# taz.de -- Internationaler Strafgerichtshof: „Ein letzter Anker für die Strafverfolgung“
       
       > Der philippinische Anwalt Joel Ruiz Butuyan vertritt Opfer des
       > Ex-Präsidenten Duterte in Den Haag. Mittwoch fällt dort eine wegweisende
       > Entscheidung.
       
 (IMG) Bild: Trauerzeremonie für die Opfer von Ex-Präsident Dutertes Drogenkrieg auf den Philippinen in einer Kirche im März 2026
       
       taz: Herr Butuyan, Sie vertreten Opfer staatlicher Gewalt in einem
       [1][Verfahren gegen den philippinischen Ex-Präsidenten Rodrigo Duterte in
       Den Haag]. Am Mittwoch wird eine wichtige Entscheidung verkündet. Worum
       geht es genau?
       
       Butuyan: Als Duterte 2016 an die Macht kam, begannen wir, Opfer von Gewalt
       durch die Sicherheitskräfte zu unterstützen. Bislang wurde insgesamt 534
       Opfern die Teilnahme an dem Verfahren vor dem IStGH gestattet.
       
       taz: Um was geht es dabei? 
       
       Einer der von uns bearbeiteten Fälle betrifft die Erschießung von fünf
       Personen, von denen vier starben und eine überlebte. Ein weiterer Fall
       betrifft eine Sammelklage der Bewohner von 26 Dörfern, in denen es während
       [2][Dutertes „Krieg gegen die Drogen“] zu zahlreichen Morden kam. Die Fälle
       von außergerichtlichen Tötungen in diesen beiden Fällen sind repräsentativ
       für ein Muster in Dutertes „Krieg gegen die Drogen“. Die Familien der Opfer
       in diesen beiden Fällen wandten sich an den Obersten Gerichtshof der
       Philippinen, um Schutz vor der Polizei zu suchen. Wir haben sie vertreten.
       
       taz: Warum ist der IStGH dabei so wichtig?
       
       Butuyan: In den Verfahren gegen Duterte räumt sogar die derzeitige
       Regierung ein, dass sie machtlos ist, die Verantwortlichen strafrechtlich
       zu verfolgen. Alle Beweismittel seien von der Polizei vernichtet worden, in
       anderen Fällen habe die sich geweigert, Beweise zu sichern. Nur eine
       unabhängige Untersuchung kann Abhilfe schaffen. Unsere Erfahrung auf den
       Philippinen ist deshalb, dass der IStGH [3][ein letzter Anker für
       Strafverfolgung] ist. Wenn die nationale Justiz nicht funktioniert, bietet
       er Hoffnung auf Gerechtigkeit.
       
       taz: Sie sagten, das Verfahren sei von überragender Bedeutung für den IStGH
       insgesamt. Weshalb?
       
       Butuyan: Duterte kündigte die Mitgliedschaft der Philippinen im IStGH, das
       trat 2019 in Kraft. Die vom IStGH untersuchten Straftaten wurden vor dem
       Inkrafttreten des Austritts der Philippinen begangen. Der Ankläger des
       IStGH erhielt jedoch erst 2021 die Befugnis, eine formelle Untersuchung
       durchzuführen. Dutertes Verteidigungsteam argumentiert, dass die
       Ermittlungen hätten beginnen müssen, solange das Land noch Mitglied des
       IStGH war. Danach habe der Gerichtshof keine Zuständigkeit mehr.
       
       taz: Was sagt das Gericht dazu?
       
       Butuyan: In einer früheren Entscheidung zu derselben Frage, als der
       Ankläger des IStGH noch Ermittlungen durchführte, bestätigte die
       Berufungskammer des IStGH mit 3:2 Stimmen die Zuständigkeit. Dutertes
       Verteidigungsteam hat diese Frage erneut aufgeworfen. Die
       Vorverfahrenskammer stimmte einstimmig für die Zuständigkeit. Dutertes Team
       hat dagegen Berufung eingelegt. Die Entscheidung über diese Berufung wird
       am Mittwoch verkündet.
       
       taz: Welche Folgen hat dieses Votum für andere Fälle?
       
