# taz.de -- Premiere am Ernst-Deutsch-Theater: Agitprop zum Mitklatschen
> Reicht eine empowernde Wohlfühlinszenierung bei
> Gastarbeiterinnen-Geschichte? „Die Optimistinnen“ von Ayla Yeginer am
> Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg.
(IMG) Bild: Sieht aus wie eine Übernachtungsparty, ist aber ein Arbeitskampf: Szene aus „Die Optimistinnen“
Eine wunderbare Chance, aus unvertrauter Perspektive auf das eigene Land zu
schauen und vergessene Biografien empowernd fürs Hier und Heute
aufzuarbeiten. Gün Tank erinnert mit ihrem Roman „Die Optimistinnen“ daran,
dass [1][Arbeitsmigration aufgrund der deutschen Anwerbung] in den
1960er/1970er-Jahren keine Männerdomäne, sondern rund 30 Prozent der
ausländischen Arbeitskräfte weiblich war. Nur ein Drittel der westdeutschen
Frauen, aber mehr als die Hälfte der in Westdeutschland lebenden
ausländischen Frauen waren damals erwerbstätig. Viele als
Alleinverdienerinnen ihrer etwa in der Türkei, in Italien oder Spanien
lebenden Familien.
Statt Ausbeutungsmechanismen zu erdulden, kämpften einige
urgewerkschaftlich dagegen an. Murat Yeginer hat die Geschichten
dramatisiert und bereits am Theater Bielefeld und im Alten Schauspielhaus
Stuttgart inszeniert. Nun nimmt sich seine Tochter Ayla Yeginer, aus dem
Leitungsteam des [2][Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters], des Stoffes auf der
Kellerbühne des Hauses an. [3][Und lässt erstmal programmatisch ein Lied
von Cem Karaca] anstimmen: „Es wurden Arbeiter gerufen /Doch es kamen
Menschen an.“
Im Bühnenhintergrund hängt ein mit „Solidarität“ beschriftetes Banner. Um
diese beispielhaft vorzuführen, brauchen fünf Schauspielerinnen nur ein
paar Tische, um sich drauf zu fläzen und patriarchale Strukturen zu
benennen. Aus ihrer Wut generieren sie den Mut und die Tatkraft, sich
fortan nicht alles bieten zu lassen. Frauen diverser Nationalität verbinden
sich dazu mit Kollegen und dem Betriebsrat – und dem Publikum.
## Demoparolen mit Megafon
Männer werden mit Rosen beschenkt. Dann skandiert das Quintett mit und ohne
Megafon vor allem Demo-Parolen. Es geht um menschenwürdiges Wohnen,
Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, Achtstundentag, Abschaffung der
Leichtlohngruppe, die extra zur Minderbezahlung der Frauen eingeführt
worden waren.
Der am häufigsten gesagte Satz ist allerdings: „Wir müssen Deutsch lernen!“
Also kommt auch Sprachunterricht in den Forderungskatalog. Das Klischee der
ersten Gastarbeiter:innengeneration – unmündig, unselbstständig,
unterdrückt, unemanzipiert usw. – wird also radikal aufgebrochen.
Die Darstellerinnen wechseln dabei häufig die Rollen, bleiben aber immer
irgendwie gleich stark, selbstbewusst, fröhlich, aktionistisch. Eben
optimistisch. Dabei ist es allerdings unübersichtlich, wen wer gerade
spielt. Orts- und Zeitwechsel sind ebenfalls nicht nachzuvollziehen. Zudem
ist der Text dermaßen reduziert, dass keine Figur Profil gewinnen kann,
geschweige denn, dass die persönlichen Situationen und sozialen
Errungenschaften der Frauen sowie die politischen Hintergründe vertiefend
lebendig würden.
## Stereotyp keifende Witzfiguren
Alle Gegenspieler, deutsche Männer, werden in Comedy-Manier zur keifenden
Witzfiguren überzeichnet. Geradezu agitprop-plump stehen also schwer
sympathische, vorbildlich gute Gastarbeiterinnen den schwer
unsympathischen, abschreckend bösen Machtmännern des
Wirtschaftswunder-Kapitalismus gegenüber. Das ist so langweilig
überdeutlich, dass es kaum Spaß macht, mit den richtig wichtigen Anliegen
der Guten zu empathisieren.
Nicht zu verschweigen: Es wird mal kurz ein Angstmoment bei der Begegnung
mit der Polizei angedeutet wie auch die Verunsicherung, durch
Streikmaßnahmen den Arbeitsplatz und die Aufenthaltsgenehmigung zu
verlieren. Noch kürzer eingeworfen werden xenophobe und rassistische
Beleidigungen der Aufrührerinnen, auch Propaganda-Schlagzeilen der
Boulevardpresse angesichts der [4][wilden Arbeitsniederlegungen 1973 bei
Ford in Köln], von „Türken-Terror“ war damals die Rede.
Aber für keines der angedeuteten Themen interessiert sich die Aufführung
nachhaltig. Die schlicht verknappenden Dialoge werden alle paar Minuten
abgebrochen, um zu singen und zu tanzen, was die Zuschauer:innen zum
Mitklatschen animiert. Worum es in den Songs geht, verstehen nur
Türkisch-Kundige, Übersetzungen bietet das Theater leider nirgendwo an.
Yeginer inszeniert einen aufgekratzten bis übermütigen Wohlfühlabend, bei
dem der Kampf um Arbeitnehmer:innenrechte als Party daherkommt. Was
den Roman inhaltlich derart skelettiert, dass die aufklärerischen
Möglichkeiten des Stoffes ungenutzt bleiben. Andererseits: Einfach mal mit
guter Laune die Energie solidarischem Verhalten zu befeuern in Zeiten
erodierenden Demokratieverständnisses, ist vielleicht auch nicht so
verkehrt.
18 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
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