sagt Mazraani. Er hat
eine zivile Bürgerinitiative zur Rückkehr der Kriegsvertriebenen gegründet.
„Selbst bei einer möglichen Rückkehr sind diese Dörfer derzeit
unbewohnbar.“ Es gebe weder Strom noch Wasser, viele Straßen seien noch
nicht von israelischen Blockaden wie Steinen, Erdhaufen oder Betonblöcken
geräumt, geschweige denn instand gesetzt. Für Grenzdörfer, in denen eine
Rückkehr möglich sein könnte, bestünden Sicherheitsrisikos. Vertriebene
blieben vorsichtshalber in ihren provisorischen Unterkünften, so Mazraani.
Sein Heimatdorf Hula gehört zu den 55 besetzten Dörfern. „Natürlich ist
mein Haus weg, das ganze Dorf wurde zerstört“, sagt er. Während des Krieges
floh seine Familie in die Gegend von Nabatieh, einer größeren Stadt im
Südlibanon. Als die Kämpfe auch Nabatieh erreicht hatten, floh die Familie
dann weiter in die Kapitale Beirut. „Wir müssen [8][die Wohnung, die wir
dort gefunden hatten], aber wieder verlassen. Die Besitzer haben nun selbst
kein Zuhause mehr. Wir müssen also wieder eine Unterkunft suchen.“
## Die Angst bleibt
Trotz der Waffenruhe atmet auch Leila Atwi nicht auf. Sie hat Angst, dass
[9][diese temporäre Pause nicht hält]. Nur eine Nacht blieb sie in ihrem
Zuhause in Qana, erzählt sie. Dann stieg sie wieder ins Auto, fuhr in die
Stadt Sour an der Küste. Wo sie in der Nacht schlafen wird, weiß sie nicht.
„Wenn die Lage ruhig ist, gehen wir zurück nach Qana. Ansonsten fahren wir
nach Beirut.“
Atwi glaubt nicht an einen langfristigen Waffenstillstand. „Wir haben
unsere Sommerkleidung mitgenommen. Vielleicht kehren wir nie wieder zurück.
Wir sind wie Zugvögel geworden.“
19 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nytimes.com/2001/04/18/dining/strange-thing-green-almonds-pod-and-all.html
(DIR) [2] /Krieg-zwischen-Israel-und-Libanon/!6171775
(DIR) [3] https://maps.app.goo.gl/rAua3Aw1pbjW4AfV8
(DIR) [4] /Krieg-im-Libanon/!6164421
(DIR) [5] /Krieg-im-Libanon/!6167645
(DIR) [6] https://maps.app.goo.gl/ZPLDd4amDe9UfT6X9
(DIR) [7] /Kaempfe-im-Libanon/!6170954
(DIR) [8] /Massenflucht-in-Libanon/!6159706
(DIR) [9] /Gespraeche-zwischen-Israel-und-Libanon/!6170962
## AUTOREN
(DIR) Julia Neumann
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