# taz.de -- Pop-Autor Andreas Neumeister gestorben: Seine Texte wollen nicht Bild werden, sondern Laut
       
       > Andreas Neumeister war der musikalische Pop-Autor, immer nah am
       > Poetry-Slam. Nun ist er mit 67 Jahren verstorben. Ein Nachruf.
       
 (IMG) Bild: Der Autor Andreas Neumeister
       
       Wenn man auf dem Droste-Lyrikweg bei Münster über die Aa-Brücke kommt, kann
       man dort ein Gedicht von [1][Andreas Neumeister] abrufen – und eine
       grafische und akustische Explosion mitten in Westfalen erleben. Ausgehend
       vom Doppelvokal des Flüsschens stürzt sich der Text wild assozi- und
       alphabetisierend in die Erdzeit-, Literatur- und Pop-Geschichte der Stadt,
       die Neumeister im Pop-Universum neu lokalisiert und benennt:
       
       Alphaville, der FilmAlphaville, das Stück nach dem FilmAlphaville, die Band
       nach dem FilmAlphaville, die StadtA, Alpha, Stadt an der Aa
       
       In den 1990er Jahren vervollständigte der Münchner Andreas Neumeister das
       magische Dreieck der Suhrkamp-Pop-Autoren mit [2][Rainald Goetz] und
       [3][Thomas Meinecke]. In seiner Prosa war er der musikalischste von den
       dreien, immer nah auch am Poetry-Slam, zu dem er schon 1996 einen Band
       herausgab. Seine Bücher wie „Gut laut“ (1998) oder „Könnte Köln sein“
       (2008) erschienen als Romane, ihr unverwechselbares Verfahren ist aber mit
       dem Untertitel von „Angela Davis löscht ihre Website“ (2002) besser
       benannt: „Listen, Refrains, Abbildungen“, wobei die Abbildungen –
       medientechnische Pointe – bewusst Schrift blieben („Abb.: Testbild
       Wendelstein“).
       
       Bildende Kunst machte er extra. Neumeisters Texte wollen nicht Bild werden,
       sondern Laut, und vielleicht auch mal laut, aber nicht im Sinne von Wut und
       Empörung (er selbst trat stets eher bescheiden auf), sondern laut im Sinne
       von Disco. Ihr Prinzip ist die ostinative Wiederholung mit Variationen,
       wobei die Wiederholung hier nicht als Mutter des Widerspruchs (O. Pastior)
       eingesetzt wird, sondern als tastende Textbewegung nach dem Motto: Von hier
       aus lassen sich doch bestimmt auch noch ganz andere Pfade durch die
       Enzyklopädie des Pop auftun!
       
       ## Was ist aus Andreas Neumeister eigentlich geworden?
       
       So performt Neumeister Pop im doppelten Sinne: Zum einen als Lautspiel mit
       einer Spürbarkeit der Zeichen, die im Hier und Jetzt der Lektüre glücklich
       macht, und zum anderen als atemloser Guide, der uns mitnimmt in die
       geologischen Schichten, Landschaften und Labyrinthe einer längst
       unübersichtlich gewordenen Pop-Kultur.
       
       Statt wie seine Suhrkamp-Kollegen selbst den Diskurs zu führen, vertraut er
       auf eine Findekunst, die sich mit nie versiegender Neugier auf Worte
       („Alphaville“), Orte („Alphaville“) und vor allem Eigennamen („Alphaville“)
       richtet. Mal enden die variierenden Listen in Loops, mal in Tautologien,
       dann wieder eröffnen sie neue Aussichten oder lassen uns mit losen Enden
       zurück. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die x-fach wiederholte Frage
       aus „Gut laut“ nach dem Muster:
       
       was ist aus Mickey Finn eigentlich geworden?was ist aus Allison Staton
       eigentlich geworden?was ist aus Robert A. Moog eigentlich geworden?was ist
       aus Lee Hazelwood eigentlich geworden?
       
       Wohlgemerkt: In den Neunzigern konnte man die Antworten noch nicht einfach
       googeln, insofern waren das für uns alle echte Fragen, Rufe mit Hoffnung
       auf Antwort hinein in einen rasant sich wandelnden Pop-Raum, dessen
       chronische Vergesslichkeit diese Listen sowohl markierten als auch
       archivierend therapierten. Was ist aus Andreas Neumeister eigentlich
       geworden? Er starb am 2. 11. 2026 im Alter von 67 Jahren in München. Ehren
       wir ihn, indem wir seine Bücher lesen und uns an sein Motto halten: In
       dubio pro disco!
       
       3 Nov 2026
       
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