# taz.de -- Tote Obdachlose in Hamburg: Der rot-grüne Senat filtert künftig die Zahlen
       
       > Hamburg zählt künftig nur tote Obdachlose im öffentlichen Raum. Leute,
       > die in Kliniken oder Hilfseinrichtungen sterben, fallen aus der
       > Statistik.
       
 (IMG) Bild: Braucht hier jemand Hilfe? Ein Mitarbeiter des Mitternachtsbusses schaut nach Obdachlosen
       
       Viel Ärger hat Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) sich für
       die verschärften [1][Regeln im Winternotprogramm] eingehandelt. Weil
       künftig alle Hilfesuchenden dort nach der dritten Nacht ihre Identität
       preisgeben sollen, fürchten sogar die Jusos und einige Grüne, dass
       obdachlose Menschen abgeschreckt werden und es [2][mehr Tote gibt]. Doch
       entsprechende Zahlen werden künftig nur noch von der Sozialsenatorin
       veröffentlicht.
       
       Schlotzhauer stellte dies im [3][NDR-„Hamburg Journal“] als Verbesserung
       dar. „Wir haben erstmals belastbare Zahlen“, sagte sie. Denn die bisherigen
       Zahlen hätten sich aus unterschiedlichen Quellen gespeist. Doch es waren
       vor allem [4][politisch brisante Zahlen].
       
       Allein in der Zeit vom 1. bis zum 23. Januar starben nach Auskunft von
       Polizei und Staatsanwaltschaft in Hamburg 15 Menschen ohne festen Wohnsitz.
       Und das setzte die für das Winternotprogramm verantwortliche Senatorin
       gehörig unter Druck. Denn [5][auch bei Minusgraden] mussten die
       [6][Menschen tagsüber raus in die Kälte]. Und [7][117 EU-Ausländer] ohne
       Sozialleistungsanspruch wurden an eine [8][„Wärmestube“ ohne Betten
       verwiesen].
       
       Als der Winter vorbei war, kündigte Schlotzhauer [9][im Sozialausschuss]
       an, dass es eine „standardisierte Berichterstattung“ geben soll. Nur noch
       ihre Behörde gibt Auskunft. Diese neue [10][Erhebung] findet sich nun auf
       deren Homepage und wird im Winter monatlich aktualisiert. Doch es ist eine
       gefilterte Zählweise. Von jenen 15 Toten aus dem Januar sind vier in einem
       Krankenhaus und vier in einer Notunterkunft gestorben. Die zählen nach der
       neuen „Definition“ nicht mehr mit.
       
       ## Kein Gesamtüberblick mehr
       
       Regelmäßig erfasst werden jetzt nur noch die Toten, die ohne festen
       Wohnsitz im öffentlichen Raum gefunden und von der Staatsanwaltschaft zur
       Rechtsmedizin überführt werden, teilt Sozialbehördensprecher Wolfgang
       Arnhold mit. Ziel sei zu ermitteln, wie viele von ihnen keine Unterbringung
       im Hilfesystem in Anspruch genommen hatten und somit den Risiken der Straße
       ausgesetzt waren. „Eine vollständige Erfassung aller Todesfälle obdachloser
       Menschen ist damit ausdrücklich nicht verbunden“, schreibt Arnhold.
       
       An dieser Zählweise gibt es Kritik, zum Beispiel von [11][Jörn Sturm], dem
       Geschäftsführer des Magazins Hinz&Kunzt. Es könne nicht sein, dass jemand,
       der von einem Krankenwagen todkrank eingesammelt wird und dann im
       Krankenhaus stirbt, nicht als verstorbener Obdachloser gezählt wird, sagte
       er dem NDR.
       
       Im „Hamburg Journal“ mit dieser Kritik konfrontiert, sagte Senatorin
       Schlotzhauer: „Das ist so. Das ist die neue, vom Institut für Rechtsmedizin
       vorgeschlagene Statistik.“ Doch natürlich werde es weiter schriftliche
       Anfragen von Abgeordneten geben. Dann würden Zahlen der Krankenhäuser auch
       veröffentlicht, sofern diese sie erfassten.
       
       Die Linken-Abgeordnete Olga Fritzsche sagt: „Ich halte diese neue Zählweise
       für Quatsch. Ich sehe hier keine Verbesserung.“ Aber sie werde die
       Senatorin beim Wort nehmen und erneut nach diesen Zahlen fragen. Die
       frühere Linken-Abgeordnete Stephanie Rose hatte zum Beispiel im Mai 2022
       [12][in einer Anfrage den Hamburger Senat gefragt], wie viele Menschen ohne
       festen Wohnsitz im Winter 2021 in den Hamburgs Krankenhäusern starben, und
       die präzise Antwort erhalten, dass diese 11 solcher Todesfälle statisch
       erfassten.
       
