# taz.de -- Aktivist über Harburger Judentum: „Harburgs jüdische Geschichte ist Vergangenheit“
       
       > An die Demütigung, Vertreibung und Ermordung der Harburger Juden erinnert
       > seit 1998 die „Woche des Gedenkens“. Wenige Täter wurden damals belangt.
       
 (IMG) Bild: Letztes authentisches Zeugnis: der jüdische Friedhof in Harburg
       
       taz: Herr Barnick, wie verlief die „Reichspogromnacht“ der Nazis 1938 in
       Harburg? 
       
       Klaus Barnick: Sie fand, anders als in den meisten Städten, nicht am 9.,
       sondern am 10. November 1938 statt – warum, ist nicht ganz klar. Jedenfalls
       gab es eine Weisung des Kreisleiters an SS und SA – wie landesweit
       angeblich aus „Rache“ für das [1][Attentat des Juden Herschel Grynszpan]
       auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath vom 7. November –, Synagogen
       und jüdische Friedhöfe zu zerstören und zu schänden.
       
       taz: Wie lief das ab? 
       
       Barnick: Eine Gruppe aus SA, NSDAP-Mitgliedern ist auf den jüdischen
       Friedhof gegangen, hat Leichenhalle und Leichenwagen in Brand gesetzt und
       ist mit diesem Leichenwagen durch die Stadt gezogen. Leute aus
       verschiedenen Ecken der Stadt haben sich mit schwerem Gerät – Kreuzhacken,
       Hämmern und Ähnlichem – angeschlossen, sind zur Synagoge gezogen und haben
       sie geplündert. In Brand gesteckt wurde die Synagoge nicht, weil nebenan
       eine Tankstelle war und man Sorge vor einer größeren Explosion hatte. Aber
       die Torarollen und die anderen Kultgegenstände wurden im Stadtzentrum in
       einem riesigen Feuer verbrannt.
       
       taz: Wer waren die Täter? 
       
       Barnick: Es waren wohl hauptsächlich [2][SA-Leute,] aber auch Zivilisten
       haben mitgemacht. Wer es im Einzelnen war, ließ sich im Nachhinein schwer
       feststellen. 1949 gab es einen von engagierten Bürgern initiierten Prozess,
       bei dem einige Täter verurteilt wurden. Aber den meisten konnte man keine
       konkreten Taten nachweisen. Sie behaupteten ja alle, sie seien unschuldig.
       Es sei in der Pogromnacht doch gar nicht viel passiert, es sei nicht so
       schlimm gewesen. Das ging so lange, bis irgendwer ironisch sagte: „Wenn ihr
       alle nichts getan habt, dann steht die Synagoge wohl noch, und alles ist
       intakt. Lass uns mal nachsehen.“
       
       taz: Dabei hatte das NS-Regime sie 1941 abgerissen. 
       
       Barnick: Ja, angeblich aus verkehrstechnischen und Sicherheitsgründen.
       Dabei kann die Synagoge so instabil nicht gewesen sein. Es war ein großes,
       stabiles Gebäude aus gelbem Backstein.
       
       taz: Wurde in der Pogromnacht wirklich das komplette Inventar der Synagoge
       zerstört? 
       
       Barnick: Fast. Drei Torarollen-Schnipsel blieben auf verschlungenen Wegen
       erhalten und liegen heute in der Dauerausstellung des Harburger
       Stadtmuseums. Das Besondere und Schockierende daran sind die darauf zu
       entziffernden antisemitischen Inschriften wie „Juda verrecke“ und weiteres
       im exakten Wortlaut der damaligen NS-Propaganda.
       
       taz: Welche Spuren einstigen Lebens finden sich noch in Harburg? 
       
       Barnick: Authentisch ist nur noch der [3][jüdische Friedhof auf dem
       Schwarzenberg]. Als Gedenkort dient heute allerdings das aus
       originalgetreuem gelbem Backstein nachgebaute Portal der einstigen
       Synagoge. Hinzu kommen von der Initiative „Gedenken in Harburg“ initiierte
       [4][„Stolpersteine“] für Verfolgte, etwa in der Lüneburger Straße, in der
       vor 1933 etliche jüdische Geschäfte, darunter das Kaufhaus Friedmann,
       lagen. Wobei die Aufarbeitung, wie andernorts, nicht von der Stadt, sondern
       von der Zivilgesellschaft, von Ehrenamtlichen initiiert und betrieben wird.
       
       taz: Vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 lebten 350
       Jüdinnen und Juden in Harburg. Gibt es dort heute wieder jüdisches Leben? 
       
       Barnick: So weit ich weiß, nicht. Den jüdischen Friedhof [5][betreut die
       Jüdische Gemeinde Hamburg], und eine hier lebende jüdische Dame verwaltet
       den Schlüssel für Besichtigungen des Areals. Harburgs jüdische Geschichte
       ist Vergangenheit.
       
       1 Nov 2026
       
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