# taz.de -- EU bei Ukraine-Verhandlungen: Der Frust der Giorgia Meloni
> Die EU will bei Friedensverhandlungen zum Ukraine-Krieg dabei sein. Doch
> eine gemeinsame Stimme gibt es nicht. Italiens Ministerpräsidentin hat
> einen Wutbrief geschrieben.
(IMG) Bild: Georgia auf dem Kriegsfuß mit António Costa
Für scharfe Worte ist Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ja
bekannt. Nun hat es EU-Ratspräsident António Costa getroffen. Der Anlass:
die Verhandlungen über ein mögliches Ende des russischen Angriffskriegs
gegen die Ukraine und die Position der Europäer dabei. In einem Brandbrief
forderte sie Costa auf, „dass ein für alle Mal entschieden wird, wer am
Verhandlungstisch im Namen der Europäischen Union sitzt und mit welchem
Mandat“, schrieb Meloni eindringlich. Sie hält ein „uneinheitliches
Vorgehen mit Initiativen, die sich gegenseitig jagen und überschneiden“,
für fatal. Das werde Europa „weder bei unseren Partnern helfen noch bei
jenen, die wir davon überzeugen müssen, eine sinnlose Aggression zu
beenden“.
Meloni sieht vor allem Chaos bei den Verhandlungen – und will nicht nur
eine klare Haltung, sondern will auch wissen, wer denn nun die EU bei
Verhandlungen vertritt. Unter das Zuständigkeits-Hickhack fällt aus Melonis
Sicht auch [1][das Telefonat von Finnlands Präsident Alexander Stubb und
Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Støre] mit dem russischen Machthaber
Wladimir Putin vor einer Woche. Weitere Negativbeispiele sind: die
Gespräche in Oslo und Miami, aber auch das Treffen Mitte dieser Woche
zwischen Vertreter:innen der Ukraine, der USA, der Nato, der EU und
einzelner europäischer Staaten in Brüssel.
Alles schwierig, alles sinnlos, könnte man Melonis Sicht zusammenfassen und
konkret: „Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Bild eines Europas, das
ungeordnet vorgeht, nur den Interessen derjenigen dienen, die diesen Krieg
fortsetzen wollen.“ Sie trage die Dynamik nicht mit und habe auch nicht die
Absicht, tatenlos zuzusehen.
## Meloni fordert Entscheidung bis Weihnachten
Mit der Forderung präsentierte Meloni auch gleich einen Fahrplan. Geht es
nach den Wünschen der italienischen Ministerpräsidentin, soll Costa das
Thema sofort beim informellen EU-Gipfel in Dublin auf die Agenda setzen.
Das wäre dann in der kommenden Woche. Eigentlich wollen die Staats- und
Regierungschef:innen der Europäischen Union in Irland über künstliche
Intelligenz sprechen und auch das Budget-Sondertreffen vorbereiten sowie
den traditionellen Weihnachtsgipfel in Brüssel.
Der Krieg in Europa schwingt ohnehin bei allen Treffen mit – aber einen
Eklat kann keiner der 27 EU-Staats- und Regierungschef:innen derzeit
gebrauchen. Auf die Gespräche in Dublin sollen dann Vereinbarungen mit
Großbritannien, Norwegen und „anderen interessierten europäischen Partnern“
folgen. Auf besagtem Weihnachtsgipfel am 17. und 18. Dezember hätte Meloni
dann gerne eine „förmlich beschlossene“ Entscheidung.
Melonis Forderung kommt nicht überraschend. Schließlich sollen zu Beginn
kommender Woche neue Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in Abu
Dhabi starten. Das Ganze wurde von den USA initiiert und könnte auch aus
Sicht verschiedenster Beobachter:innen ein kleiner Hoffnungsschimmer
sein. In wenigen Wochen jährt sich der Kriegsbeginn zum fünften Mal.
Täglich bombardiert die russische Armee Wohngebäude, zivile Einrichtungen,
Bahnstrecken oder Strom- und Energieversorger. Der nächste Winter dürfte
einer der härtesten seit Kriegsbeginn für die ukrainische Bevölkerung
werden. Zugleich stocken internationale Waffenlieferungen und auch die
Winterhilfe ist nicht ausreichend.
