# taz.de -- Vor der Wahl in Israel: Was heißt links in Israel?
       
       > Am 27. Oktober wird in Israel ein neues Parlament gewählt. Obwohl
       > Wahlberechtigte immer mehr nach rechts tendieren, haben Linke noch
       > Hoffnungen.
       
 (IMG) Bild: Die Partei der Demokraten gibt es seit 2024 – hier eine Wahlkampfveranstaltung im September
       
       Ein Café im Herzen der liberalen Metropole Tel Aviv. An einem der Tische
       sitzt der Journalist und Aktivist Noam Sheizaf und wünscht sich, dass die
       linksliberale Partei, in der er seit Kurzem Mitglied ist, weiter nach links
       rückt. Er zählt auf, warum er sich den Demokraten angeschlossen hat:
       „Frauenrechte, religiöse Freiheit, ein Fokus auf Umweltschutz“.
       
       So weit, so normal für einen Linken in einer linksliberalen Partei. Dann
       sagt er: „Was die Palästinenser angeht, stehe ich natürlich am ganz linken
       Rand innerhalb der Partei.“
       
       Denn ob man links oder rechts steht, definiert sich in Israel heute weniger
       über Verteilungsfragen, obwohl die Mieten und Lebenshaltungskosten sehr
       hoch sind, sondern vor allem darüber: Wie ist die Einstellung zur
       nationalen Sicherheit, und zu den Palästinensern?
       
       Nur wenige im Land würden sich heute überhaupt noch als links bezeichnen:
       In einer Umfrage des [1][Israel Democracy Institute (IDI)] aus dem Jahr
       2025 waren es gerade einmal knapp 13 Prozent der jüdischen Befragten.
       Beinahe 60 Prozent hingegen bezeichnen sich selbst als rechts. Unter den
       Jüngeren sind die Zahlen noch deutlicher: In einer anderen Umfrage des IDI
       nannten sich drei von vier 18- bis 24-Jährige rechts.
       
       Noam Sheizaf, Anfang 50, ist überzeugter Linker. Als Journalist gründete er
       das [2][+972 Magazine] mit, international bekannt für seine kritische
       Berichterstattung über Israels Vorgehen im Westjordanland und im
       Gazastreifen. Einige werfen dem Medium vor, anti-israelischen Aktivismus zu
       betreiben. Jüngst drehte Sheizaf einen Dokumentarfilm über die geteilte
       Stadt Hebron im Westjordanland. Die Situation der Palästinenser liegt ihm
       am Herzen; seine Position ist klar: Das Thema der Besatzung müsse nach oben
       auf die Agenda – auch in der demokratischen Partei.
       
       ## Sicherheit ist für viele das wichtigste Thema
       
       Damals war er noch Teil der Partei Meretz. Aus dem Zusammenschluss von
       Meretz und der Arbeiterpartei Avoda entstanden 2024 die Demokraten. Avoda
       dominierte Israels Politik einmal, bis in die 1970er und noch einmal
       kurzzeitig in den 1990er Jahren. Doch zuletzt hatten beide Parteien so an
       Beliebtheit verloren, dass ein Zusammenschluss nötig schien.
       
       Schon vor dem 7. Oktober 2023 nannten manche Yair Golan einen Verräter.
       Etwa weil er sich öffentlichkeitswirksam gegen die Justizreform der
       derzeitigen rechten Regierung von Premier Benjamin Netanjahu stellte.
       
       Sicherheit ist für viele das wichtigste Thema. Und das bedeutet oft:
       Unterstützung für militärische Lösungen. „Unsere nationale Sicherheit hängt
       direkt mit dem Friedensprozess und einer Verhandlungslösung mit den
       Palästinensern zusammen“, sagt Sheizaf. „Im israelischen Bewusstsein gibt
       es eine Trennung zwischen der nationalen Sicherheit und Frieden“, sagt er.
       
       Seine Partei müsse nachschärfen, betont er. „Die rechten Parteien führen
       Wahlkampf mit einer sehr klaren Agenda, einer sehr radikalen Ideologie“,
       sagt Sheizaf. Die Parteien der Mitte und links davon täten sich hingegen
       schwer, einen ideologischen Wahlkampf zu führen – „ein taktischer Fehler“,
       betont er. „Wahlen“, sagt er, „sind ein Wettkampf der Ideen“.
       
