# taz.de -- Wofür wir arbeiten in Deutschland: Denkmäler nicht gelebten Lebens
       
       > Vor zehn Jahren lernte unser Kolumnist Frank-Walter Steinmeier kennen,
       > der bat, auf dem Laufenden gehalten zu werden. Heute geht es um die
       > Almancıs.
       
 (IMG) Bild: Almancıs hielten Deutschland am laufen, doch die Gesamtgesllschaft blieb nicht auf dem laufenden was ie anging
       
       Lassen Sie mich Ihnen, [1][Herr Bundespräsident], eine Geschichte erzählen.
       Vielleicht passt sie zur aktuellen Situation, in der die Diskussion um die
       Pflegereform beinahe zum Scheitern der Koalition geführt hätte.
       
       Kurz vor Ihrem eigenen Renteneintritt haben Sie sich angeblich
       eingeschaltet und, wie [2][RTL es formulierte, „Deutschland gerettet“.] Ich
       persönlich habe den Glauben verloren, jemals in Rente gehen zu können.
       Deshalb möchte ich Ihnen die Geschichte einiger [3][Almancıs] erzählen, die
       sich dem Rentenalter nähern.
       
       Falls Ihnen dieser Begriff nicht geläufig ist: Er entstand im 19.
       Jahrhundert zur Bezeichnung von Strömungen, die das deutsche Kaiserreich
       unterstützten. Heute wird er in der Türkei vor allem für Menschen
       verwendet, die aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind, sowie für
       ihre hier geborenen Kinder.
       
       Je nachdem, wer ihn verwendet, kann der Begriff abwertende Konnotationen
       haben. Das Wort „Alman“ ist Ihnen sicherlich bekannt. Die Suffixsilbe „-cı“
       wird im Türkischen auch für Berufe oder Tätigkeiten verwendet, die jemand
       zu einer Gewohnheit gemacht hat. In diesem Sinne könnte man „Almancı“ also
       als Menschen verstehen, die Deutschland zu ihrem Beruf gemacht haben.
       
       ## Über Nacht weiß geworden
       
       „Wenn du nicht nach Deutschland kommst, um Geld zu sparen, was machst du
       dann hier überhaupt?“, fragt der Mann – und seine Frage beschämt mich ein
       wenig. Er lebt seit den Achtzigern hier und arbeitet jeden Tag 16 Stunden
       in seinem Späti. Obwohl ich ihn seit Jahren kenne, habe ich ihn noch nie
       außerhalb seines Ladens gesehen. Und wenn, dann war er gerade für seinen
       Laden einkaufen.
       
       Er ist noch nie an einen Ort gekommen, zu dem ich ihn eingeladen habe.
       Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil das nicht sein Leben ist. Ihre
       Haare, Herr Bundespräsident, sind über Nacht weiß geworden – und das mit
       gerade einmal 24 Jahren. Seine Haare sind hingegen im Laufe der Jahre weiß
       geworden, während er arbeitete – ohne auch nur einen einzigen Sonntag
       freizunehmen.
       
       Bitte denken Sie nicht, ich würde behaupten, Sie würden zu wenig arbeiten –
       das würde ich niemals tun! Außerdem habe ich von mindestens einem
       Bundespräsidenten gehört, dass er ein Workaholic ist – vermutlich sind auch
       Sie einer.
       
       Und da ich mich gerade entschuldige: Die Information über Ihre Haare habe
       ich in einem Buch gelesen. Ich hoffe, sie stimmt. Ich möchte nicht heute
       Abend noch einmal von der Zeitung angerufen werden, nur damit dann unter
       meinem Artikel steht: „Das war falsch.“
       
       ## Menschen, die nicht sparen können
       
       Nun aber zurück zu unserem Thema. Sein ganzes Leben verbringt unser Mann
       damit, hier zu arbeiten. Das dabei angesammelte Kapital – sofern er es
       nicht irgendeinem Betrug zum Opfer bringt – investiert er in Immobilien
       oder baut selbst welche. Manchmal sind diese Gebäude auch vermietet – wie
       Denkmäler eines nicht gelebten Lebens.
       
       Denn nach all den Jahren ist das Mittel vielleicht längst zum Zweck
       geworden. Wird er überhaupt jemals aufhören zu arbeiten? Wie wird das
       aussehen? Wo wird er dann sein?
       
       Es gibt natürlich auch Menschen, die nicht sparen können. Die harte Arbeit
       hat sie früh zugrunde gerichtet. Vielleicht haben sie ihr Geld durch Zocken
       und Saufen verschwendet, um alles ertragen zu können. Sie werden krank,
       können nicht mehr arbeiten und sind auf Pflege angewiesen. Manchmal
       verübeln sie es denjenigen, die nicht arbeiten, weil ihnen das selbst das
       Leben gestohlen hat.
       
       Und dann gibt es noch einen dritten Typ. Er ist nicht die Regel, sondern
       die Ausnahme – und zugleich alles auf einmal. Er ist die Karikatur dessen,
       was ein Teil der Menschen in der Türkei, die nichts über die Almancı
       wissen, an ihnen hasst. Er bezieht Leistungen vom Jobcenter und hat
       gleichzeitig einen Vollzeitjob, sodass er in seiner Heimat Häuser bauen
       kann. Er ist konservativ, hat die AKP gewählt und ist auch Alkoholiker.
       Oder war, denn vor Kurzem hat sich alles geändert. Aber, Herr
       Bundespräsident, mir ist der Platz ausgegangen. Wie man so sagt: I will
       keep you updated.
       
       8 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Leben-Begegnungen-und-Erfahrungen/!6212178
 (DIR) [2] https://www.rtl.de/news/bundespraesident-steinmeier-rettet-deutschland-am-telefon-vor-staatskrise-id31374492.html
 (DIR) [3] /Vorurteile-gegen-Almancs/!5954756
       
       ## AUTOREN
       
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