# taz.de -- Repressionen gegen russische Opposition: Russland verurteilt mehr „Spione“ als je zuvor
> Russland kehrt zu Justiz-Traditionen von Stalinismus und Faschismus
> zurück: Schauprozesse, Ausbürgerungen, Verurteilungen wegen „Spionage“
> und „Staatsverrats“.
(IMG) Bild: Ist im Rahmen des großen Gefangenenaustausches zwischen Russland und westlichen Staaten freigekommen: der Menschenrechtler Oleg Orlow
Theatermacherinnen, die ein Stück gegen islamistische Propaganda
inszenieren, das ihnen als Terrorismus-Propaganda ausgelegt wird. Ein
Mensch, der ein leeres Blatt Papier vor einer Metro-Station hochhält, was
als Anti-Kriegs-Protest gewertet wird. Ein 80-jähriger Physiker, der als
leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Theoretische und
Angewandte Mechanik in Nowosibirsk an der Entwicklung von
Hyperschallraketen beteiligt war. Oder ein 14-Jähriger, der in der Schule
gesagt hatte, „Russland ist keine Demokratie“, und selbstgebastelte
Schilder hochgehalten hatte mit „Ich bin gegen Putin“ und „Freiheit für
alle politischen Gefangenen“.Letzterer ist das jüngste Mitglied von
Russlands „Polit-Seky“, wie russische Menschenrechtler:innen die
vielen politischen Gefangenen im Land nennen – eine Anspielung an die
„Seky“ genannten Gulag-Insassen unter Stalin.
2025 war in dieser Hinsicht ein Rekordjahr in Russland: Mindestens 468
Menschen wurden wegen „Spionage“, „Hochverrats“, „geheimer Kooperation mit
Ausländern“ oder „Hilfe für den Feind“ verurteilt. Damit sind es so viele
wie nie in einem Jahr seit Inkrafttreten des Strafgesetzbuches 1997.
Weitere 420 solcher „Hochverrats“- und „Spionage“-Verfahren sind nach
Angaben des russischen Programmierers Kyrill Parubez noch anhängig.
Insgesamt betrage der Anstieg dieser Verfahren gegenüber dem Vorjahr 30
Prozent.
## Immer mehr Verurteilungen
Parubez hat mit seiner Firma Parubets Analytics haufenweise Datensätze
russischer Gerichtsakten durchsucht und kam zu erschreckenden Ergebnissen.
Er selbst floh 2024 aus Russland nach Frankreich, nachdem der [1][russische
Inlandsgeheimdienst FSB i]hm vorwarf, an die Ukraine gespendet zu haben,
und ihm mit lebenslanger Haft drohte, wenn er nicht für den FSB arbeite.
88 Prozent der mindestens 1627 Menschen, die seit Inkrafttreten des
Strafgesetzbuches wegen der Spionage-Artikel verurteilt wurden, widerfuhr
dies nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022. Und aus den
Daten von Parubez, der auch ein FSB-Programm zur Verfolgung Oppositioneller
auf Handys entdeckte, geht hervor: Es werden jedes Jahr mehr.
Die verhängten Strafen werden dabei immer härter: 2025 wurden erstmals vier
Menschen wegen angeblicher „Spionage“ zu lebenslangen Haftstrafen
verurteilt. Sechs weitere wurden zwangsweise in Psychiatrien eingewiesen –
meist ebenfalls lebenslang. Im Vergleich zu 2024 stiegen die Haftstrafen
durchschnittlich von zwölf auf 15 Jahre. Ein Verurteilter muss ganze 27
Jahre in einem Straflager verbringen.
„Das belegt eine systematische Verhärtung der Gerichtspraxis mit
Staatsschutz-Paragrafen, je länger der Krieg andauert“, kommentiert die von
Juristen und Investigativ-Journalist:innen gebildete russische
Menschenrechtsorganisation „Perwyj Otdel“ (Erste Abteilung), die aus dem
Exil arbeitet.
## Härteres Vorgehen gegen Oppositionelle
Generell geht die russische Staatsführung über ihre gelenkte Justiz immer
härter gegen vermeintliche und tatsächliche [2][Oppositionelle] vor, gegen
alle, die nonkonform sind: Mehr als 20.000 Menschen wurden in dem riesigen
Reich seit dem Überfall auf das Nachbarland aus politischen Gründen
festgenommen. Immer häufiger werden auch die „Hochverrats-“, „Terrorismus-“
oder „Spionage“-Artikel gegen sie angewandt. Seit 1997 gab es nur einen
einzigen Freispruch für einen derart Angeklagten.
