# taz.de -- Frankreichs Staat sucht die Kraftprobe: Organisierte Konfusion
> Kundgebungen im Zentrum wurden von Fall zu Fall erlaubt, dann wieder
> verboten oder wie in Paris an den Stadtrand verbannt. Eine zunehmend
> autoritäre Staatsführung möchte die Protestbewegung in die Illegalität
> treiben.
(IMG) Bild: Mit Feuerwerk gegen Ungerechtigkeit
Paris taz | So schnell, wie dies [1][Präsident Emmanuel Macron] gewünscht
hat, geben die protestierenden Jugendlichen keine Ruhe. Wieder haben am
dritten aufeinanderfolgenden Samstag vermutlich mehr als [2][400.000
Menschen für eine andere Bildungspolitik und für bessere Lebensbedingungen
demonstriert]. Die Behörden hatten ihnen die Organisation der Aktionen
nicht leicht gemacht. In mehreren Städten war keine Marschroute in den
Stadtzentren bewilligt worden.
In der Folge kam es fast unweigerlich zu Zwischenfällen, als die
Ordnungskräfte die „illegal“ Demonstrierenden vertreiben wollten. Das war
insbesondere der Fall in Marseille, Lyon, Toulouse und Rennes. In Paris
verlief der Demonstrationszug ruhig mit mehr als 70.000 Menschen (laut
Innenministerium), die nur außerhalb von Paris am Stadtrand, von der Porte
de Bagnolet zur Porte de Charenton, marschieren durften. Erst als die
Polizei noch vor dem Eintreffen der letzten Demonstrierenden mit viel
Tränengas alle zum Heimgehen veranlassen wollte, gab es sehr heftige
Auseinandersetzungen. Die Kreuzung an der Porte de Charenton war um 17.30
Uhr in einen dichten Nebel aus Reizgas gehüllt.
Die Haltung der Behörden hatte schon am Freitag eine Kontroverse ausgelöst.
Bis kurz vor dem Beginn eines dritten Aktionstags herrschte in Paris
völlige Konfusion. Die Polizeipräfektur hatte am Freitag dem Antrag der
CGT-Gewerkschaft, am 31. Oktober eine geordnete Kundgebung von der Bastille
zum Platz Nation zu organisieren, nicht zugestimmt und alle Demonstrationen
in der Hauptstadt verboten. Doch das Verwaltungsgericht gab der
Gewerkschaft Recht und erlaubte damit die von ihr gewünschte Marschstrecke
innerhalb der Stadtmauern von Paris. Im Auftrag der Regierung reichte der
Polizeipräfekt einen Rekurs ein. Und die übergeordnete Instanz, der Conseil
d’État, entschied im Sinne der Regierung. Den Protestierenden wurde dann
sehr kurzfristig eine Route von Bagnolet nach Charenton angeboten. Auf
dieser Strecke am Stadtrand war es offiziell legal zu demonstrieren.
Innenminister Laurent Nuñez hatte erklärt, aufgrund der Informationen
seiner Nachrichtendienste befürchte er schwere Zwischenfälle. Namentlich
zirkulierten auf den Netzwerken Aufrufe, das Halloween-Fest als Anlass zu
benutzen, um mit entsprechenden Masken und Verkleidungen gewaltsam zu
randalieren und Geschäfte zu plündern. Zudem würden rund 600 „Ultralinke“
erwartet. Die Führung der CGT meinte dazu, mit solchen dramatisierenden
Voraussagen wolle der Minister die Bewegung spalten und den Jugendlichen
und ihren Eltern Angst machen. Nuñez’ Absicht war es bestimmt, die
Protestierenden aus dem Zentrum zu verbannen und so auch in der
Öffentlichkeit zu marginalisieren. 40 Metro- und RER-Schnellbahnstationen
waren zudem geschlossen, um es den Leuten schwer zu machen, überhaupt an
den Startpunkt zu gelangen.
Parallel sind jedoch die Geschäftsinhaber, die Opfer von Plünderungen waren
oder erneute Sachschäden bei Unruhen befürchten, aufgeschreckt. In der
öffentlichen Meinung macht sich, angeheizt von einem Teil der Medien, die
Angst vor dem Chaos breit. Die Staatsführung scheint nicht mehr in der Lage
zu sein, normal für Ordnung zu sorgen. Die Rechtspopulisten scheuen sich
nicht, diesen besorgten Bürger*innen zu versprechen, mit ihnen an der
Macht werde sich das radikal ändern.
Dieses Hin und Her zwischen Polizei- und Regierungsbehörden und der Justiz
schuf eine große Unsicherheit. Wo und wann waren die Protestaktionen legal
oder illegal? Existierte hinter der allgemeinen Konfusion, die wegen sich
kurzfristig ändernder Anordnungen entstand, vielleicht sogar die Absicht,
den Konflikt in eine Eskalation treiben zu lassen? Und: Darf man in
Frankreich noch demonstrieren?
Noch vor ein paar Jahren oder Monaten hätte die Frage absurd getönt. In den
letzten sechs Wochen aber hat die französische Staatsführung zuerst ihr
Möglichstes getan, um eine legitime Forderungsbewegung von
Mittelschüler*innen und Studierenden mit einer unerhörten Politik der
Einschüchterung und polizeilichen Repression zu stoppen. Da ihr dies nicht
gelungen ist und da sich die Bewegung von den Schultoren auf die Straßen
aller Städte und auf bereits kampferprobte Kreise wie Gelbwesten und
Gewerkschaften ausgeweitet hat, versucht es die Regierung auf Anweisung von
Präsident Emmanuel Macron mit Demonstrations- und nächtlichen
Ausgehverboten. Der Erfolg dabei ist nicht gerade spektakulär.
Bei den Krawallen am Rande der Demonstrationen am 17. Oktober war deutlich
geworden, dass selbst die massiven Aufgebote der Ordnungskräfte angesichts
von Hunderttausenden von sehr entschlossenen Protestierenden überfordert
waren und dass die Einsatzdoktrin der präventiven Einkesselung der
Ansammlungen nicht sehr erfolgreich war oder sich wegen des oft brutalen
Vorgehens in der öffentlichen Meinung kontraproduktiv auswirkte. Und die
Jugendlichen ließen sich bisher weder einschüchtern noch durch ein paar
halbe Zugeständnisse der Regierung besänftigen. Sie haben für Dienstag und
Donnerstag Blockaden vor den Schulen und Fakultäten angekündigt. Für
Donnerstag rufen die Gewerkschaften zu einem Generalstreik auf. Die soziale
Bewegung wird zusehends politisch.
31 Oct 2026
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