# taz.de -- Integration in Hamburg: Zwölf Beratungszentren vor dem Aus
> Hamburgs Sozialbehörde hat die Integrationsberatung an einen neuen und
> senatsnahen Bildungsträger vergeben. Die bisherigen Träger legen
> Widerspruch ein.
(IMG) Bild: In Hamburg auf Schrumpfkur: Integrationszentren wie dieses in Frankfurt (Oder)
Hamburgs Sozialbehörde hat die Beratung von Flüchtlingen neu ausgeschrieben
und an eine Tochter der senatsnahen Stiftung Berufliche Bildung (SBB)
übertragen. Deshalb müssen die zwölf Integrationszentren (IZ) zum
Jahresende schließen. Die sechs freien Träger, die diese Aufgabe seit über
20 Jahren erfüllten, sind entsetzt. Sie hatten sich unter dem Dach des
Diakonischen Werks auch auf die Ausschreibung beworben und wurden
abgelehnt, obwohl sie die Kriterien [1][„vollumfänglich erfüllten“, wie sie
schreiben]. Deshalb legte die Diakonie inzwischen Widerspruch gegen die
Entscheidung ein. „Wir machen von unseren rechtlichen Möglichkeiten
Gebrauch“, sagt Sprecher Malte Habscheidt.
Die Sozialbehörde begründet die Neuausschreibung damit, dass die Beratung
mobiler werden sollte. „So wollen wir Zugewanderte besser erreichen, die
bereits länger in Deutschland leben und bisher nicht ausreichend von den
bestehenden Angeboten profitieren“, sagt Sprecher Wolfgang Arnhold. Man
wolle Menschen in den öffentlichen Unterkünften mit Beratung auch
Perspektiven für Ausbildung, Studium und Arbeit bieten, um sich ein
selbstbestimmtes Leben aufzubauen.
Auf eine [2][Kleine Anfrage] der SPD zur Zukunft der Integrationszentren
hin hatte der Senat erklärt, es stünden weiter 2,9 Millionen Euro pro Jahr
im Haushalt dafür bereit. Es werde weniger Standorte geben, dafür aber
zentral gesteuerte mobile Beratungsangebote mit einer Koordinierungsstelle
und einem gemeinsamen Internetauftritt. Die digitalen Angebote sollen „in
enger Abstimmung“ mit der Behörde entwickelt werden.
## Allein im vergangenen Jahr 33.000 Beratungen
Zurzeit noch gibt es zwölf Beratungsstellen mit jeweils eigenen Räumen,
dezentral verteilt über die Stadt – in Wilhelmsburg und auf der Veddel, in
Steilshoop, Bergedorf, Tonndorf, Eimsbüttel, St. Pauli, Altona, Billstedt,
Mitte und Nord. Dort habe man allein im vergangenen Jahr an die 33.000
Beratungen durchgeführt, teilen die sechs Träger mit. Sie unterstützen seit
über 20 Jahren Menschen bei Fragen zu Aufenthalt, Arbeit, Bildung, Sprache,
Existenzsicherung, Sozialleistungen und Teilhabe.
Was die Träger nicht verstehen: Sie hatten ihre Zentren erst Mitte 2025 im
Rahmen einer neuen Förderlinie neu ausgerichtet und eine mobile Beratung in
Wohnunterkünften aufgebaut. Und diese Förderlinie sollte bis Ende 2028
gelten. „Unsere Kollegen hatten in der Beratung eigentlich genug zu tun,
aber wir haben das zusätzlich aufgebaut“, berichtet Suzana Kamperidis von
der Interkulturellen Begegnungsstätte (IKB), die auf St. Pauli und in
Eimsbüttel Integrationszentren betreibt. „Und unsere Kooperationspartner
vor Ort fanden es toll, wie wir die Beratung machen.“
Doch im Mai dieses Jahres teilte die Sozialbehörde mit, dass es die neue
Ausschreibung gebe. Und Anfang Oktober kam [3][die Nachricht], dass ein
Trägerverbund der SBB Kompetenz gewonnen hat. Das Ergebnis sei „eindeutig“,
erklärt Sprecher Arnhold. Die Gesellschaft habe in 12 von 13 Kategorien
gewonnen. Das Angebot der sechs Träger unterlag.
Für eine migrantische Selbstorganisation sei das „ein herber Schlag“, sagt
Emine Güney von der IKB. Die Partizipation migrantischer Vereine sollte
sich auch in der Förderung konkreter Angebote widerspiegeln. „Die Frage ist
nicht, ob Beratung in Wohnunterkünften oder Stadteilen benötigt wird.
