# taz.de -- Lyon-Biennale und ihr Kunstbegriff: Museum des kotzenden Mädchens
> Die Entgrenzung der Kunst ist an ihr Ende gekommen. Von der
> Eisenbahnerhalle kehrt sie ins Museum zurück. Beobachtungen von der 18.
> Kunstbiennale in Lyon.
(IMG) Bild: Findet hier vielleicht der Turn statt? Installation von Laure Prouvost in der Halle Grandes Locos, 18. Kunstbiennale Lyon
War es nicht Marshall McLuhan, der beobachtete, wie im Verschwinden
begriffene Medien als Kunst zurückkehren? Insofern hatte die Kunst einen
historischen Auftrag oder transformatorischen Charakter. Was seit den
1960er Jahren als Entgrenzung gepusht und gefeiert wurde, zeigte sich bald
als endlose Expansion: in den Stadtraum, in den natürlichen Raum, in die
industriellen Ruinen.
Nur zwanzig Schritte in eine Eisenbahnhalle südlich von Lyon kann man nun
Zeuge eines Shifters werden. Dort hat die international tätige Künstlerin
Laure Prouvost eine niedrige Zeltstruktur installieren lassen, die über
fast unsichtbare Fäden in der gesamten Fläche sinkt und wieder steigt,
sodass die riesige Installation wirkt wie ein atmender Körper. Wenn er sich
hebt, wird auf der Fläche darunter ein loses Ensemble an Unrat und Staub
sichtbar, aber nur für wenige Sekunden, bis es wieder verdeckt wird. Und
kaum ist man daran vorbei, fällt die Grandes Locos genannte Halle in den
Blick, überall ist dort nur Dreck und Schrott. Die Expansion der Kunst
scheint eine Kunstpause eingelegt zu haben. Vielleicht ist es auch der
letzte Atemzug.
Vor dreißig Jahren schon hatte der [1][Meta-Kurator Harald Szeemann] auf
der Biennale von Lyon in einer imposanten Art-Déco-Halle eine neue Nische
der Entgrenzung ausprobiert, ein foucaultianisches Trickserspiel, halb
Antikunst und halb Diskurs. Szeemann war ein verwegener, schwärmerischer,
durch nichts zu erschütternder Schweizer. Er hatte „Zeitlos“ installiert,
in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs in Berlin; und das „Einleuchten“
der großen Deichtorhalle in Hamburg übernommen, das war 1989/90 geschehen.
Beide Ausstellungen waren begehbare Bühnenbilder von unbeschreiblicher
Dynamik. Bis er 1997 in Lyon anlandete, war er bei den Outsidern
angekommen.
Die Art-Déco-Halle in Lyon hieß Halle Tony Garnier. Der Ort war durchaus
vergleichbar mit Berlin und Hamburg. Alle drei Hallen waren Relikte der
großen Zeit mechanischer Industrien. Zu groß für andere Zwecke, zu schön
für den Abriss. Leerstand, Sanierung im großen Stil – neue Orte für die
Kunst.
## Die Mutation des Kunstbegriffs
In den vergangenen dreißig Jahren sind diese neuen Orte für die Kunst
überall und oft ad hoc entstanden. Aufgelassene Bürogebäude, leere
Handwerksbetriebe, ausrangierte Gefängnisse, Produktions- und Lagerhallen.
Diese Orte sind die eigentlichen Medien gewesen, die jenseits ihrer
ursprünglichen Bestimmung zu Kunst geworden sind. Denn anders als bei den
Museen, die vor gleicher Kulisse immer neue Sinnstiftungen anbieten, ist im
postindustriellen [2][Ausstellungsbetrieb der Begriff der Kunst
unaufhörlich mutiert]. Der Unterschied von Kunstort und Kunst wurde immer
kleiner. Die Vorstellung, alles sei soziale Praxis, hat sich durchgesetzt.
Grandes Locos scheint der Endpunkt zu sein, ein chaotischer Flickenteppich
von Surrogaten, dem man nur noch entkommen kann durch absolute
Gleichgültigkeit.
Lyon ist ein exemplarischer Fall für eine in der Kunst gespiegelte
Industriegeschichte. Von der Halle Tony Garnier wanderte die Kunstbiennale
in eine ehemalige Zuckerfabrik auf der Südspitze der Mittelinsel, hinter
der die Rhône und die Saône zusammenfließen. Es war eine etwas entlegene
Sackgassensituation, und entlang der Straße dorthin standen Camper mit
roten erleuchteten Herzchen in den Fenstern. Jetzt, wo ganz in der Nähe ein
futuristischer Museumsbau der Wiener Architekten Coop Himmelb(l)au die
„Confluence“ der Flüsse symbolisiert, sind die Camper weg. Der Einzug der
[3][Kunst dort, wo sie zuvor keine Rolle spielte, nimmt fast immer die
Gentrifizierung vorweg]. Die Eisenbahnerhalle ist da auch nur eine weitere
Station auf der gleichen öden Trasse des Geschäfts.
