# taz.de -- Proteste in Frankreich: Jugend ohne Jugend
       
       > Warum gehen Französ*innen auf die Straße? Wogegen sind sie? Was wollen
       > sie erreichen? Wir haben mit einer Schülerin und einer Studentin
       > gesprochen.
       
 (IMG) Bild: Sofia vor ihrer Schule. Es ist ihr erster Protest
       
       ## „Unsere Sporthalle schimmelt und überall fehlen Lehrer“
       
       Wir leben in Seine-Saint-Denis, dem ärmsten Département Frankreichs. Das
       Aufwachsen hier unterscheidet sich von dem in Paris. Trotzdem mag ich meine
       Nachbarschaft sehr. Mein Umfeld ist zwar nicht so privilegiert. Aber meine
       Eltern haben Arbeit, ich lebe in stabilen Verhältnissen.
       
       Die Probleme an meiner Schule sind groß. Das merke ich, obwohl ich erst
       seit September dort bin. Es ist mein erstes Jahr am Lycée, der Oberstufe.
       Unsere Sporthalle schimmelt. Wir können die Umkleiden nicht mehr benutzen.
       Überall fehlen Lehrer. Ich habe für manche Fächer noch gar keinen Lehrer
       gesehen.
       
       Es macht mich sauer, wie ungleich die Situation an den Schulen ist. Die
       Regierung steckt zu wenig Geld in den öffentlichen Sektor. Nach der
       Mittelschule sind daher viele meiner Freunde auf ein Lycée in Paris
       gewechselt. Die in den Vororten haben einen schlechten Ruf. Bei der
       Bewerbung um Studienplätze hat man damit keine guten Karten. Die
       Vergabeplattform „Parcoursup“ sortiert Leute wie mich systematisch aus.
       
       Wir kämpfen mit den Protesten gegen all das an. Ich beteilige mich, damit
       die Bewegung nicht erstickt wird. Ich mache das auch für kommende
       Generationen – eigentlich für alle. Meine Mutter ist Lehrerin. Auch sie ist
       direkt von den Problemen betroffen. Sie unterstützt mich.
       
       Es ist mein erster großer Protest. Wenn ich morgens um acht an der Schule
       ankomme, haben die älteren Schüler schon die Mülleimer für die Blockaden
       aufgebaut. Es gibt nicht überall nur Schlägereien. Bei uns in Bagnolet
       haben wir während der Besetzungen Karaoke gesungen, gegrillt und Banner
       bemalt. Aber auch hier kam die Polizei mit Helmen und Tränengas. An einem
       Tag kamen sie auch mit Autos an, wie man sie im Krieg sieht. Große,
       gepanzerte Lastwagen.
       
       Am Samstag der großen Proteste war ich schon in der Métro auf dem Weg in
       die Stadt. Dann habe ich erfahren, dass viele Menschen mit Tränengas
       besprüht wurden. Ich bekam Angst vor der Polizei und bin umgekehrt. Ich
       habe den Eindruck, dass die Regierung die Herbstferien bis Anfang November
       abwartet. Sie hofft, dass es danach vorbei ist. Dass wir das Feuer löschen.
       Aber wir wollen nicht aufgeben, bis wir uns Gehör verschafft haben. Es gibt
       mehr Geld für die Armee als für die Schulen. In einem offenen Brief fordern
       wir einen Zeitplan für die Sanierung der Gebäude, eine Überarbeitung der
       Vergabekriterien bei „Parcoursup“ und mehr Respekt für das
       Demonstrationsrecht.
       
       Was mich wütend macht, ist auch, wie wir karikiert werden. „Die jungen
       Leute in den Banlieues sind gefährlich und gewalttätig“, wird viel gesagt.
       Auch wir haben ein Recht auf Bildung. Wir wollen nur Gleichheit. Das soll
       doch eigentlich ein französischer Wert sein. Aber anstatt uns zuzuhören,
       redet jeder über brennende Mülleimer.
       
