# taz.de -- Israel wählt: Fünf Szenarien für die Regierungsbildung
> Laut Umfragen kommen weder Regierung noch zionistische Opposition auf die
> zur Regierungsbildung nötigen 61 Mandate. Welche Koalitionsmöglichkeiten
> gibt es?
(IMG) Bild: Vielleicht Königsmacher: Mansour Abbas (r.), der arabische Vorsitzende der Partei Ra’am, und sein jüdischer Vize Yoav Segalovitz
Wenn an diesem Dienstag die Bürgerinnen und Bürger in Israel die Knesset,
das israelische Parlament, wählen, bekommen Mandate nur die Parteien, die
über die Hürde von 3,25 Prozent kommen. Die Parteien versuchen sich dann an
der Koalitionsbildung – die in Israel mit seiner fragmentierten
Parteienlandschaft eigentlich immer nötig ist. Kann eine Koalition gebildet
werden, bildet sie eine Regierung und verteilt Ministerposten. Für die
Ministerinnen und Minister rücken dann für die jeweiligen Parteien
Politiker niedrigerer Listenplätze im Parlament nach.
Ein Thema, das den Wahlkampf stark prägte, ist die Person [1][Benjamin
Netanjahu]: 1988 zog er zum ersten Mal für die rechtskonsverative
Likud-Partei in die Knesset ein. Aus der israelischen Politik ist er
seitdem nur noch schwer wegzudenken. 1996 wurde er erstmals Premier und
hielt den Posten seitdem fast 19 Jahre. Kein anderer Premier in Israels
Geschichte kommt auf eine solche Amtszeit.
Netanjahu ist längst eine umstrittene Figur und wird seit dem Angriff
palästinensischer Milizen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober 2023 in
Südisrael von Teilen der Bevölkerung sogar gehasst. Nicht nur war er damals
als Premier letztlich für die Geschicke Israels verantwortlich, sondern
hatte Medienberichten zufolge zuvor mehrfach Warnungen etwa der Vereinigten
Arabischen Emirate vor einem Anschlagsplan der Hamas ignoriert. Außerdem
verhindert er bis heute eine unabhängige Untersuchungskommission, die viele
im Land wünschen.
Die israelische Parteienlandschaft ist derzeit gespalten: in den
Pro-Netanjahu-Block der derzeitigen Regierungsparteien, den
Anti-Netanjahu-Block der zionistischen Oppositionsparteien, den Block der
arabischen Parteien und die rechte Partei Amcha Israel, deren Loyalität für
oder gegen Netanjahu sich noch beweisen muss. Um auf eine Knessetmehrheit
zu kommen und damit regierungsfähig zu werden, bräuchten der
Anti-Netanjahu- und der Pro-Netanjahu-Block jeweils 61 von 120 Sitzen in
der Knesset. Laut den Umfragen kann bislang keiner der Blöcke diese Anzahl
erreichen.
Wie könnte es also nach der Wahl weitergehen? Welche Koalitionslösungen
gibt es – und könnten Israel am Ende sogar erneute Wahlen ins Haus stehen?
Szenario eins: Der Netanjahu-Block schafft es erneut
Laut Umfragen hat Likud zwischen der Wahl 2022 und der Wahl 2026 massiv
abgebaut – bis zu 10 Sitze. Die gesamte Koalition kommt demnach statt der
nötigen 61 Sitze nur noch auf etwa 50.
Innerhalb seiner Regierungskoalition haben laut Umfragen manche Parteien
zugelegt, andere abgebaut: Die rechtsextreme Otzma Yehudit des Ministers
für innere Sicherheit Itamar Ben-Gvir zieht gerade unter jüngeren Menschen.
Die Partei gewann 2022 6 Sitze, jetzt werden es je nach Umfrage wohl eher 7
bis 9. Die ultraorthodoxe Schas-Partei würde den Umfragen zufolge hingegen
Sitze verlieren, ihre Mandate könnten sich von 11 auf 8 verringern.
Entschieden wird allerdings am Wahltag und nicht in Umfragen, deren
Ergebnisse voneinander abweichen. Entscheidend wird auch sein, wie viele
Wählerinnen und Wähler ihr Stimmrecht wahrnehmen – etwa in der arabischen
Community. Bei steigender Wahlbeteiligung wird es wahrscheinlicher, dass es
die Amcha-Israel-Partei nicht über die Hürde von 3,25 Prozent schafft. Und
sie somit einer Netanjahu-Koalition nicht doch noch über die 61-Sitz-Hürde
verhelfen kann.
Fazit: Eher unwahrscheinlich. Die Wahlergebnisse müssten sehr deutlich vom
Konsens der Umfragen abweichen.
