# taz.de -- Stücke über Wechseljahren am TD Berlin: Der Druck sitzt bombenfest
> Nach dem Nebel kommt die große Klarheit. Zwei Stücke im TD Berlin nehmen
> die zweite Hälfte des Frauenlebens in den Blick: die Wechseljahre.
(IMG) Bild: Sabine Abelein in „Wind of Change“
Ist es das wirklich? „Das unlustigste Thema der Welt“? Zumindest wird
Schauspielerin Susanne Abelein im Laufe der 90 Minuten von „Wind of Change“
das, worum es darin geht, wiederholt so bezeichnen. Und sie hat auch
irgendwie recht damit, schließlich ist das alles kein Spaß, auch wenn der
Theaterabend, den Abelein allein auf der Bühne des TD Berlin bestreitet,
definitv einer ist.
Gleich zu dessen Beginn zählt sie in der Pose der Alleinunterhalterin
Symptome auf, von Wortfindungsstörungen über Panikattacken, zu Haarausfall,
Körpergeruch, Hitze, Schlaflosigkeit, Gelenkschmerzen, Libidoverlust,
Depressionen, Zahnfleischproblemen. Rund 40 Stück, noch nicht mal die ganze
Liste ist es, die in der Forschung mit Wechseljahren assoziiert wird:
„Eigentlich alles außer Fußpilz.“ Fies ist zweifellos jedes einzelne, die
Kombination davon erst recht.
„Wind of Change“ ist ein Solo über jene Phase in der zweiten Hälfte eines
Frauenlebens, in der die Hormone alles durcheinanderbringen, [1][die
Wechseljahre], die außer der menschlichen Spezies nur noch bestimmte
Walarten befällt. Erdacht von Dramaturgin und Regisseurin Sabrina Zwach,
gemeinsam verwirklicht mit Abelein. Was sehr gut aufgeht. Auch wenn das
Berliner Publikum es Abelein bisweilen nicht leicht macht. Fragen werden
nur zögerlich beantwortet; es dauert, bis sich eine Partnerin zum Raufen
findet. An ihr liegt es nicht. Grandios ist Abelein, wie sie in ihrem
Trenchcoat ums Mikrofon tänzelt, Requisiten aus der Fake-Birkin-Bag zieht,
eine angebissene Banane mit der Hand verdrückt, von selbiger schleckt und
sich die klebrigen Finger von einer Frau aus der ersten Reihe reinigen
lässt.
## Als „Stand-up“ angekündigt
„Nehmt es mit Humor!“, ruft sie den vollbesetzten Reihen entgegen. Es ist
die Botschaft des Abends. Nicht die einzige, zum Glück. Befürchten hätte
man das können. Als „Stand-up“ war der Abend angekündigt. Abelein ist ohne
Frage irre komisch, unglaublich präsent, knallt einem aber auch das Ernste
mit Wucht um die Ohren. Wortwitze kommen ihr so leicht von den Lippen wie
knallharte Fakten. Mal stößt sie den Text wütend hervor, mal säuselt sie
sanft wie eine Coachin im Achtsamkeitsworkshop. Wirft sich dann wieder
hinein in die mehr oder weniger bekannten Symptome, in die Verwirrtheit und
Vergesslichkeit, die Hitzewallungen – „Oh Gott, ich schwitze dermaßen,
jetzt schon“ –, die Erschöpfung, die Launen.
Um Gewichtiges geht es da. Um die Vernachlässigung von Frauengesundheit,
die Objektifizierung weiblicher Körper, die Ungerechtigkeit der Natur, die
Frauen genau dann, wenn es mit der Karriere richtig losgehen könnte, einen
hormonellen Strich durch die Rechnung macht.
62 Jahre alt sei sie, verrät Abelein dem Publikum. Was man ihr nicht
ansieht und womit man, wenn man das so hinschreibt, schon wieder mittendrin
steckt in der komplizierten Gemengelage um Endlichkeit und Verfall, um
weibliches Altern, das zu kommentieren obligatorisch zu sein scheint.
Als „Hausaufgabe“ legt Abelein Kopien von Susan Sontags Essay „Zweierlei
Maß: Altern ist nicht gleich Altern“ („The Double Standard of Aging“) aus.
Im Jahr 1972 analysiert Sontag darin, wie unterschiedlich weibliches und
männliches Altern wahrgenommen und bewertet wird. Einiges klingt so, als
seien es Beobachtungen von 2026. Im System sei es nicht vorgesehen, durch
die Jahre gut begleitet zu werden, so fasst Abelein den Status quo
zusammen. Die Wechseljahre versteht „Wind of Change“ als feministisches
Thema, das Private ist bekanntermaßen politisch. Und „das Politische sitzt
nachts schweißgebadet im Bett und googelt“.
## Hype um die Menopause
Hat sich denn tatsächlich nichts geändert? „Dieser Druck auf Frauen, der
ist unheimlich alt, deshalb sitzt der auch so bombenfest“, behauptet
Abelein. Und so geht es viel um Scham, trotz des neuerlichen Hypes um die
Menopause nicht nur auf Social Media. Immerhin auf den Bühnen scheint
dieser jedoch abgebaut. Am TD ist es in diesem Herbst nicht die einzige
Produktion, die sich dessen angenommen hat.
Wenige Wochen zuvor erst hatte sich auf derselben Bühne das
Schauspielerinnenkollektiv Storytelling Engines [2][Miranda Julys
Erfolgsroman „Auf allen vieren“] gewidmet. Nicht [3][als Theaterstück],
sondern als kurzweilige szenische Lesung brachten Isabella Bartdorff,
Tjadke Biallowons und Lucy Wirth jene eine Frau, die sich mit Mitte 40 aus
ihrem Leben schleicht und über allerlei Irrungen und Wirrungen und
Fallstricke hinweg neu findet und erfindet, dem steilen Abfall der
Hormonkurven zum Trotz.
Julys Protagonistin lässt sich am Ende auf die Unwägbarkeiten des Lebens
ein, befreit sich, auch in sexueller Hinsicht. Auch „Wind of Change“ endet
versöhnlich. Das nämlich ist der Plotttwist, den Abelein in den ersten
Minuten angekündigt hat: „Das Gehirn vernetzt sich neu und nach dem
Brainfog kommt die große Klarheit“. Wenn das keine guten Aussichten sind.
3 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
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