# taz.de -- „Warten auf’n Bus“ am Berliner Ensemble: Hier sind die letzten Stimmen aus dem Osten
       
       > Die Erfolgsserie „Warten auf’n Bus“ kommt nach fünf Jahren Pause mit zwei
       > neuen Folgen ans Berliner Ensemble. Macht das Spaß?
       
 (IMG) Bild: Sie warten … auf den Bus: Ralle (Gabriel Schneider) und Hannes (Peter Moltzen) (v. l.)
       
       Mitten in der Pandemie kam eine TV-Serie heraus, die bei vielen ziemlich
       beliebt war. Sie hieß „Warten auf’n Bus“, und im Prinzip passierte auch
       nicht viel mehr. Zwei Männer, beide seit der Wende arbeitslos, saßen in
       einer Haltestelle in Brandenburg und schlugen die Zeit tot. Sie
       philosophierten über das Leben, gestanden sich ihre Liebe für die
       Busfahrerin und manchmal tanzten sie auch miteinander, weil einer das
       früher in der Kreisliga getan hatte.
       
       Die Serie war eine Mischung aus „Dittsche“ und „Braunschlag“, weil darin
       das Assoziative einer Hamburger Imbiss-Plauderei mit österreichischer
       Skurrilität kombiniert wurde. Sie war herzerwärmend, drollig und bitter und
       stammte von dem Theater- und Drehbuchautor Oliver Bukowski. In Cottbus
       geboren und damit selber ostsozialisiert, gab er dem ostdeutschen Mann, der
       gewöhnlicherweise ja gerne irgendwo zwischen Loser und Wutbürger
       eingeordnet wird, ein menschliches Gesicht.
       
       Die Kritik geizte damals nicht mit lobenden Worten, und die erste der
       beiden vom RBB produzierten Staffeln brachte ihr eine Nominierung für den
       Deutschen Fernsehpreis ein. Nun sind nach fünf Jahren Pause zwei gänzlich
       neue, an die TV-Serie angelehnte Folgen im Berliner Ensemble uraufgeführt
       worden. Geschrieben haben sie Bukowski selbst und seine Drehbuchkollegin
       Hannah Zufall. Man fragt sich ja schon, was das soll: Planen die zwei etwa
       ein TV-Comeback? Oder wollen sie die beiden Originale noch mal zu Wort
       kommen lassen, jetzt wo die AfD am Osten klebt wie Scheiße am Schuh?
       
       Im neuen Haus des BE steht eine Bushaltestelle aus verrostetem Blech.
       Daneben eine DDR-Straßenlaterne. Außerdem gibt es einen Apfelbaum mit
       echten Früchten und originalgetreue Bodenplatten, zwischen denen wie im
       echten Leben Gras wächst. Es braucht einen Moment, bis man sich daran
       gewöhnt hat, dass Hannes und Ralle nicht vom üblichen Cast gespielt werden.
       Peter Moltzen und Gabriel Schneider machen das trotzdem gut. Sogar den
       Dialekt kriegen sie, die gebürtig gar nicht aus Berlin oder Brandenburg
       kommen, ganz passabel hin. Man kann nur erahnen, wie intensiv sie das mit
       Regisseur Max Hopp geprobt haben müssen.
       
       ## Zwei Männer und ein Podcast
       
       In der ersten Folge, die eine knappe Stunde dauert, wollen die beiden
       Männer einen Podcast produzieren: Alle Welt spricht über sie, jetzt möchten
       sie auch mal zu Wort kommen. Der Slapstick funktioniert. Die beiden
       steigern sich rein und vergessen dabei, dass sie längst auf Sendung sind.
       Auch der Schlagabtausch ist lustig: „Ick hab wat zu verliern“ – „Wat denn?“
       oder ihr Galgenhumor: „Hello Bello, hier sind die letzten Stimmen aus dem
       Osten.“ Denn die Lokalpresse ist weg, und sie, die explizit keine Nazis
       sind, fühlen sich allein gelassen.
       
       Ihre Diskussionen drehen sich um Zensur und Cancel-Culture und inwieweit
       das nicht dasselbe sein könnte wie die Stasi in Mutters Stehlampe. Hannes
       (Moltzen), der eine wandelnde Zitatschleuder ist, zitiert C. G. Jung und
       Marx, Ralle (Schneider) regt sich regelmäßig darüber auf. Im weiteren
       Verlauf geht es darum, ob der Mensch nun gut sei oder schlecht und warum
       sich Linke immer gegenseitig zerfleischen müssen, während Rechte
       Geschlossenheit demonstrieren.
       
       Vieles, von dem, was Ralle und Hannes da diskutieren, hat man nur leider
       schon oft gehört, der Erkenntnisgewinn ist deshalb nicht so enorm. Störend
       ist auch, dass der politische Diskurs nicht häppchenweise in den
       Alltagsdialog einfließt, so wie es in der Serie der Fall war, sondern viel
       Raum einnimmt und dadurch konstruiert wirkt. Hier wollte man offensichtlich
       seinen politischen Beitrag leisten und die Figuren nicht Figuren sein
       lassen.
       
       Die zweite Folge ist besser. Darin sprechen Ralle, der vergebens auf seinen
       Sohn, einen erfolgreichen Sachbuchautor und Osterklärer, wartet, und Hannes
       über vertane Chancen, Einsamkeit und Scham. Das schrammt bisweilen am
       Klischee, ist aber auch berührend, solange die beiden nicht zum Mikro
       greifen und rappen. Einen funkelnden Moment gibt es dann aber doch, und
       zwar, als Moltzens Figur sich von der Seele redet, wie sie sich fühlt. „Ich
       bin doch auch irgendwer!“, ruft er ins Publikum. Das bringt es auf den
       Punkt.
       
       26 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Fastabend
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berliner Ensemble
 (DIR) Theater
 (DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) „Wetten, dass..?“ im Berliner DT: Man möchte Teil sein
       
       Lineares Fernsehen und der Wunsch nach Gemeinschaft: In Berlin erkundet das
       DT jung* das Gefühl, für das die Samstagabendshow „Wetten, dass..?“ stand.
       
 (DIR) Festival im Hebbel am Ufer: Die Herzensbrecher
       
       Das Berliner Performancefestival Love is a Verb setzte sich mit der Kraft
       der Liebe auseinander. Die Stücke gaben Einblick in neue Formen von
       politischem Theater.
       
 (DIR) Premiere am Ernst-Deutsch-Theater: Agitprop zum Mitklatschen
       
       Reicht eine empowernde Wohlfühlinszenierung bei
       Gastarbeiterinnen-Geschichte? „Die Optimistinnen“ von Ayla Yeginer am
       Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg.
       
 (DIR) Horváth an den Münchner Kammerspielen: Die Traurigkeit sitzt hinter dem Hass
       
       Düsteres Theater für düstere Zeiten: Eine Inszenierung von Felicitas
       Brucker von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ an den Münchner
       Kammerspielen.