       Sofia, 15 Jahre, Lycée „Eugène Hénaff“ aus Bagnolet, einem Vorort von Paris 
       
       ## „In Frankreich gibt es keine echte Chancengleichheit“ 
       
       Wir Studierende haben uns der Bewegung angeschlossen, um die Schüler in den
       Vororten Créteil und Saint-Denis zu unterstützen. Der Hauptauslöser für
       unsere Mobilisierung an Paris 8 war die schockierende Polizeirepression
       gegen die Jugendlichen. Dabei forderten sie lediglich Ressourcen, um in
       Würde lernen zu können.
       
       Wir konnten nicht untätig zusehen. Ich selbst habe Bewerbungsverfahren über
       „Parcoursup“ und „Mon Master“ durchlaufen. Diese Plattformen funktionieren
       als soziale und rassistische Filter. Ich komme aus einem privilegierten
       Umfeld, bin nicht in den Vororten aufgewachsen und erlebe keine
       rassistische Diskriminierung. Trotzdem war das Verfahren extrem stressig.
       Das System selektiert stark nach dem Ruf der Schule. Wer ein bekanntes
       Gymnasium besucht hat, bekommt fast alle Wünsche erfüllt. Absolventen
       unbekannter Schulen haben selbst mit hervorragenden Noten kaum Chancen. In
       Frankreich gibt es keine echte Chancengleichheit.
       
       Wie an den Schulen fehlt es auch bei uns an vielem. Uns im Kunstbereich
       trifft das besonders. Vor Ort gibt es kaum Räume zum Üben. Den Lehrern
       fehlt das Budget für Ausrüstung und Kursmaterial. In Lehrveranstaltungen
       gibt es oft nur 10 Plätze für über 30 Studierende. Im vergangenen Jahr
       saßen wir in einem Kurs mit 45 Leuten hinten auf dem Boden. Es gab weder
       Stühle noch Tische. In diesem Jahr wurde sogar ein Kurs abgesagt, weil die
       Lehrkraft nicht bezahlt werden konnte. Auch die Bausubstanz ist in manchen
       Gebäuden veraltet. Es gibt viel zu wenige Toiletten.
       
       Unsere Hochschule ist als linke Universität bekannt. Aber nach den
       Blockaden schloss die Verwaltung die Gebäude. Wir wurden ausgesperrt und
       hatten keinen sicheren Ort mehr. Daher besetzen wir die Hochschule jetzt
       dauerhaft und schlafen auch hier. Wir knüpfen an die Tradition einer
       offenen Universität an, die für alle zugänglich ist: für Studierende,
       Schüler und Arbeiter.
       
       Die Universitätsleitung hat bisher keine Polizei auf den Campus gerufen.
       Bei Demonstrationen erleben wir dagegen heftige Polizeigewalt mit Tränengas
       und Einkesselungen. Wir haben uns fast schon daran gewöhnt. Es ist fast wie
       eine Routine. Viele von uns gehen mit Schwimmbrillen und Masken auf die
       Straße – auch am Samstag bei den großen Protesten. Die eigentliche Gewalt
       geht meiner Meinung nach systematisch von der bewaffneten Polizei aus. Sie
       setzt, wie ich finde, „Kriegswaffen“ ein. Das hat Schülern schwere
       Verletzungen zugefügt, bis hin zum Verlust von Augen oder Händen.
       
       Die Polizeigewalt gegen Kinder öffnet selbst älteren Generationen die
       Augen. Sie führt zu einer Konvergenz der Kämpfe. Bei den Wahlen hoffe ich
       auf einen Erfolg der Linken, vor allem von La France insoumise. Das ist das
       Beste, worauf wir hoffen können, um Frankreich zum Guten zu verändern.
       
       Man spürt es überall: In der ganzen französischen Gesellschaft herrscht
       tiefe Erschöpfung. Die Lebenshaltungskosten und Mieten steigen, Benzin
       kostet über 2 Euro pro Liter, die Löhne stagnieren. Viele Menschen haben
       das Gefühl, nichts mehr verlieren zu können. Es braucht einen Generalstreik
       der Arbeiter. Und wir führen ihn an.
       
       Coline, 23 Jahre, studiert an der Universität Paris 8
       
       23 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stella Lueneberg
       
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