Szenario zwei: Der Oppositionsblock bildet die Koalition
Auch der zionistische Anti-Netanjahu-Block kommt in keiner Umfrage auf die
61 Sitze, sondern er liegt eher bei 52 bis 56 Sitzen. Sein zentrales
Versprechen lautet: keine Koalition mit Netanjahu. Ein weiteres Versprechen
der Mehrheit der Parteien innerhalb des Blocks lautet aber auch: keine
Koalition mit den arabischen Parteien.
Rechnerisch geht das nicht auf, eines der beiden Versprechen müsste für
eine Koalitionsbildung gebrochen werden. [2][Die arabische Partei Ra'am hat
Interesse an einer Koalitionsbeteiligung bekundet], die zionistische Partei
Demokraten das immerhin nicht ausgeschlossen. Die anderen drei
Oppositionsparteien aber schon.
Die Ra’am saß von 2021 bis 2022 schon einmal in einer Koalition, von unter
Jair Lapid und Naftali Bennet. Die beiden gehören mit ihrer Partei B’Yachad
auch in diesem Jahr zum Oppositionsblock. Bennet hatte aber betont, eine
solche Koalition nicht erneut eingehen zu wollen. Die andere arabische
Liste, die Joint List, hat kein Interesse an einer Regierungsbeteiligung.
Die zweite Unbekannte für eine Koalitionsbildung der Opposition ist also
ihr Wahlergebnis. Derzeit hat Ra’am 5 Sitze in der Knesset; in den Umfragen
kommt sie auf 5 bis 7. Parteichef Abbas Mansour selbst erklärte der taz,
auf 8 Sitze kommen zu wollen. Die Umfragen geben das aber nicht her.
Demnach kommen die arabischen Listen insgesamt auf 13 bis 16 Sitze.
Fazit: Viele „wenn“ liegen auf dem Weg zu einer Koalitionsbildung der
Opposition. Wenn sie bereit ist, mit der Ra’am zu koalieren. Wenn diese es
schafft, die rechnerisch nötigen Sitze zu erringen. Eine unsichere Kiste.
Szenario drei: eine große Koalition mit Netanjahu
Gemeinsam auf 61 Sitze kommen, könnte eine Koalition der Likud von
Netanjahu, der in den Umfragen vorne liegenden Oppositionspartei Yashar von
[3][Gadi Eisenkot], der B’Yachad und die Partei Israel Beitenu. Den drei
Parteien ist gemein, dass sie eher rechts der Mitte sind – aber nicht so
extrem rechts wie Netanjahus bisherige Koalitionspartner.
Grundsätzlich hätten die vier Parteien politische Gemeinsamkeiten – wäre da
nicht die Personalien Netanjahu. Mit ihm zu koalieren hatte Eisenkot jüngst
nochmal ausgeschlossen. Selbst dann, wenn der Posten des Premiers innerhalb
der Koalition rotieren würde.
Eine Umfrage der Tageszeitung Ma’ariv zeigte jüngst: 60 Prozent der
Befragten würden eine Einheitsregierung vorziehen, wenn keine klare
Mehrheit für oder gegen Netanjahu erzielt wird. Nur etwas über 20 Prozent
würden Neuwahlen vorziehen.
Fazit: Eher unwahrscheinlich – zu unbeliebt ist der Politiker Netanjahu bei
den Anführern der Oppositionsparteien. Ausgeschlossen ist die Konstellation
aber auch nicht.
Szenario vier: mal wieder Neuwahlen
Von Neuwahlen können die Israelis ein Lied singen: Ganze fünf Mal wählten
sie zwischen 2019 und 2022. Mehrfach scheiterte die Regierungsbildung, und
wenn sie klappte, waren die Koalitionen instabil und scheiterten noch vor
Ablauf ihrer Amtszeit.
Doch wenn sich keine klare Mehrheit abzeichnet – so wie es die Umfragen
andeuten –, könnte die Koalitionsbildung wieder und wieder scheitern. Und
es damit letztlich zu Neuwahlen kommen.
Fazit: Möglich gerade dann, wenn sich der übergangsweise im Amt bleibende
Netanjahu von einer erneuten Phase der Unsicherheit Vorteile für den
nächsten möglichen Wahlgang erhofft.
Szenario fünf: eine Minderheitsregierung der Opposition
In Israel funktioniert es recht gut, einzelne politische Entscheidungen
gemeinsam mit Parteien zu treffen, die gar nicht mit in der
Regierungskoalition sitzen. Denn jedes Gesetz wird einzeln in der Knesset
abgestimmt.
Es wäre möglich, dass der Oppositionsblock sich mit den 52 bis 56 Sitzen
begnügt und ohne Beteiligung der Ra’am eine Minderheitsregierung bildet.