## Trump will sich ein Denkmal setzen
Hinzu kommen nebulöse Äußerungen von US-Präsident Donald Trump vom
Donnerstagabend. [2][Nach einem von First Lady Melania Trump organisierten
Treffen] zwischen einer russischen und ukrainischen Delegation in
Washington kündigte Trump „Großes“ an. Bald solle es ein Abkommen geben für
die Ukraine, das auch Europa maßgeblich beeinflussen werde. Was dies genau
heißt, ist derzeit aber noch unklar. Nach den herben Verlusten bei den
US-Zwischenwahlen für Trump und die Republikaner hatten
Sicherheitsexpert:innen bereits mit Rochaden und großen Ankündigungen
in der Außenpolitik gerechnet. Nach dem Motto: Klappt es innenpolitisch
nicht für Trump, wird er in der Außenpolitik versuchen, sich ein Denkmal zu
setzen. [3][Im taz-Interview nannte Sicherheitsexpertin Claudia Major dies
„legacy shopping“.]
Moskau reagierte wenig überraschend deutlich weniger euphorisch als
Washington. Der Kreml adressierte allerdings auch ganz klar die Europäer
und monierte, dass diese bisher keinen Verhandlungsführer bestimmt und
offenbar nicht die Bereitschaft hätten, für Sicherheitsgarantien zu sorgen.
Einen EU-Abgesandten fordert ja auch Meloni. [4][Dies könnte eigentlich
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sein.] Sie bekommt allerdings nicht
genügend Rückhalt innerhalb der gesamten EU, was vor allem mit dem
Nahostkonflikt und der Israel-Frage zusammenhängt. In der Ukraine-Frage hat
die Estin eine klare Haltung und hat diese öffentlich auch immer wieder
klargemacht.
Einzelne Staats- und Regierungschef:innen zu ernennen, ist im Geflecht
der Europäischen Union allerdings schwierig. Und so wird die Suche nach
einer Einzelperson oder einer Delegation zur Herausforderung.
## Meloni innenpolitisch unter Druck
Meloni brachte klugerweise weder sich noch Italien ins Spiel. Das könnte
vor allem innenpolitische Gründe haben. Im kommenden Jahr wählen die
Italiener:innen ein neues Parlament. Schon jetzt ist klar, das dies für
Meloni nicht einfach wird. Innenpolitisch wächst der Druck auf sie. Die
aktuellen Proteste junger Menschen landesweit haben eindrücklich gezeigt,
wie groß der Frust über die [5][hohen Lebenshaltungskosten], Lücken im
Bildungssystem oder auch die Außenpolitik Melonis ist. Kein Geld für den
Krieg, sondern für Bildung, skandidierten Tausende Demonstrant:innen
vor rund zwei Wochen [6][in Mailand im Norden Italiens]. Und: „Wir sind
alle Antifaschist:innen“. Der Druck der Straße dürfte in den kommenden
Monaten zunehmen. Meloni braucht also Antworten, um die Wähler:innen zu
gewinnen.
Zugleich stellt sich die Galionsfigur einer „neuen Rechten“ gerne als
Anführerin, als Organisatorin wichtiger Entscheidungen dar – auch die
internationale Bühne ist ihr Machtparkett. Ein Beispiel: Meloni hält nichts
vom sogenannten -3 Format. Dabei sind Deutschland, Großbritannien und
Frankreich. Sie hätte lieber die E5-Gruppe – mit Italien und Polen. Nach
jedem E3-Treffen wird sie nicht müde, sich zu dieser Causa zu äußern.
Bei Costa hat Melonis Wutbrief sofort Eindruck gemacht. Costas Job ist die
Tagesordnung der EU-Gipfel – und kommende Woche in Dublin soll nun über die
EU, die Ukraine und Melonis Wunsch diskutiert werden. Nach nur einem
Treffen zu mehr Einigkeit zu kommen, ist utopisch. Ohnehin wird
US-Präsident Donald Trump bis dahin für die nächste Umdrehung sorgen, der
sich die Europäer dann widmen müssen.
6 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tanja Tricarico
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