# taz.de -- Wahl in Israel: „Wir können keine einzige Stimme verschwenden“
       
       > Viele im Ausland lebenden Israelis kehren heim zur Wahl. Das tut auch
       > Nathan aus Berlin: eine linke Ausnahme in einer erzkonservativen Familie.
       
 (IMG) Bild: Nathan Dawidowicz zu Hause in Berlin. Für die Wahl fliegt Nathan zum ersten Mal seit Jahren wieder nach Israel
       
       „Liebe ist stärker als Ideologien“, sagt Nathan Dawidowicz. Gerade sieht
       Nathan zum ersten Mal seit sieben Jahren die eigene Mutter in Jerusalem
       wieder. Nathan ist zur anstehenden Parlamentswahl nach Israel gereist. Das
       letzte Mal hat Nathan in Israel vor 17 Jahren gewählt, mit 18. Seit dem
       letzten Besuch 2019 ist nicht nur der Anschlag vom 7. Oktober 2023
       geschehen, der die politischen Gräben im Land weiter vertieft hat. Auch in
       der eigenen Familie war ein politischer Streit eskaliert, der zu einigen
       Jahren Funkstille führte.
       
       [1][„Schon im Flugzeug fiel mir auf, wie viele säkulare Israelis offenbar
       zum Wählen ins Land kommen, um die Opposition zu unterstützen“], sagt
       Nathan über den Hinflug. Jeder Platz sei besetzt gewesen. Als die Mutter
       Nathan am Flughafen abholt, erzählt sie, dass gerade drei Flugzeuge
       verschiedener Airlines aus Berlin gleichzeitig gelandet seien. Die
       israelische Diaspora kommt, um ihre Stimme zu nutzen.
       
       Eine Stimme für oder gegen den derzeitigen Premierminister Benjamin
       Netanyahu und seine Regierung – das ist die Entscheidung, über die Israel
       offenbar gespalten sei, sagt Nathan. „Es geht überhaupt nicht um eine
       Spaltung zwischen links und rechts, es geht um Für oder Wider die
       derzeitige Regierung.“
       
       Diese Kluft zieht sich auch durch Nathans eigene Familie. Die Mutter ist
       ultraorthodoxe Jüdin und erzog Nathan seit dem Umzug von Mailand nach
       Jerusalem im Alter von sechs Jahren im Umfeld der [2][erzkonservativen
       Chabad-Strömung]. Nun lebt Nathan seit zehn Jahren in Berlin, [3][ist
       non-binär und verwendet die englischen Pronomen they/them.]
       
       „Meine Mutter stimmt Dingen zu, die ich entsetzlich finde. Sie ist
       Ashkenasi-Jüdin, ich bin schwarz, und die Leute, denen sie ihre Stimme
       gibt, schüren in Israel aktiv Rassismus gegen Menschen meiner Hautfarbe“,
       sagt Nathan, 35 Jahre alt. Mit diesem Widerspruch habe Nathan leben lernen
       müssen, um den Kontakt zu ihr wieder aufnehmen zu können, nach dem Tod des
       Vaters vor ein paar Jahren.
       
       ## „Eine solche Aggressivität im öffentlichen Raum“
       
       Im Zentrum Jerusalems säumen Wahlplakate die Straßen. Nathan empfindet den
       Wahlkampf als aggressiver als früher. Das Netanyahu-Lager kämpfe mit harten
       Bandagen und gebe den Ton so vor, dass die Opposition ständig in der
       Defensive sei. Auf einem öffentlichen Stadtbus liest Nathan einen Bibelvers
       als Wahlkampfslogan, der sich so übersetzen lässt: „Wenn jemand kommt, um
       dich zu töten, töte ihn zuerst.“
       
       „Eine solche Aggressivität im öffentlichen Raum kenne ich von früher
       nicht“, sagt Nathan. [4][Antiarabische] Hassparolen habe es zwar zuvor
       schon gegeben, aber eher am äußersten Rand. „Nicht so sichtbar im
       öffentlichen Raum“, sagt Nathan. „Ich glaube nicht, dass wir es uns leisten
       können, auch nur eine einzige Stimme zu verschwenden.“ Am Dienstag will
       Nathan für die Demokratische Partei von Yair Golan stimmen.
       
       Die jüdische und die palästinensische Frage gehören für Nathan untrennbar
       zusammen, auch daran wird die Wahlentscheidung festgemacht: „Mir ist
       wichtig, dass erste Schritte hin zu einer friedlichen Lösung mit den
       Palästinenser:innen gemacht werden. Einen eigenen palästinensischen
       Staat oder eine Versöhnung wird es in der nächsten Legislaturperiode wohl
       nicht geben, daran glaube ich in so kurzer Zeit nicht. Aber in der
       künftigen Regierung muss es genügend Kräfte geben, die den Weg zu einem
       gerechten Frieden ebnen wollen.“
       
       Die Feindseligkeit zwischen den verschiedenen Gruppen in Israel sei
       inzwischen immens. Eine Aufspaltung des Landes in getrennte Gemeinschaften
       für orthodoxe und säkulare Menschen wäre für Nathan „ein gebrochenes Herz“.
       
