# taz.de -- Repressionen in Russland: 79 politische Gefangene in Haft verstorben
       
       > Immer mehr Menschen werden in Russland wegen vorgeblicher
       > Terrorismusvorwürfe verurteilt. Inzwischen überleben viele die Haft nicht
       > mehr.
       
 (IMG) Bild: Alexander Kynew, seit dem 26. 9. 26 im Hungerstreik
       
       Das äußerste Druckmittel eines Häftlings ist der Hungerstreik. Nicht immer
       handelt es sich dabei um einen bloßen politischen Willensakt, jedenfalls
       nicht, wenn der Entscheidung gravierende gesundheitliche Einschränkungen
       zugrunde liegen. So wie im Fall des kurz nach den [1][Dumawahlen] Ende
       September inhaftierten Moskauer Politologen Alexander Kynew.
       
       Am Montag, so hatte es der Moskauer Menschenrechtsanwalt Michail Birjukow
       berichtet, habe ein Kollege von ihm Kynew im Untersuchungsgefängnis Nummer
       4 besucht. Dorthin war Kynew Mitte Oktober aus einem Haftkrankenhaus
       verlegt worden. Bei seiner brutalen Festnahme am 25. September wurde ihm
       sein rechtes Schienbein gleich an zwei Stellen gebrochen. Seither kann sich
       der profilierte Wahlexperte kaum alleine fortbewegen und wegen des
       Gipsbeins die Toilette in der Zelle nicht besuchen. Deshalb, so Kynew
       gegenüber dem Anwalts, habe er die Nahrungsaufnahme eingestellt.
       
       Zur Illustration: Kynew ist in einer Zelle untergebracht, die für 34
       Personen ausgelegt und im Moment mit 35 Häftlingen belegt ist. Es ist die
       größte Gruppenzelle im Gebäude. Anstelle einer Toilettenschüssel gibt es
       lediglich ein Loch im Boden. Die Gefängnisleitung dementierte, dass sich
       der prominente Häftling im Hungerstreik befinde, eine entsprechende
       Erklärung liege ihr nicht vor. Überflüssig zu erwähnen, dass Kynew unter
       den gegebenen Bedingungen auch keinen Zugang zu ausreichender medizinischer
       Versorgung hat. Ihm droht eine Verurteilung zu zehn bis zwanzig Jahren Haft
       wegen angeblichem Drogenhandel.
       
       ## Zum Sterben ins Gefängnis zurückverlegt
       
       Alexander Kondratow hat nicht einmal die Untersuchungshaft überlebt. Am
       Freitag vergangener Woche wurde der 52 Jahre alte, in Russland prämierte
       Szenenbildner aus der Haft in eines der größten Moskauer Krankenhäuser
       verlegt, wo er verstarb. Nach dem Wochenende meldete das
       [2][Menschenrechtsprojekt „Erste Abteilung“,] Kondratow sei verstorben. Es
       soll ein Infarkt gewesen sein, aber dem Anwalt wurde die Leiche in der
       Pathologie nicht gezeigt.
       
       Im Sommer erfolgte Kondratows Verhaftung wegen des Vorwurfs Landesverrat.
       Zuvor hatte er über 70 Tage lang eine Strafe für Ordnungswidrigkeiten nach
       der anderen abgesessen – immer unter fadenscheinigen Vorwänden. Dass ihm
       schließlich wegen eines schwerwiegenden Delikts der Prozess gemacht werden
       sollte, hat System. 2012 hatte der Filmschaffende seinen Wohnsitz nach
       Kyjiw verlegt und war im Frühjahr 2026 nach Russland gereist, um einen
       neuen Pass zu beantragen. Am Flughafen wurde er festgenommen.
       
       Kondratow ist gleich in mehrerer Hinsicht kein Einzelfall. So wie ihm
       erging es auch Swetlana Golowatenko, die ebenfalls nach langer Abwesenheit
       aus der Ukraine über Umwege nach Russland gereist war. Sie ist am Leben,
       während allein seit Jahresbeginn mindestens elf politisch Verfolgte in Haft
       gestorben sind. Unter ihnen ist Igor Jakowenko. Er war zu fünf Jahren Haft
       verurteilt worden, da er geplant haben soll, sich der auf ukrainischer
       Seite kämpfenden Legion „Freiheit Russlands“ anzuschließen. Anfang Oktober
       wurde bei ihm ein nicht operierbarer Hirntumor diagnostiziert, zum Sterben
       verlegten ihn die Behörden zurück ins Gefängnis.
       
       ## Ehemaliger Duma-Abgeordneter verhaftet
       
       Das in Russland verbotene Menschenrechtszentrum Memorial führt in seiner
       Statistik 79 Todesfälle politischer Häftlinge in russischen Gefängnissen
       oder unmittelbar nach ihrer Freilassung. Drei viertel davon seit Beginn des
       vollumfänglichen Krieges gegen die Ukraine.
       
       Selbst hochrangige Politiker:innen sind vor politischer Verfolgung
       nicht gefeit. Am 22. September traf es den ehemaligen Duma-Abgeordneten der
       [3][Kommunistischen Partei (KPRF)] Oleg Michailow. Womöglich nicht ganz
       unvorbereitet: Der studierte Biologe und umtriebige Umweltschützer aus der
       Republik Komi soll Warnzeichen einer möglichen Verhaftung erhalten, aber
       dennoch aus dem Urlaub nach Russland zurückgekehrt sein. Der Vorwurf gegen
       ihn lautet: Rechtfertigung von Terrorismus: Er hatte den Anfang 2024 aus
       demselben Grund zu fünf Jahren Haft verurteilten Soziologen und Publizist
       Boris Kagarlitsky öffentlich unterstützt.
       
       28 Oct 2026
       
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