# taz.de -- Horváth an den Münchner Kammerspielen: Die Traurigkeit sitzt hinter dem Hass
> Düsteres Theater für düstere Zeiten: Eine Inszenierung von Felicitas
> Brucker von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ an den Münchner
> Kammerspielen.
(IMG) Bild: Szene aus „Jugend ohne Gott“ an den Münchner Kammerspielen: Vorne zu sehen Thomas Schmauser, Elias Krischke und Martin Weigel
Rennen. Immer weiter rennen. Zur Rampe und darüber hinaus. Schreien.
Zittern. Wie unter Strom peitschen die fünf Darsteller:innen von
„Jugend ohne Gott“ durch den schwarz-weißen Bühnenraum bis hinunter in den
Saal. Wovon sind sie getrieben?
Es ist das „Zeitalter der Fische“, wie [1][Ödön von Horváth] es in seinem
1938 erschienenen Roman nannte. „Es kommen kalte Zeiten. Da wird die Seele
des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches“, führt Thomas
Schmauser als zentrale Figur des Lehrers in die Inszenierung ein. Dass
dieser Gedanke im Roman ursprünglich gar nicht dem Lehrer, sondern einer
aus der Bühnenfassung entfernten Figur gehört, ändert daran nichts.
Schmauser bewegt langsam den Mund. Sperrt ihn auf und zu. Die Mundwinkel
nach unten gezogen. Die Augen starr. Ein bitterer Bote des Unglücks.
Ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung schreibt sich der
österreichisch-ungarische Autor Ödön von Horváth mit seinem Roman damit ins
Exil. Er verarbeitet Mitläufertum und die Kluft zwischen zwei Generationen:
Einer älteren, voller leidvoller Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und
einer jungen, die bereits von nationalsozialistischer Erziehung geprägt,
glatt und leblos wie Fische, Teil einer Unmoral wird.
Der Lehrer versucht, seinen Schülern (unter anderem und wechselnd
verkörpert von [2][Elias Krischke], Jelena Kuljić, Maren Solty und Martin
Weigel) Moral nahezubringen. Als einer in einem Aufsatz Schwarzen Menschen
das Existenzrecht abspricht und über die „Undeutschen“ als Problem spricht,
plädiert er für Menschlichkeit. Die Schüler fordern einen anderen Lehrer,
die Direktorin ermahnt ihn zur Anpassung.
## Abgründe der Menschheit
Dabei gelingt [3][Regisseurin Felicitas Brucker] eine Inszenierung, die
kein Jugend-Bashing betreibt und sich weder an der Nazi-Vergangenheit noch
an einer AfD-Gegenwartserzählung festklammert, sondern fragmentarisch von
den Abgründen des Menschen erzählt: mit (teils angepassten) Passagen aus
Horváths Text, ergänzt durch neue Szenen der Autorin Anne Habermehl. Sie
erweitern das Original: In Verhören der Schüler:innen durch Polizisten
erfährt das Publikum von Mobbing und familiären Belastungen. Während
Horváths Roman aus der Sicht des Lehrers erzählt, erklingt die Geschichte
hier vielstimmig.
Thomas Schmauser, zuletzt vielfach für seine Darstellung des Mephisto
ausgezeichnet, spielt den Lehrer mit zynischer Kälte: Speichel spuckend,
aufbrausend, verzweifelt. Er sucht die Moral in Gott. Doch auch „Gott ist
grausam“. Also muss er sie selbst aufbringen. Als ein Schüler wegen Mordes
an einem anderen angeklagt ist, der unter seiner Aufsicht in einem
militärischen Übungscamp geschah, entschließt er sich, die Wahrheit
auszusprechen und seine eigene Mitschuld zu offenbaren.
Die Inszenierung ist in düsterem Schwarz gehalten: in harten Bässen und
farbloser Kleidung, im unangenehmen Quietschen von Sportschuhen auf
steril-weißem Boden. In Nebel und Regen. Dazu Stroboskopzucken: weiß, rot,
blau blitzendes grelles Licht. Musik, die mal die düstere Atmosphäre
ergänzt, mal – wie Leslie Gores feministisches Lied „You Don’t Own Me“ –
eine Botschaft hinzufügen soll. Letzteres wirkt leider fehl am Platz:
ausgenutzt, ohne Erkenntnisgewinn.
Und immer wieder Gewaltexzesse. Erdrückend ist eine Video-Szene, die
Slow-Motion-Aufnahmen der Darsteller:innen am Schießstand zeigt:
Gesichter, die zur Waffe greifen, mit hartem Blick. Zielen. Abdrücken.
Rückstoß. Brutal sind vor allem die Worte: Sowohl Horváths „Ich bin ein
schwarzes Loch. Ich bin nichts wert. Nichts“, als auch Habermehls: „Stich
sie ab, die Foid, sie soll in der Hölle schmoren.“
## Akku fast vollständig geladen
Sie fügen sich gut in die poetischen Originale ein. Ob es allerdings der
zeitlichen Verortung ins Handyzeitalter bedarf, mit Sätzen wie „Mein Akku
ist zu 78 Prozent voll“? Eher nicht.
Felicitas Brucker, die an den Münchner Kammerspielen zuvor bereits Romane
von Eduard Louis und Constanze Debre mit gesellschaftlicher Tragweite
inszenierte, kreiert mit [4][„Jugend ohne Gott“] ein Stück, das weit über
die Figuren des Abends hinausreicht. Gemeinsam mit einem treibenden
Ensemble plädiert sie zornig, manchmal verletzlich, dabei nicht belehrend
und selten konkret politisch für die Moral. Oder wie Horváth es schrieb:
„Hinter dem Hass sitzt die Traurigkeit.“ Und so bleibt von „Jugend ohne
Gott“ das Gefühl einer gruseligen Dystopie, die unserer Realität nicht fern
scheint.
18 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Dieses-Theaterstueck-erweist-sich-als-beklemmender-Spiegel-unserer-Gegenwart/!6092935
(DIR) [2] https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/wir/22749-elias-krischke
(DIR) [3] /Theatertreffen-Berlin/!5933157
(DIR) [4] /Theater-bei-den-Salzburger-Festspielen/!5610507
## AUTOREN
(DIR) Merle Zils
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