# taz.de -- Festnahme Chefredakteur „Nowaja Gaseta“: Verhöre gegen Haltung
       
       > Sergei Sokolow, Chefredakteur der Moskauer „Nowaja Gaseta“, ist wieder
       > frei. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um eine letzte Atempause
       > handelt.
       
 (IMG) Bild: Die russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ im Visier der Staatsmacht
       
       Wenn die russische Polizei vor der Haustür erscheint, stehen die Chancen
       gut, auf der Stelle festgenommen zu werden. Am Donnerstag gegen zwölf Uhr
       Mittags war der Kontakt zu Sergei Sokolow, seit November 2023 Chefredakteur
       der Moskauer Zeitung Nowaja Gaseta, abrupt abgebrochen.
       
       Sein Telefon war ausgeschaltet. Anstatt in die Redaktion zu fahren, wurde
       er nach einer Hausdurchsuchung zum Verhör gebracht. Die gute Nachricht:
       Sokolow durfte noch am selben Tag das Polizeigebäude wieder verlassen. Er
       wurde lediglich als Zeuge vernommen.
       
       Formal fand die Durchsuchung im Rahmen eines im Frühjahr eingeleiteten
       Strafverfahrens gegen den Journalisten Oleg Roldugin statt. Der frühere
       Chefredakteur der vor zwei Jahren nach dem Eintrag als sogenannter
       „ausländischer Agent“ eingestellten politischen Wochenzeitung Sobesednik
       (Gesprächspartner) wechselte damals zur Nowaja Gaseta, um dort seine
       investigative journalistische Arbeit fortzusetzen.
       
       Im vergangenen April war Roldugin zunächst verhaftet worden, zwei Monate
       später wurde die Haft in Hausarrest umgewandelt. Demnächst soll ihm der
       Prozess gemacht werden.
       
       ## Einzelheiten nicht öffentlich
       
       Roldugin drohen bis zu sechs Jahre Haft. Der Vorwurf gegen ihn lautet, er
       habe sich unrechtmäßigen Zugang zu personenbezogenen Daten verschafft.
       Erschwerend kommt hinzu, dass er dies nicht im Alleingang, sondern in
       gemeinschaftlicher Tat mit anderen getan haben soll. Nach seiner Festnahme
       waren damals auch die Redaktionsräume der Nowaja Gaseta durchsucht worden.
       
       Roldugin galt im Übrigen zu Beginn nur als Zeuge in dem Verfahren, insofern
       ist es nach Sokolows Befragung zu früh, um Entwarnung zu geben.
       Einzelheiten darf die Nowaja Gaseta derzeit wegen des laufenden Verfahrens
       nicht öffentlich machen.
       
       Der Telegram-Kanal Baza, bekannt für polizeiliche Enthüllungen, teilte mit,
       bei Sokolow seien Visitenkarten des stellvertretenden Leiters der Abteilung
       für Innenpolitik an der Moskauer US-Botschaft und eines Vertreters des
       US-Justizministeriums sichergestellt worden. Außerdem habe sich unter den
       beschlagnahmten Unterlagen ein über den französischen Journalistenverband
       ausgestellter internationaler Presseausweis und ein satirisches Buch über
       die russische Verfassung befunden, das die Nowaja Gaseta 2020 im
       Eigenverlag herausgegeben hatte. Damals hatte Russlands Präsident Wladimir
       Putin über Änderungen der russischen Verfassung zu seinen Gunsten abstimmen
       lassen.
       
       Diese Aufzählung mag zunächst unverfänglich klingen, aber in der Logik der
       russischen Sicherheitsbehörden dient jeder noch so nebensächliche
       Sachverhalt als Beweismaterial im Kampf gegen missliebige Oppositionelle.
       Dazu zählt die Nowaja Gaseta definitiv. Anfang September listeten die
       Behörden nicht nur die Zeitung als „ausländischen Agenten“, sondern sie
       fügten dem Vermerk auch über 100 Namen als mit der Nowaja Gaseta verbundene
       Personen hinzu.
       
       ## Vor dem Ende?
       
       Darunter befinden sich unter anderem auch ehemalige Autor*innen, die sich
       jetzt nach russischem Recht in der Öffentlichkeit als „ausländische
       Agenten“ outen müssen – andernfalls droht eine Strafe.
       
       Es ist offensichtlich, dass der Druck auf die kremlkritische Zeitung steigt
       und der Sicherheitsapparat womöglich deren Ende einleitet.
       
       Bereits am Tag von Roldugins Festnahme hatte die staatliche
       Nachrichtenagentur TASS eine kurze, Besorgnis erregende Notiz
       veröffentlicht. Danach prüften die Behörden, ob eine Verbindung zur im
       Ausland herausgegebenen und in Russland als „unerwünscht“ eingestuften
       [1][Nowaja Gaseta Europa] sowie zum als terroristisch eingestuften
       Antikriegskommittee Russlands vorliege.
       
       Sergej Sokolow gehört genauso wie sein Vorgänger als Chefredakteur,
       [2][Dmitrij Muratow], zur Gründergeneration der Nowaja Gaseta. Beiden
       hatten zuvor journalistische Erfahrung bei der Zeitung Komsomolskaja Prawda
       gesammelt und sich dort einen Namen gemacht. Über Jahrzehnte haben sie
       Haltung gezeigt. Im fünften Kriegsjahr will sich der Kreml so viel
       Eigenständigkeit offenbar nicht mehr gefallen lassen.
       
       16 Oct 2026
       
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