# taz.de -- Kampagne gegen Linke: Die neue Maßlosigkeit
> Von Paris bis Berlin: Mit Polizeigewalt und medialer Propaganda soll das
> Vertrauen in eine Alternative und die eigene Handlungsmacht zerstört
> werden.
(IMG) Bild: Polizeigewalt am letzten Wochenende und in Zukunft gar die Bundeswehr gegen Jugendproteste?
Es schien, als zerfalle der Rechtsstaat wie im Zeitraffer, just vor meinen
Augen. In einem Land, das nicht das eigene ist und dessen Zustände man
nicht tagtäglich beobachtet, analysiert und sortiert, bekommen dramatische
Momente eine besondere Verdichtung, es ist die Wucht verdichteter
Zeitgeschichte, und sie traf mich in Paris wie ein Schlag.
[1][Nächtliche Ausgangssperren]. Eine Landkarte mit einem Netz von
Demonstrationsverboten. Tausende Festnahmen Minderjähriger, manche in
kalten Zellen interniert, ohne Matratze, Decke, Essen. Vor allem aber die
Polizei: Sie tritt auf, als herrsche sie über koloniale Subjekte, die sie
jederzeit demütigen darf, mit Schlägen, Kontrollen, Gummigeschossen.
[2][So schrankenlos und zugleich so institutionalisiert ist diese Gewalt],
dass man kaum zu glauben vermag, sie stünde im Dienst eines demokratischen
Staates. Maßlos – das Wort verließ mich nicht mehr.
Manchmal sangen Demonstranten die Marseillaise, wenn die Polizei auf sie
zustürmte. Sie reklamierten die Revolutionsgeschichte, reklamierten die
Republik für ihren Protest und ihren Antifaschismus. Die Musiker des
200-köpfigen „Orchestre du Noveau Monde“ spielten im Tränengasnebel und
trommelten den Rhythmus von „Siamo tutti antifascisti“ auf die Klangkörper
ihrer Streichinstrumente. Es ist diese Dringlichkeit, die so sehr
kontrastiert zur Larmoyanz der Oberklasse.
## Medien im apokalyptischen Delirium
Das Frankreich der oberen Schichten verdammt die Linke und arrangiert sich
mit den Rechtsextremen. Vor die Wahl gestellt, sich stärker besteuern zu
lassen, um den Verfall des Landes aufzuhalten, oder mit Faschisten zu
paktieren, scheint die Entscheidung gefallen. Über eine Präsidentin Marine
Le Pen wird geredet wie über ein fait accompli. Schon tritt [3][die Chefin
der europäischen Zentralbank vorzeitig zurück], damit über ihre Nachfolge
noch Macron mitentscheidet statt Le Pen. Die Dinge regeln sich.
Jordan Bardella, soeben als Chef des Rassemblement National wiedergewählt,
hat es nicht geschadet, [4][dass seine früheren antisemitischen Schriften]
bekannt wurden. Aufmunternd rief Netanjahu herüber, ein rechtsextrem
regiertes Frankreich sei gut für Israel – denn jetzt demonstriere in den
Straßen von Paris die Hamas, „der gemeinsame Feind“.
Netanjahu ist für maßlose Vergleiche bekannt, aber was trennt seinen
wohlkalkulierten Wahnwitz von dem apokalyptischen Delirium, in das sich
Spiegel-Redakteure hineinschrieben, als sie für eine [5][eilig hochgejazzte
Titelstory] gegen die Linke Berlin zum Eldorado der Gewalt machten?
## Flood Berlin with Shit
Wir kennen die Maßlosigkeit aus dem Trumpismus, die Überwältigungsstrategie
Flood the Zone with Shit. Früher habe ich diese Methode nicht wirklich
verstanden, doch seit der Berlin-Wahl weiß ich, wie es sich lebt in einer
solchen Zone. Berlin ist ein Testfeld: ob in einer zunehmend hysterischen
Atmosphäre ein links-soziales Projekt möglich ist; ob es eine Alternative
zur Faschisierung gibt und wie weit die [6][rechte Instrumentalisierung des
Kampfes gegen Antisemitismus] gehen kann.
In dieser Shit-Zone watest du durch einen Sumpf aus Propaganda, kommst kaum
nach mit dem Erklären und Aufklären, und wenn du ein Bein aus dem Morast
ziehen möchtest, ist es, als bliebe dein Schuh darin stecken. So entsteht
(und das ist gewollt) das Bedürfnis, sich abzuwenden, ins Private zu
flüchten.
Ein Paris-Besuch versprach Abstand, stattdessen wurde mir dort ein Muster
von Gemeinsamkeiten klar. Die maßlose Gewalt der Polizei soll, wie die
maßlose [7][Verzerrung rechtsdrehender Medien] (und anderer Akteure), das
Vertrauen in eine Alternative zerstören, soll uns die Vernunft rauben und
den Glauben an die eigene Handlungsmacht.
Methoden, die man früher nur von Bild kannte, sind bei vormaligen
Qualitätsmedien gelandet. [8][Heinrich Bölls Katharina Blum] (Jüngere,
bitte googeln!) heißt heute Elif Eralp. Und immer drängt jemand nach mit
dem nächsten Tabubruch: Die Welt stellt das Fascho-Plädoyer für Remigration
auf ihre Seite eins; die Berliner Junge Union will die Bundeswehr gegen
Jugendproteste einsetzen. Und die Linke will, ja sicher, „jüdische
Immobilienbesitzer“ enteignen.
[9][Jede hanebüchene Anschuldigung ist erlaubt], wenn sie auf das nun
allseits festgeschriebene Feindbild zielt: linksextrem + migrantisch +
palästinensisch = antisemitisch. Kaum anders in Frankreich, wo ein Verbot
der Linkspartei La France insoumise im Gespräch ist.
## Dem Maßlosen nicht die Hand reichen
Aber die Maßlosigkeit zerfrisst ja auch die bürgerliche Demokratie von
innen. In Paris eine Ausgangssperre ausgerechnet für die Place de la
Bastille, welch traurige Ironie. Als würde sich damit die Republik nicht
selbst beschädigen. Und natürlich hat der Spiegel nicht nur andere
beschädigt, sondern auch sich selbst.
Wie bewahrt man in diesem Klima die eigene geistige Gesundheit? Was ist
Widerstand, wenn die meisten von uns keine Aktivistinnen sind, sondern
allenfalls engagierte Bürgerinnen? Dem Maßlosen nicht die Hand reichen und
nicht den kleinen Finger. Süffige Feindbilder zurückweisen, denn immer
beginnt es mit dem Süffigem. Widerstehen bedeutet, in einer Sprache zu
denken und zu reden, die Verzweiflung ausdrücken kann, ohne zu
demoralisieren, und die [10][eine brennende Dringlichkeit vermittelt], ohne
Zaghafte zu verschrecken.
Egal wie die [11][Midterm-Wahlen in den USA] ausgehen, Trumpismus minus
Personenkult und Extrem-Narzissmus ist längst unter uns. Was vor einigen
Jahren bizarr erschien, fern und fremd und für manche gar ulkig, ist heute
die Shit-Zone vor unserer Haustür. Und die Muster sind stets ähnlich. Auch
[12][Zohran Mamdani in New York] sollte durch bodenlose Vorwürfe, in deren
Mittelpunkt Antisemitismus stand, schon vor dem Start die Legitimation
entzogen werden. Er überstand diese Phase dank eines klugen Teams, über das
die Berliner Linkspartei ganz offensichtlich nicht verfügt.
4 Nov 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Charlotte Wiedemann
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