Sie müsste sich dann für einzelne Gesetzesvorlagen Mehrheiten in der
Knesset suchen.
Ein mögliches Gesetzesvorhaben: die Amtszeit des Premiers auf eine
Maximaldauer zu beschränken. Ein solches Vorhaben könnten etwa die
arabischen Parteien unterstützten, die Regierung so auf eine Mehrheit von
61 oder mehr Sitzen von 120 zu kommen.
Entsprechende Pläne hat der Oppositionsblock bereits vorgebracht. Ein
solcher Gesetzesvorwurf wurde 2021 in erster Lesung bereits verabschiedet –
auch damals mit Stimmen aus der Opposition. Er wurde aber vor Ende der
Amtszeit der damaligen Regierung nicht Gesetz.
Fazit: Möglich. Da aber jedes Regierungsvorhaben zu einem Ringen in der
Knesset würde, wäre ein solches Konstrukt sehr instabil und eventuell nicht
von langer Amtsdauer.
Kommt der Krieg während der Verhandlungen zurück?
In jedem Fall würde eine wie auch immer geartete Regierungsbildung einige
Zeit dauern. Letztes Mal waren es etwa 50 Tage an. Und was während dieser
Zeit geschieht, dürfte auf den Prozess Einfluss nehmen.
Dass der Irankrieg relativ bald nach den Wahlen wieder mit voller Wucht
eskaliert, gilt als nicht unwahrscheinlich. Die USA verlagern wieder
militärisches Equipment in die Region, die Rhetorik aller Seiten eskaliert.
Die USA haben erneut Sanktionen gegen Russland ausgesetzt, um deren Öl und
Diesel auf den Markt zu bekommen und somit den Preisdruck etwas zu senken.
Außerdem wurden die Reisewarnungen für die Länder des Nahen Ostens
angepasst.
Ob Netanjahu von einem solchen Kriegsausbruch profitieren würde, ist offen.
Das Image des „starken Mannes gegen Iran“ könnte ziehen, viele in der
Bevölkerung befürworten weiter den Krieg gegen Iran. Andererseits hat die
letzte Runde des Irankriegs auch in Israel schwere Verwüstungen
hinterlassen; über zwanzig Menschen starben.
Vor den Wahlen hatte Netanjahu Berichten zufolge noch versucht, einen
Angriff auf Iran zu starten. Dazu soll er den US-Präsidenten Donald Trump
lobbyiert haben. Der soll aber einen erneuten Angriff aufgeschoben und
Netanjahu kein grünes Licht gegeben haben. Netanjahus Büro dementierte den
Bericht.
Der israelische Sender Kanal 12 berichtete außerdem, dass es einen Konflikt
zwischen Netanjahu und dem Generalstabschef des israelischen Militärs Eyal
Zamir gegeben habe. Demnach habe Netanjahu eine nicht weiter spezifizierte
„Militäraktion“ angeordnet, die zu einem Konflikt mit Iran führen könnte.
Zamir habe weitere Informationen gefordert und sich Netanjahus Anweisung
nicht gefügt. Der Premier selbst dementierte diesen Bericht.
27 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kurz-vor-den-Wahlen-in-Israel/!6224942
(DIR) [2] /Wahl-in-Israel/!6222304
(DIR) [3] /Israelischer-Oppositionsfuehrer/!6197371
## AUTOREN
(DIR) Lisa Schneider
## TAGS
(DIR) Israel
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Nahost-Debatten
(DIR) Benjamin Netanjahu
(DIR) GNS
(DIR) Likud
(DIR) Parlamentswahl
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Wahlen in Israel: Kein klarer Weg zur Mehrheit
Erste Prognosen sehen das Anti-Netanjahu-Lager vorn, klare Mehrheiten gibt
es aber nicht. Erst am Donnerstag ist mit einem Endergebnis zu rechnen.
(DIR) Wahl in Israel: „Wir können keine einzige Stimme verschwenden“
Viele im Ausland lebenden Israelis kehren heim zur Wahl. Das tut auch
Nathan aus Berlin: eine linke Ausnahme in einer erzkonservativen Familie.
(DIR) Israels Vorgehen im Westjordanland: Die Spirale der Gewalt dreht und dreht sich
Mit der Großoffensive im besetzten Westjordanland will Regierungschef
Netanjahu noch punkten. Am Dienstag wird gewählt, und der Ausgang ist
offen.
(DIR) Wochentaz-Podcast: Israel vor Schicksalswahl
Am Dienstag wird gewählt. Lässt sich der Umbau Israels in ein
religiös-autoritäres Land noch stoppen?