# taz.de -- Vorurteile gegen Deutsch-Türken: Der Eroberer des Jobcenters
       
       > Während der Bundespräsident eine Mongolei-Ausstellung eröffnet, fragt
       > sich der Kolumnist: Was haben Dschingis Khan und ein Köftekneter aus
       > Berlin gemeinsam?
       
 (IMG) Bild: In dem Restaurant, in dem er Vollzeit arbeitet, knetet er je nach Tag bis zu 50 Kilo Köfte
       
       Herr Bundespräsident, ich sehe, Sie hatten eine arbeitsreiche Woche. Sie
       waren gemeinsam mit dem Präsidenten der Mongolei in Berlin bei der
       Eröffnung der Ausstellung über Dschingis Khan und die Welt der Mongolen.
       Dschingis Khan und seine Nachkommen veränderten die Machtverhältnisse in
       Anatolien nachhaltig. Auch Europa blieb von den mongolischen
       Eroberungszügen nicht verschont.
       
       Wie dem auch sei, Herr Bundespräsident, [1][vor vierzehn Tagen hatte ich an
       dieser Stelle aufgehört zu schreiben]. Eigentlich wollte ich Ihnen die
       Geschichte eines anderen Mannes erzählen, der vermutlich ähnlich
       hochgewachsen war wie Dschingis Khan, der Europa auf seine eigene Weise
       erobert hat und über den die Meinungen ebenso geteilt sind. Dschingis Khan
       war persönlich nie in Europa, und Dschingis Khan war ein Titel, nicht der
       Name des Mannes. Deshalb habe ich auch den Namen dieses Mannes geändert.
       
       Dieser kleine, rundliche Mann aus dem Wedding war die Verkörperung all
       jener Vorurteile über die Almancıs, die Menschen in der Türkei für wahr
       halten. Er stammte aus einer Stadt am Schwarzen Meer, die als Hochburg des
       Konservatismus gilt, und unterstützte die AKP. Heute schwört er jedoch,
       dass er das nie getan habe.
       
       ## Timuçin lebt vom Jobcenter
       
       Und noch ein Vorurteil: Natürlich betrügt er hier den Staat. Seit die
       Köftebude, die er vor Jahren übernommen hatte, pleiteging, [2][lebt er vom
       Jobcenter]. Er schwört, dass es die einzige Möglichkeit war, und ich glaube
       ihm, wenn er das sagt.
       
       „Dieses ‚Çöp-Sentır‘, weißt du, das ist die schönste Firma, die ich in
       meinem Leben gesehen habe“, sagt Timuçin: „Du kannst denen sagen: ‚Ich habe
       gezockt, mein Geld ist weg‘, und die geben dir trotzdem Geld. Ich schwöre
       bei Gott.“
       
       In dem Restaurant, in dem er Vollzeit arbeitet, knetet er je nach Tag bis
       zu 50 Kilo Köfte. Keine einfache Arbeit. Er steckt sich aber auf diese
       Weise zusätzlich über 2.000 Euro steuerfrei in die Tasche. Mit dem Geld
       kauft er Häuser in der Türkei. Dazu ist er geizig: Er wundert sich, wenn er
       hört, dass andere Menschen hohe Ausgaben haben. Wenn man ihn dafür
       kritisiert, sagt er: „Sogar der Imam unserer Moschee macht das.“
       
       Er ist jeden Tag völlig erschöpft von der Arbeit. Und nur [3][Alkohol]
       lässt ihn schlafen. Weil er sich nicht traut, offen Alkohol zu trinken,
       füllt er kleine Wodkaflaschen in eine 50-cl-Plastikflasche Fanta. Wenn
       dieses Gemisch, dessen Alkoholgehalt mit der Zeit immer weiter steigt,
       ausgetrunken ist, geht er, isst ein Brathähnchen und schläft. Ein
       Rock-’n’-Roll-Life. Aber dieses Leben ist nun vorbei.
       
       ## Jetzt braucht er wirklich den Staat
       
       Denn Timuçin erlitt vor einiger Zeit einen Schlaganfall und entkam nur
       knapp dem Tod. Er blieb fast zwei Monate in einem nahegelegenen Krankenhaus
       und verlor ziemlich viel Gewicht. Jetzt lächelt er wie ein schüchternes
       Kind und hat mit dem Trinken aufgehört, raucht er aber immer noch. Er kann
       jetzt wirklich nicht mehr arbeiten. Seine Arme und Beine sind schwach.
       
       Jetzt braucht er vielleicht zum ersten Mal wirklich den Staat. Manchmal
       denke ich, dass er angesichts all der geplanten Kürzungen oder der
       strengeren Kontrollen seine Sozialleistungen verlieren könnte. Was wäre
       dann?
       
       Herr Bundespräsident, ich weiß, dass Sie nicht sagen: „Geschieht ihm
       recht.“ Ich kann das auch nicht sagen; irgendwie mag ich den Mann immer
       noch. Und er ist ein gutes Beispiel für Diskussionen. Wenn immer jemand in
       der Türkei abfällig über Almancıs spricht, kann ich auf ihn verweisen und
       sagen: „Ja, so einen Mann gibt es tatsächlich, und hier ist er. Ich kenne
       allerdings nur diesen einen.“
       
       23 Oct 2026
       
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