       Butuyan: Die Folgen sind weitreichend. Entweder wird die Zuständigkeit des
       IStGH erheblich beschränkt. Das wäre ein starker Anreiz für Staaten, die
       Mitgliedschaft zu kündigen, um Strafverfolgung auszuhebeln. Sollten die
       Richter aber gegen Dutertes Verteidiger entscheiden, weiter zuständig zu
       sein, wäre das insgesamt ein Signal für weiterreichende Möglichkeiten des
       IStGH.
       
       taz: Ein Urteil gegen Duterte ist aber noch nicht in Sicht? 
       
       Butuyan: Nein, morgen geht es lediglich um die Frage, ob der IStGH noch
       immer für die Philippinen und Duterte zuständig ist, und diese Frage wird
       von der Berufungskammer des IStGH entschieden. Eine zweite wichtige
       Entscheidung steht ebenfalls bevor, nämlich die Entscheidung der
       Vorverfahrenskammer des IStGH darüber, ob sie die konkreten Anklagepunkte
       gegen Herrn Duterte bestätigt. Diese Entscheidung wird voraussichtlich
       spätestens am 30. April veröffentlicht. Komplizierte Verfahren vor dem
       IStGH können sieben bis acht Jahre dauern. In diesem Fall wird jedoch eine
       kürzere Dauer von ein bis zwei Jahren erwartet. Die Staatsanwaltschaft hat
       die Anklagepunkte eingegrenzt. Duterte ist 81 Jahre alt; niemand möchte,
       dass er in Untersuchungshaft stirbt, ohne dass ein Urteil gefällt wurde.
       
       taz: Wurden Sie schon mal wegen Ihrer Arbeit bedroht?
       
       Butuyan: Es gab keine Drohungen gegen uns. Aber eine Woche nachdem ich als
       Anwalt in der Sache am IStGH sprach, wurden große Steine auf das Haus
       meiner 84-jährigen Mutter geworfen. In den Kommentarspalten meiner
       wöchentlichen Kolumne in der größten philippinischen Tageszeitung bekomme
       ich alle möglichen Drohungen.
       
       taz: Sie haben am Montag bei der [4][Vorstellung des Jahresberichts von
       Amnesty International in Berlin] gesprochen. Dort wurde gefordert, dass die
       EU eine Regelung aktiviert, um [5][US-Sanktionen gegen Angehörige des
       Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH)] abzublocken. Warum ist das
       wichtig?
       
       Butuyan: Die USA haben große Macht, Richter und Ankläger des IStGH zu
       neutralisieren. Es ist deshalb nötig, dass die EU dagegen aktiv wird. Sonst
       schwächen die amerikanischen Sanktionen und Drohungen die Ankläger immer
       weiter. Deutschland ist das mächtigste Land Europas und hat die
       Möglichkeiten, die Wirkung der Sanktionen ein Stück weit aufzuheben.
       
       taz: Welche Folgen haben die Sanktionen konkret?
       
       Butuyan: Kürzlich war ich bei einem Forum im IStGH, bei der eine Richterin
       die Folgen der Sanktionen für ihren Alltag schilderte. Sie hat keinen
       Zugang mehr zu ihrem Bankkonto, kann bestimmte Software nicht mehr
       benutzen, sie kann sich nicht einmal ein Uber bestellen. Das macht das
       Leben sehr schwierig. Jede Bank, die ihr die Teilnahme am Zahlungsverkehr
       gestatten würde, müsste damit rechnen, Zugang zum US-Markt zu verlieren. So
       werden auch europäische Banken dazu gezwungen, die Sanktionen mitzutragen.
       
       21 Apr 2026
       
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