       Der CDU-Sozialpolitiker Andreas Grutzeck stellte jetzt im Oktober die
       gleiche Frage für das bisherige Jahr 2026. Doch diesmal stellt sich der
       Senat stur. Als Antwort nennt er nur die kleinen, nach seiner neuen
       Definition gesammelten Zahlen, und lässt die in Kliniken Verstorbenen weg.
       
       Gefragt, ob diese Antwort jetzt gängige Praxis wird, erklärt Arnhold: „Das
       lässt sich nicht pauschal vorhersagen.“ Für solche Todesfälle in
       Krankenhäusern gebe es keine vollständige Datengrundlage, da Krankenhäuser
       nicht dazu verpflichtet seien.
       
       Doch auch die Pressestellen anderer Behörden verweisen beim Thema tote
       Obdachlose jetzt strikt an die Sozialbehörde. Es wird also schwierig, an
       andere als deren Zahlen zu kommen. Andreas Grutzeck gibt sich mit der
       Antwort nicht zufrieden. „Vor dem Hintergrund, dass die Behörde sagt, wir
       könnten ja Anfragen stellen, ist das ein Hohn“, sagt er. „Die Sozialbehörde
       hat es in der Hand, sich über das Institut für Rechtsmedizin diese Zahlen
       zu besorgen und rauszugeben.“
       
       Auch Olga Fritzsche sagt, sie verstehe nicht, warum der Senat die früher
       veröffentlichten Daten nicht mehr nennen möchte.
       
       Ihre Linksfraktion will in der [13][nächsten Bürgerschaftssitzung
       beantragen], dass die Pflicht, nach drei Tagen den Namen zu nennen und sich
       beraten zu lassen, wieder aufgehoben wird. Unterstützung findet sie bei den
       [14][Jusos]. „Wenn die Sozialbehörde grundlegenden Erfrierungsschutz an
       Bedingungen wie verpflichtende Sozialberatung knüpft, dann gefährdet sie
       Menschenleben“, warnt deren Vorsitzende Janne Roehsler.
       
       Mit Kathrin Warnecke sprach sich sogar eine grüne Bürgerschaftsabgeordnete
       gegen die Zwangsberatung aus. Menschen könnten aus Angst das
       Winternotprogramm meiden, sagte sie auf [15][Instagram.]
       
       Die so in die Kritik geratene Behörde teilte am Donnerstag noch mit, dass
       es eine Verweisung aus dem Winternotprogramm an die Wärmestube bei
       fehlender Mitwirkung schon bisher gegeben habe. Die Mitarbeitenden würden
       auch künftig die Lage der Betroffenen berücksichtigten. Menschen, die erst
       Vertrauen gewinnen müssten, könne man mehr Zeit einräumen. Verwiesen werde
       „nicht automatisch, sondern nach Abwägung im Einzelfall“, schreibt Sprecher
       Arnhold. „Der Schutz vor Kälte bleibt gewährleistet.“
       
       6 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Obdachlosigkeit-in-Hamburg/!6224665
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 (DIR) [3] https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/kritik-an-obdachlosen-statistik-hamburg-zaehlt-nur-noch-tote-auf-der-strasse,obdachlosigkeit-166.html
 (DIR) [4] /15-Obdachlose-gestorben/!6150829
 (DIR) [5] /Hamburgs-Obdachlose-im-Winter/!6067146
 (DIR) [6] /Umgang-mit-Obdachlosen-im-Winter/!6142942
 (DIR) [7] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/102717/23_02986_todesfaelle_obdachloser_menschen_trotz_freier_plaetze_im_winternotprogramm#navpanes=0
 (DIR) [8] /Obdachlosenhilfe-in-Hamburg/!6153622
 (DIR) [9] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F105379%2F23_05469_bericht_des_ausschusses_fuer_soziales_und_integration_ueber_die_drucksache_23_3100_18_tote_in_28_tagen_winternotprogramm_jetzt_ganztaegig_oeffnen_antr#pagemode=none
 (DIR) [10] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/sozialbehoerde/themen/soziales/obdachlosigkeit/todesfaelle-im-oeffentlichen-raum-48922
 (DIR) [11] /Strassenmagazin-geht-online/!6131842
 (DIR) [12] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F79908%2F22_08262_todesfaelle_im_oeffentlichen_raum_vi#pagemode=none&search=Urheber:in%20Rose&phrase=false&parldokSearchResults=Urheber:in%20Rose
 (DIR) [13] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F105743%2F23_05816_erfrierungsschutz_ohne_huerden_keine_zwangsberatung_im_winternotprogramm#pagemode=none
 (DIR) [14] https://jusos.spd-hamburg.de/fileadmin/hamburg-institutionen/hamburg03/Lavo_25/PM/PM_WNP.pdf
 (DIR) [15] https://www.instagram.com/kathrin.warnecke/
       
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