# taz.de -- Theater Thikwa und Glanz&Krawall: Die Rentenpunkte lösen sich in Luft auf
       
       > Hält er noch, der Generationenvertrag? Ein inklusives Ensemble lässt in
       > Berlin Showgirls und Showboys eine Revue zum Dauerbrenner Rente tanzen.
       
 (IMG) Bild: Goldene Zukunft für die Rente? Das Ensemble tanzt im „Thikwastadt-Palast“
       
       Golden glänzt der Vorhang im Thikwastadt-Palast. Golden glänzen auch die
       Showgirls und Showboys, die in Reihe ihre Beine von sich schleudern. Golden
       auch die großen Luftballon-Lettern, die sie über die Bühne wirbeln. Bis
       sich aus dem Buchsstabensalat das Motto des Abends herauskristallisiert:
       „Nix gibt's!“ [1][Das inklusive Theater Thikwa] und das
       Musiktheaterkollektiv Glanz&Krawall beackern in [2][ihrer zweiten
       Zusammenarbeit] den Dauerbrenner Rente. Beherzt stapeln sie hoch mit ihrer
       „großen Renten-Revue“, und so gibt's die Friedrichstadt-Palast-Satire
       gleich obendrauf.
       
       Sarah Taylor Ellis und Jana Sotzko komponieren Songs, die sich
       augenzwinkernd beim Mainstream bedienen. Von Pop-Schnulze über Chanson bis
       zu Heavy Metal ist alles im Angebot. Und dann denkt man, Brecht und Eisler
       sind kurz auferstanden für das „Lied vom Generationenvertrag“, so präzise
       lehnen sich Sound und Duktus dem Vorbild an. Kompakt stehen die
       DarstellerInnen in der Bühnenmitte und intonieren im Chor: „Solidarität und
       Mühe statt persönlicher Ertrag, dass Gerechtigkeit erblühe in unserem
       Generationenvertrag“.
       
       In den übrigen zwanzig Nummern unterzieht das Ensemble dieses Versprechen
       einem Wirklichkeits-Check und findet für die gegenwärtige Schieflage
       eindrückliche Bilder. So zum [3][demografischen Wandel]: Zuerst schultern
       drei, dann zwei SpielerInnen eine Großpuppe, bis Christian Schwaan allein
       unter der Last zusammenbricht.
       
       Oder Jasmin Lutze als „Rentenfängerin von Kreuzberg“: Mit einer Flöte im
       Mund und einer Seifenblasenmaschine auf dem Rücken zieht sie über die Bühne
       bis in den Saal und verteilt Rentenpunkte, die sich in Luft auflösen.
       Zaubertricks werden zur Metapher: Verschwindet das Tuch für immer, dann hat
       auch die Inflation die Rente aufgefressen.
       
       Sogar an die komplett absurd aussehende Rentenformel wagt sich das
       Ensemble, präsentiert sie auf goldenem Vlies und erklärt sie verständlich.
       Beim Rentenroulette kann das Publikum eine kleine oder große Rente
       gewinnen, gleichzeitig ist es Sinnbild für das Prinzip „Zufall“, ob es
       gelingt, genügend Rentenpunkte für ein menschenwürdiges Leben im Alter
       anzusammeln.
       
       „Nix gibt’s – Die große Rentenrevue“ bleibt aber nicht stehen beim Thema
       „Gesetzliche Altersvorsorge“, sondern blickt auf das [4][Alter im
       Allgemeinen]. Längst ist der goldene Glitzerfummel passé, in
       Trainingsanzügen im 80er-Jahre-Look (Kostüme: Hsuan Huang) fitnessen sich
       die SpielerInnen in die Erschöpfung, während von der Seite Drums und
       Keyboard einpeitschen und staubtrockene Infos über den Abbau des Körpers ab
       25 die Bühne fluten.
       
       ## In der Showtreppe klaffen Sparlöcher
       
       Da könnte man sich jetzt beim Zuschauen die Kugel geben: fast keine
       Rentenpunkte und schon längst mittendrin im körperlichen Niedergang. Aber
       da ist Manuela Langkowski, im Rentenalter und noch immer auf der Bühne.
       
       Kurz vor Schluss steht sie im Spot, zart und gleichzeitig energisch singt
       sie: „Und morgen bin ich wieder hier/ Knochen morsch wie alter Ast/ der
       Leib ist hin, die Seel’ speist Himmelsbrot/ im Thikwastadt-Palast.“
       Inzwischen klaffen in der Showtreppe große Löcher. Denn „die Politik“ hat
       während der Show Stufen abgebaut mit dem Kommentar: „Die Sparmaßnahmen
       müssen alle mittragen.“
       
       Das Ensemble hat viele Fragen angesammelt und teilt sie mit dem Publikum.
       Zum Beispiel: Was bleibt von uns, wenn niemand mehr an uns denkt? Die
       letzte Frage des Abends ist: Was gibt’s im Leben umsonst? Jemand im
       Publikum ruft: „die Liebe“. Müdes Lächeln macht sich breit, während es von
       der Bühne brüllt: „Thikwa forever“.
       
       2 Nov 2026
       
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