       [5][Die Demokraten-Partei sei zwar alles andere als perfekt], doch Nathan
       beobachte ihre Entwicklung seit Jahren und sehe dort Menschen, die wirklich
       etwas verändern wollten und langfristig dächten. „Besonders wichtig ist
       mir, dass die Demokraten auch offen für eine Zusammenarbeit mit arabischen
       Parteien in einer potenziellen Regierungskonstellation wären.“ Die Partei
       vereine außerdem jüdische und arabische, religiöse und säkulare Menschen
       auf sozialdemokratischer Grundlage. Nathan wünscht sich, dass die
       israelische Gesellschaft wieder zusammenfindet: „Je geeinter wir sind,
       desto leichter wird auch Frieden möglich.“
       
       ## Israel als möglicher Zufluchtsort
       
       Im August 2026 hat Nathan der taz von [6][Antisemitismuserfahrungen in
       Berlin erzählt]. Schon damals stand fest, dass Nathan zur anstehenden Wahl
       nach Israel reisen würde. Auch die Frage, ob Israel im Zweifel ein sicherer
       „Zufluchtsort“ sein könnte, beschäftigte Nathan bei der Planung der Reise:
       „Was ist mir lieber – körperliche Gefahr in Israel durch ständige
       militärische Eskalation in der Region oder die psychische Belastung durch
       Antisemitismus in Berlin?“
       
       Nathan kritisierte nach der Berlin-Wahl, dass offenbar ein Teil der
       Wähler:innen bereit sei, die Sicherheitsbedenken von Juden:Jüdinnen
       angesichts wiederkehrender antisemitischer Ausfälle innerhalb der
       Linkspartei zugunsten des vagen Versprechens niedriger Mieten auszublenden.
       Auch die politische Polarisierung in Deutschland bereite Nathan Sorgen. Es
       entstehe ein beklemmendes Gefühl, zwischen zwei populistischen Wellen – von
       rechts mit der AfD und von links mit der Linken – gefangen zu sein. „Ich
       frage mich deshalb, ob die aktuelle Welle des Antisemitismus nicht gerade
       erst am Anfang steht.“
       
       Ob ein Umzug nach Israel im Ernstfall Schutz bieten könnte, hänge für
       Nathan auch von der politischen Zukunft vor Ort ab: „[7][Eine weitere
       Amtszeit Netanyahus] könnte Israel in den moralischen Bankrott, einen
       weiteren Demokratieabbau und einen Bürgerkrieg führen.“ Langfristig könne
       das Land in seiner geopolitischen Lage nicht überleben, wenn es
       international isoliert und nur noch teilweise demokratisch sei.
       
       ## Die Traumata erkennen
       
       In der Jerusalemer Altstadt fühlt sich Nathan, als sei die Stimmung kurz
       vor dem Überkochen. Mönche laufen durch die Gassen, katholische
       Touristengruppen aus Italien schieben sich aneinander vorbei, „ständig will
       dir jemand etwas verkaufen“.
       
       „Ich hatte vergessen, wie es ist, all diese Menschen als echte Menschen mit
       echten Geschichten wahrzunehmen“, sagt Nathan. In den vergangenen Jahren
       habe Nathan im Ausland viel mit Menschen Kontakt, die über Israel und seine
       Gesellschaft nur abstrakt redeten. Hier stehen sie plötzlich leibhaftig und
       in all ihrer Vielfalt vor Nathan.
       
       „Ich verstehe heute besser, woher bestimmte Einstellungen kommen, auch die
       meiner Mutter – auch wenn ich ihre unvertretbaren Ansichten nicht
       unterstütze“, sagt Nathan. Nathan könne die Traumata erkennen, die hinter
       manchen dieser Gefühle stünden, und empfinde dadurch mehr Mitgefühl.
       Gleichzeitig sei es nicht einfach, von Berlin kommend plötzlich von so viel
       Nationalismus und ultranationalistischer Bildsprache umgeben zu sein. „Das
       ist ein gewisser Kulturschock, an den ich mich nicht sofort gewöhnen kann.“
       
       ## Die Siedlergewalt im Westjordanland sorgt Nathan
       
       Auf die Wahl blickt Nathan hoffnungsvoll, aber auch ernüchtert. Und
       befürchtet, dass es mehrere Wahlgänge geben wird, wie damals von 2019 bis
       2022: Vier Mal musste gewählt werden, weil die Koalitionsverhandlungen
       immer wieder scheiterten. „Das wird die Menschen leider irgendwann
       zermürben.“
       
       Auch mit einer Regierung, die einfach nur ohne Benjamin Netanjahu zustande
       kommen würde, wäre Nathan noch nicht zufrieden. Eine Sorge steht für Nathan
       aber gerade im Vordergrund: [8][die Gewalt radikaler Siedler im
       Westjordanland]. Nathan glaubt, dass eine Regierung ohne Netanjahu
       entschiedener gegen den „Siedlerterror“ vorgehen würde. In einem Wahlkampf,
       der die Spaltung in der israelischen Gesellschaft einerseits deutlich macht
       und andererseits weiter befördert, wäre das für Nathan bereits ein
       Fortschritt.
       
       25 Oct 2026
       
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