Die Zahl der wegen „Extremismus“ Verurteilten liegt laut Parubez etwa
gleich hoch, wie die derer, die unter die „Spionage“-Paragrafen fielen.
Exakte Zahlen gibt es nicht, da die allermeisten dieser Verfahren unter
Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und die Namen der Angeklagten
geheim gehalten werden. Durch intensive Datenrecherchen konnte Parubez
jedoch einiges aufdecken.
Deutlich wurde etwa, dass die allermeisten der unter den
„Spionage“-Paragrafen Verurteilten Student:innen, IT-Expert:innen,
Unternehmer:innen, Wissenschaftler:innen oder Lehrpersonal sind. Nur
zehn Prozent sind demnach Antikriegs- oder Bürgerrechts-Aktivist:innen.
Nahezu niemand aus diesen Kategorien hatte Zugang zu Staatsgeheimnissen.
Diejenigen, die diesen hatten und angeblich geheime Informationen verraten
haben, machen nur ein bis zwei Prozent aus.
Abseits von sehr lange Haftstrafen wird politisch Beschuldigten immer öfter
auch die russische Staatsbürgerschaft entzogen. Ein prominentes Beispiel
aus der jüngsten Vergangenheit dafür ist der bekannte
Investigativ-Journalist Roman Anin, der in Abwesenheit nach seiner Flucht
zu achteinhalb Jahren Haft wegen „Fakenews“ über das russische Militär
verurteilt wurde. Auch Dmitrij Kisijew, Wahlkampfleiter von Wladimir Putins
Gegenkandidat bei der Präsidentenwahl 2024, Boris Nadeschdin, musste sein
Engagement mit seiner Staatsbürgerschaft bezahlen. Kritischen Instituten –
wie der Moskauer Höheren Schule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften –
wurde gerade die Lizenz entzogen.
## Mehr Personenkult als unter Stalin
Immer schwieriger wird es für die „Polit-Seky“, je wieder aus der Haft
freizukommen: Wegen ihres angeblichen Fehlverhaltens in den Strafkolonien
bekämen sie immer neue Haftverlängerungen, beklagen russische Jurist:innen.
Strafverfahren würden aufgrund von Äußerungen, die angeblich in der Zelle
gemacht wurden, oder aufgrund von Konflikten mit Mitarbeitern der
Strafkolonie konstruiert. Dabei könne das Opfer wochenlang provoziert
werden. Immerhin darf nach einem Urteil des Obersten Strafgerichts aus dem
Dezember 2025 inzwischen die Haftstrafe nicht mehr erhöht werden, wenn
Angeklagte „sich für unschuldig erklären“ oder „keine Reue zeigen“.
Schlimmer noch als mit Russ:innen wird laut „Pervyj Otdel“ mit Menschen
in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten umgegangen, die
politisch unliebsam sind. „Immer wieder werden Fälle von gewaltsamen
Verschleppungen, Folter, willkürlichen Verhaftungen und fabrizierten
Anschuldigungen dokumentiert. Solche Handlungen stellen schwere Verstöße
gegen das humanitäre Völkerrecht dar und gelten als Kriegsverbrechen“, so
die NGO.
Für den Menschenrechtler Oleg Orlow von der mit dem Friedensnobelpreis
ausgezeichneten Organisation „Memorial“, stellt sich der Unterschied
zwischen Stalins Gulag-Sowjetunion und dem Putin-Russland so dar: „Beide
sind totalitäre Regime, heute jedoch ohne kommunistische Ideologie.
Russland ist ein nationalistisches, faschistisches Regime, das selbst unter
Stalin nicht so personalisiert war wie heute und komplett auf Putins
Persönlichkeit fixiert ist.“
Orlow war 2024 im Rahmen eines Gefangenenaustausches mit Deutschland gegen
den sogenannten „Tiergartenmörder“ Wadim Krassikow freigekommen. Nach
seinem Austausch, der ihn nach Berlin führte. „Jede abweichende Meinung
wird unterdrückt“, sagte er damals [3][gegenüber der taz.]
4 Jan 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
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