Umso erstaunlicher erscheint die Installation der geladenen Künstlerinnen
im Stammhaus der zeitgenössischen Kunst, dem mac-Lyon. Dort gibt es einen
grünen Dschungel zu besichtigen, allerdings nur beispielhaft, durch ein in
eine Trennwand geschlagenes Loch auf Wadenhöhe. Eine solche gewaltsame
Störung erscheint in einem gut funktionierenden, [4][auf Sicherheit
angelegten Kunstmuseum] immer noch ungeheuerlich. Die anderen rund vierzig
Räume auf drei Stockwerken sind ein eleganter, nach innen gewandter
Parcours mit getönten Wänden und dramatischer Beleuchtung. Wie seit Roger
Buergels Documenta 2007 – „die Moderne ist unsere Antike“ – gut eingeübt,
gilt der kuratorische Blick diversen übersehenen Ethnien, wie hier den
Maori auf der pazifischen Hälfte der Welt, und kolonialen Verwerfungen, ein
Hauch von indischem Hinduismus.
Eine gewaltige keramische Figurengruppe steht stumm und rebellisch auf
einem Podest vor einer beleuchteten weißen Wand, also im Schatten. Alle
Figuren sind Varianten eines Motivs, nämlich des kotzenden Mädchens. Laut
Wandbeschriftung ist „Vomit Girl“ die autobiografische Arbeit einer jetzt
australischen Künstlerin, Mai Nguyễn-Long, die als Kind in Vietnam
heimatlos war, um es harmlos auszudrücken. Wer die Figurengruppe für
„ethnisches Handwerk“ hält und weitergeht, verpasst die schmerzvolle
Pointe.
## Keine Opferbiografien mehr
Die Kuratorin für Lyon, Catherine Nichols, hat übrigens ihre Basis just im
Hamburger Bahnhof in Berlin. Dort wird im Ostflügel und im Westflügel seit
längerem wieder Museum geübt, Rundgänge und Labyrinthe, die auf den
Zentimeter durch dezidierte Installationen oder Hängungen bespielt werden.
Dabei kippt die Figur von Bau und Überbau. Noch werden die Künstlerinnen
und Künstler mit post-kolonialen Standardphrasen anmoderiert, aber
tatsächlich sind sie Weiterentwicklungen einer frei erdachten Kunst in
einem künstlich auf Freiheit getrimmten Raum, den ein kluger Künstler einst
als „white cube“ beschrieben hat. Die Kunst ist wieder ganz bei sich; ein
bisschen heilig; Pathos verdrängt Agitprop.
Und ist das die Zukunft? Sofern die Lyon-Biennale paradigmatisch wäre: ja.
Im wilden Osten der Stadt, Villeurbanne, hat das Frac Rhône-Alpes sich eine
kleine zeitgenössische „Scheune“ hingestellt, wo jetzt in zehn Räumen die
Biennale eingeladen hat, per Vornamen: Charles-Arthur, Can & Lalin, Haonan,
Yehwan, Maja, Valentin, Katariin, Floraine, Sirag, Joyce. Sie sind zwischen
25 und 28 Jahren alt. Sie alle bespielen den weißen Würfel wie alte
Meister. Deshalb hat man sie auch nicht kombiniert, sondern jeder und jedem
einen eigenen Raum gegeben. Das sind young cosmopolitan artists, deren
Kunst nicht mehr aus Opferbiografien hergeleitet wird. Das wollen die auch
gar nicht.
Nehmen wir Katariin Mudist aus Estland. Sie hat etwa 150 hölzerne Borde auf
vier Wände eines weißen Raums installieren lassen. Auf jedem sitzt ein
Objekt: ein Schalter aus altem Eisen; ein Feuerlöscher; ein
Vorschlaghammer; ein Schuh; das stählerne Ende einer Mistgabel. Sie alle
dienten zumindest zeitweise als „Door Holders“ und wurden entliehen von
Kulturorten von Tallin bis Brisbane. Aber auch eine Farbenfabrik in
Stockholm ist dabei und, nicht zu vergessen, die Biennale von Lyon. So
streift die junge Frau Mudist locker Kunstgattungen wie: das Beobachten,
das Inventarisieren, [5][das Readymade.] Im Türstopper findet sie das
Geringe, das Übersehene, das Zweckentfremdete, das Ephemere: [6][Siegfried
Giedions „Die Herrschaft der Mechanisierung“] als Alltags-Comic.
Da kann man im Vergleich den ganzen Pop-Schrott der Eisenbahnerhalle
vergessen. Die Entgrenzung der Kunst hat stattgefunden, wiederholen kann
man sie nicht. Die wirkliche Kunst wird darin liegen, von vorn anzufangen,
ohne die Geschichte zu vergessen.
27 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ulf Erdmann Ziegler
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