       Eine, die viele Ideen hat, steht auf Listenplatz zehn. Etwa 60 Kilometer
       nördlich von Tel Aviv sitzt Soumaya Bashir im Dorf Jatt auf ihrem Sofa.
       Jatt ist gänzlich von arabischen Israelis bewohnt, grenzt an die
       Sperranlage, die Israel vom [3][Westjordanland] trennt. In der Dämmerung
       vor dem Wohnzimmerfenster leuchten grün die Moscheen am Horizont.
       
       ## Bashir redet, ihr Mann kocht Kaffee
       
       Den Listenplatz habe sie durch die Vorwahlen innerhalb der demokratischen
       Partei erhalten, betont sie. Und das trotz dessen, wer sie ist, oder
       vielleicht auch deswegen: Araberin, Palästinenserin, Israelin, Muslima,
       Feministin. Dass eine arabische Kandidatin auf der Liste einer
       zionistischen Partei steht, ist ungewöhnlich – und noch mehr, wenn sie den
       Hijab trägt.
       
       Bashir spricht schnell, wechselt hin und her zwischen Arabisch, Englisch,
       Hebräisch. Ihr Mann kocht Kaffee, erwärmt die Kohlen für die Shisha. Sie
       erzählt, wie sie in einer religiösen Familie aufwuchs, unbedingt Gitarre
       spielen wollte, schließlich Musiktherapie studierte. Wie sie heiratete,
       drei Töchter bekam, sich scheiden ließ und ihren gewalttätigen Ex-Mann
       hinter Gitter brachte.
       
       Wie sie ihren zweiten Mann kennenlernte, der damals in London wohnte und
       für sie zurückzog nach Israel. Wie sie die Organisation „Wir haben kein
       anderes Land“ mitbegründete, die sich für [4][Partnerschaft zwischen
       jüdischen und arabischen Israelis] einsetzt. Sich bei „Frauen kämpfen für
       Frieden“ engagierte, gegen die Gewaltkriminalität in der arabischen
       Gesellschaft auf die Straße ging. Und schließlich in ihrem Engagement noch
       einen Schritt weitergeht.
       
       Ein ganz neues Gesicht in der Politik ist Soumaya Bashir nicht. In den
       2000ern trat sie der arabischen, säkular geprägten Partei Ta'al unter der
       Führung von Ahmad Tibi bei. Der förderte sie – bis sie sich zur Wahl
       aufstellen lassen wollte. Und, so erzählt sie es, für einen älteren Herrn
       beiseite geräumt wurde, ihre Kandidatur zurückziehen musste. „Die arabische
       Maskulinität“ habe auf einmal ihren Kopf erhoben, sagte sie der Zeitung
       Ha’aretz zu dem Vorfall. Dann kehrte sie Ta'al den Rücken.
       
       ## Der Knesset ist nicht unbedingt repräsentativ
       
       Ta'al sitzt aus Überzeugung in der Opposition, wie fast alle anderen
       arabischen Parteien auch. 2021 machte die muslimisch-konservative Partei
       Ra'am Furore, als sie sich der sogenannten „Regierung des Wandels“
       anschloss – ein Novum für eine [5][arabische Partei]. Die Koalition hielt
       weniger als zwei Jahre. Seitdem sitzen wieder alle arabischen Parteien in
       der Opposition.
       
       Für manche der jüdisch geprägten Parteien sitzen in der Knesset zwar
       Politiker, deren Muttersprache Arabisch ist. Doch sie sind mit nur einer
       Ausnahme alle Mitglieder der drusischen Gemeinschaft Israels. Und die sind
       – weil sie zumeist im Militär dienen, als loyal zu Israel gelten – für
       viele muslimische und christliche Staatsbürger nicht unbedingt
       repräsentativ.
       
       Dass Bashir den Demokraten beigetreten ist, hat auch mit ihrer Überzeugung
       zu tun: Die Isolation vom Rest der israelischen Gesellschaft schade der
       arabischen Gemeinschaft, sagt sie. Eine Idee Bashirs dagegen: Mit der
       israelischen Staatsbürgerschaft für die über zwei Millionen Palästinenser
       gingen nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten einher.
       
