# taz.de -- Gedenkkonzert in Rendsburg: „Wir wollten auf die Überlebenden, die Hoffnung schauen“
       
       > Mit Gesängen verfolgter jüdischer Komponist:innen erinnert ein
       > Konzert in der ehemaligen Synagoge Rendsburg an die Reichspogromnacht.
       
 (IMG) Bild: Waches Erinnern: Kerzen an „Stolpersteinen“ im Hamburger Grindelviertel zum Gedenken an die Reichspogromnacht
       
       taz: Frau Buchert, was besingen die jiddischen Lieder, die Viktor Ullmann
       im KZ Theresienstadt neu vertonte? 
       
       Pia Buchert: Eins dieser alten jiddischen Volkslieder handelt zum Beispiel
       von Berjoskele, einer kleinen Birke als Ort, an den man seine Trauer
       bringen kann. Ein anderes, eher schelmisches, von einer sitzen gelassenen
       Frau, die munter bleibt: „Wenn du glaubst, ich stehe hier und weine um
       dich, hast du dich zu früh gefreut!“
       
       taz: Welche Rolle spielte Ullmann, der später in Auschwitz ermordet wurde,
       im KZ Theresienstadt? 
       
       Buchert: Da die Nazis [1][Theresienstadt] als „Vorzeige-KZ“ sahen, gab es
       dort Raum für ein [2][reiches Kulturleben]. Daher konnte Ullmann gemeinsam
       mit weiteren Komponisten wie Pavel Haas und Hans Krása Konzerte
       veranstalten und komponieren. Er hat einmal gesagt, „dass ich in meiner
       musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt
       worden bin, dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und
       dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war“.
       
       taz: Die übrigen Komponist:innen Ihres Programms haben die Shoah
       überlebt. Warum diese Auswahl? 
       
       Buchert: Weil wir – die Pianistin Tatjana Dravenau und ich – auch auf die
       Überlebenden, auf die Hoffnung schauen wollten, um herauszufinden: Was ist
       trotz Entrechtung und Exil an Kreativem entstanden?
       
       taz: Wie haben Sie recherchiert? 
       
       Buchert: Angefangen hat es mit Felix Wolfes. Ich habe sein Werk während des
       Projekts „Echospore“ der Musikhochschule Köln kennengelernt, das zu
       verfemten und vergessenen Komponist:innen forschte. Tatjana Dravenau
       hat außerdem mit der Essener Folkwang Universität der Künste ein Projekt zu
       Felix Wolfes organisiert. Daraufhin hat uns das Wiener [3][„Exilarte –
       Zentrum für verfolgte Musik“] gefragt, ob wir Komponist:innen auch aus
       ihrem Archiv aufführen könnten. So haben wir Walter Arlen und Hans Gál
       kennengelernt. Um auch Komponistinnen vorzustellen, habe ich dann Ruth
       Schonthal und Ursula Mamlok ausfindig gemacht.
       
       taz: Welche Stilrichtungen bildet Ihr Konzert ab? 
       
       Buchert: Wir bewegen uns über zwei Generationen. Während Hans Gál noch
       spätromantisch komponierte, studierte Ruth Schonthal bei Paul Hindemith und
       Ursula Mamlok bei John Cage. Beide experimentierten mit Minimal Music und
       weiteren modernen Kompositionstechniken.
       
       taz: Wovon handeln die Lieder der Überlebenden? 
       
       Buchert: Es geht um den Verlust der Heimat und um Flucht. Aber es finden
       sich auch artifizielle Bilder wie das der Rose, die für Vergänglichkeit,
       aber auch für Schönheit und Hoffnung steht. Sehr eindringlich benennen auch
       Hans Gál und Ruth Schonthal die Bedingung von Freiheit: Wir können nicht
       warten, dass sie auf einem Schiff zu uns kommt, sondern wir müssen
       losgehen, um unser Leben voll zu entfalten und zu vollenden, sagen sie.
       
       taz: Was bedeutet es Ihnen, die Lieder am 88. Jahrestag der
       [4][Reichspogromnacht] in einer Synagoge aufzuführen? 
       
       Buchert: Wie haben unser Programm zwar schon in vielen Synagogen, in
       Kirchen und Konzertsälen aufgeführt. Aber es etwas ganz Besonderes, es an
       diesem Tag zu spielen. Zugleich ist schade, dass diese Musik meist an
       Gedenktagen gespielt wird und selten im regulären Konzertprogramm. Ich
       wünsche mir, dass es selbstverständlicher wird, diese Musik zu spielen, zu
       hören und so zu integrieren, wie es ihre Schöpfer:innen vor dem
       Aufkommen des Nationalsozialismus waren.
       
       8 Nov 2026
       
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