Beides ist wichtig“, sagt Judith Geipel vom Träger BI Hamburg Süd. Wer das
eine stärke und das andere abbaue, riskiere große Versorgungslücken.
„Die Entschiedung ist katastrophal“, sagt Christiane Tursi vom Träger
[4][Verikom]. Einigen der Träger drohe gar die Insolvenz. Die Behörde habe
erst am 8. Oktober mitgeteilt, dass die Förderung zum Jahresende ausläuft.
Da sei es für die Kündigung langjähriger Mitarbeiter längst zu spät
gewesen, auch Mieten für die Räume seien weiter zu zahlen. „Wenn die
Behörde dafür nicht einsteht, kommen wir an den Rand der
Zahlungsfähigkeit“, sagt Tursi. Damit wären bei Verikom auch deren
Gewaltschutzprojekte gefährdet.
## Aus zwölf werden sechs bis sieben feste Standorte
Laut Arnhold soll es am Montag ein Treffen geben, zu dem der neue und der
alte Verbund eingeladen werden, um „die Überleitung in die neue Struktur“
zu besprechen. Die SBB Kompetenz plant laut Geschäftsführerin Andrea Franke
derzeit sechs bis sieben feste Beratungsstandorte, also etwa halb so viele
wie bisher. Der Verbund habe Räume in Altona, Langenhorn, Wilhelmsburg,
Harburg, Wandsbek, Bergedorf und Hamburg-Mitte.
Ergänzend könnten an weiteren Standorten je nach lokalem Bedarf Räume
„flexibel gebucht“ werden. Nach dem Personal gefragt, erklärt Franke: „Wir
freuen uns ausdrücklich über Bewerbungen von Fachkräften, die Interesse
haben, die Integrationsberatung in unserem Trägerverbund mitzugestalten.“
In der Politik trifft die Neuvergabe auf scharfe Kritik. „Die
Sozialsenatorin geht mit der Axt durch die Trägerschaft“, sagt
CDU-Integrationspolitiker Dietrich Wersich. Statt partnerschaftlich zu
agieren, werden freie Träger zu „reinen Auftragnehmern“ degradiert. Die
Linke warnt vor einem Kahlschlag, der so nicht passieren dürfe. Auch
Hamburgs ehrenamtliche Flüchtlingsinitiativen warnen vor einem
„Riesenverlust“.
## Kritik an „sozialpolitischer Flurbereinigung“
Das Hamburger [5][Bündnis „Unkürzbar“] sieht in der Schließung der zwölf
Zentren gar einen „heimlichen Umbau des sozialen Hilfesystems“. Sprecherin
Contanze Weichert sieht eine Parallele zum kürzlich erfolgten Umbau der
[6][Straßensozialarbeit]. Die habe der Senat in den Bezirken Mitte und
Altona den freien Trägern entzogen, um seine Linie durchzusetzen.
Aktuell wird auch dem [7][Verband für Kinder- und Jugendarbeit], der eine
unabhängige Ombudsstelle für die Jugendhilfe betreibt, mit Entzug durch
Neuausschreibung gedroht. Die Instrumente für so eine „sozialpolitische
Flurbereinigung“, seien stets dieselben, schreibt das Bündnis. Sie stammten
aus dem „Vergaberecht“ der Wirtschaft, hätten aber im Zuwendungsrecht der
sozialen Arbeit nichts verloren.
Tatsächlich könnte die Neuvergabe der Integrationszentren noch Gerichte
beschäftigen. Erst mal muss aber die Sozialbehörde über den nun eingelegten
Widerspruch entscheiden.
24 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.diakonie-hamburg.de/de/presse/pressemitteilungen/Aus-fuer-zwoelf-Integrationszentren-Sechs-erfahrene-freie-Traeger-verlieren-zum-Jahresende-Foerderung-der-Sozialbehoerde/
(DIR) [2] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F104444%2F23_04611_integrationszentren_nachhaltig_und_zukunftsorientiert_aufstellen#pagemode=none
(DIR) [3] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F105208%2F23_05303_foerderung_und_planungssicherheit_im_integrationsbereich#pagemode=none
(DIR) [4] /Vorurteile-abgebaut/!5349919/
(DIR) [5] https://www.unkuerzbar-hamburg.de/
(DIR) [6] /Streetworker-ueber-Wohnungslosigkeit/!5915475
(DIR) [7] /Hamburger-Jugendverband-VKJH-in-Not/!6189019
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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