       Wie ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sollen sie ihrem Land
       dienen – nicht im Militär, sondern im sogenannten „National Service“, dem
       [6][israelischen Zivildienst]. Der Widerspruch seitens der arabischen
       Community, sagt sie, sei immens. Trotzdem hält sie daran fest.
       
       ## Die Besatzung ist das Thema der arabischen Parteien
       
       Auch an Parteichef Yair Golan gibt es Kritik aus der arabischen und ganz
       linken Community: Golan, fast 40 Jahre im Dienste des israelischen
       Militärs, aufgestiegen bis zu einem der höchsten Ränge, sei selbst ein Mann
       des Systems, des Krieges, der Besatzung.
       
       Um wirklich etwas bewegen zu können, müsse man aus dem Inneren des Systems
       heraus arbeiten, sagt Bashir. Seit Jahrzehnten sitzen arabische Parteien in
       der Knesset, doch die Situation der Palästinenser in Israel – höhere
       Kriminialitätsrate, Diskriminierung, weniger Chancen auf gute Jobs –
       verändere sich nicht.
       
       „Die arabischen Parteien sprechen vor allem über die Besatzung. Dabei gibt
       es in unserer eigenen Gemeinschaft wichtige Probleme zu lösen“, sagt sie.
       Zum Beispiel die Welle der Gewalt. Mit dem Thema machen die Demokraten
       Wahlwerbung – auf Arabisch und mit einem Bild von Soumaya Bashir in ihrem
       weißen Hijab. „Organisierte Kriminalität beenden“, steht darauf.
       
       Auch Jatt, der Heimatort Bashirs, und seine nähere Umgebung sind immer
       wieder Schauplatz von Gewalt. Etwa im September, als auf einem Feldweg nahe
       Jatt ein ausgebranntes Auto gefunden wurde. Die verkohlten Leichen dreier
       junger Männer aus einer nahen arabischen Kleinstadt lagen darin.
       
       ## Weniger aufs Ganze gehen
       
       Vielleicht ist es auch das, was es bedeutet, heute links zu sein in einem
       so weit nach rechts gerückten Israel: Pragmatisch sein, konkrete Probleme
       ansprechen. Weniger aufs große Ganze gehen, bei dem man oft wenig erreichen
       kann.
       
       Zwischen acht und zehn Mandate könnten die Demokraten bei den Wahlen holen,
       so Umfragen. Eine Koalition müssen sie also eingehen. Zur Verfügung stünden
       aller Wahrscheinlichkeit nach die [7][regierungswilligen Parteien] des
       Anti-Netanjahu-Lagers. Und mit einer Ausnahme der Partei Ra'am, sind sie
       alle eher in der Mitte und mitte-rechts zu verorten.
       
       Der Journalist und Aktivist Noam Sheizaf sagt: „Jeder weiß, dass für eine
       Regierungsbildung Kompromisse eingegangen werden müssen.“ Aber er bleibe
       dabei: „Das bedeutet nicht, aus einer schwachen Position heraus
       argumentieren zu müssen.“
       
       Man müsse auf Frieden setzen, sagt Sheizaf. Für Frieden müsse man
       zusammenarbeiten, sagt Bashir. Und das sind doch traditionell linke
       Positionen.
       
       26 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.idi.org.il/media/30427/the-israeli-democracy-index-2025-full-english-version.pdf
 (DIR) [2] https://www.972mag.com/
 (DIR) [3] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6222316
 (DIR) [4] https://www.timesofisrael.com/activist-somaya-bashir-to-run-for-democrats-slate-calls-for-arab-jewish-partnership/
 (DIR) [5] /Wahlen-in-Israel/!6218499
 (DIR) [6] /Israels-Armee-laufen-die-Soldaten-weg/!6083818
 (DIR) [7] /Israel-vor-der-Parlamentswahl/!6215897
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lisa Schneider
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Knesset
 (DIR) Israel
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Israelische Araber
 (DIR) Naher Osten
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Social-Auswahl
       
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