# taz.de -- Neuer Landtag von Mecklenburg-Vorpommern: Schwerin wählt nach Plan
> Bei der Konstituierung des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern gab es
> keinen Eklat wie in Magdeburg. Aber auch hier wird deutlich, wie
> polarisiert das Land ist.
(IMG) Bild: Eine strahlende demokratische Einheit: Birgit Hesse (SPD), wiedergewählte Landtagspräsidentin in Schwerin, und Alterspräsident Ralf Mucha (SPD)
Vor dem Schweriner Schloss stehen an diesem Dienstag etwa 30 Bürgerinnen
und halten tapfer ihre Schilder in die Luft: Eine Regenbogenfahne haben sie
dabei und ihre Forderungen, darunter ein Verbot der AfD und eine gerechtere
Bildungspolitik. Es sind Wünsche, die sie beim „Klönschnack“ von
BürgerInnen gesammelt haben. So nannten sich die langen Tische, die das
zivilgesellschaftliche Bündnis „Zusammen bewegen“ im Wahlkampf organisiert
hatte.
Eine der OrganisatorInnen ist Caroline Wölflinger von den Omas gegen
rechts. Bevor sich an diesem Dienstag der neue Landtag konstituiert, will
sie die gesammelten Wünsche der Zivilgesellschaft, gebunden zu einem Buch,
an das Parlament übergeben. Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Julian
Barlen, kommt kurz aus dem Landtag, um sie entgegenzunehmen. Barlen bedankt
sich bei den Engagierten, dann wird er unterbrochen. Ein Mann fährt im SUV
vorbei und brüllt aus dem Fenster: „Haut ab, scheiß linkes Pack!“
Am Dienstag konstituierte sich der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern in
Schwerin, und er bildet die Polarisierung auf der Straße und an der
Wahlurne ab: Den Fraktionen von SPD, Grünen und Linken sitzt ein großer
Block von der AfD-Fraktion gegenüber. Wenn die rot-rot-grüne Koalition
unter Manuela Schwesig zustande kommt, wonach es aussieht, gibt es keine
demokratische Opposition mehr.
Bei den Landtagswahlen Ende September hatte die AfD ihr Ergebnis auf 38
Prozent mehr als verdoppelt und stellt nun 32 der 71 Abgeordneten. Ihr
Selbstbewusstsein sieht und riecht man im Landtag. Breitbeinig sitzen die
AfD-Abgeordneten in ihren Reihen, in den Fluren hängt der Geruch von zu
viel Männerparfum. Anders als in Magdeburg darf sich die AfD in Schwerin
nicht in die Mitte des Plenums setzen, aber auch so sind die neuen
Mehrheitsverhältnisse augenscheinlich.
## Nur sechs Frauen in den Reihen der AfD
Fast die Hälfte der Abgeordneten ist neu im Landtag. Einer von ihnen ist
Tommy Thormann von der AfD, ein Ex-Soldat. Sein Anzug spannt über dem
Oberkörper, er ist mehr für den Straßenkampf als fürs Parlament trainiert.
Im Wahlkampf sagte Thormann, Rügen bleibe „patriotisches Volksgebiet“, und
drohte der Linken mit einem Verbot. Er freue sich darauf, „wenn bei euch
morgens um 6 Uhr die Polizei klingelt und euch aus dem Bett holt“. Nur
sechs Frauen sind Teil der neuen AfD-Fraktion. Vor der Landtagssitzung
forderte man das Amt des Parlamentspräsidenten für sich, als größte Partei
habe man darauf einen Anspruch.
Die demokratischen Parteien dagegen sind bei der Wahl geschrumpft. Die SPD
stellt noch 29 Abgeordnete, Linke und Grüne jeweils 5. Das BSW und die
Union waren knapp an der Fünfprozenthürde gescheitert.
Früher war die Konstituierung eines Landtags und die Wahl eines
Parlamentspräsidenten meist eine Formsache. Aber was ist da schon, nach
Magdeburg? Dort hatte der Landtagspräsident der AfD Stimmen von
demokratischen Parteien bekommen, vermutlich von der CDU.
## Die demokratischen Parteien bleiben stabil
In Schwerin blieben die Abgeordneten der demokratischen Parteien stabil.
Der AfD-Kandidat Carlos Dias Rodrigues, ein Polizeibeamter aus Bremerhaven,
erhielt nur 31 Stimmen, eine Stimme weniger, als die AfD Abgeordnete hat.
Nicht mal die eigenen Leute hatte man also im Griff.
Birgit Hesse von der SPD kam dagegen auf 39 Stimmen, so viele also, wie
SPD, Linke und Grüne gemeinsam haben. Die Ministerpräsidentin Manuela
Schwesig, vom Blazer bis zur Schuhspitze in Rot gekleidet, übergab Blumen
und umarmte ihre Genossin, vom AfD-Fraktionschef Enrico Schult gab es
immerhin einen Händedruck. Die Blumen unter seinem Stuhl lagen schon
bereit, waren aber nur für den eigenen Kandidaten gedacht. Vielleicht
hatten in der AfD doch noch einige auf eine Überraschung wie in Magdeburg
gehofft, sie wurden enttäuscht. Die neue Landtagspräsidentin Birgit Hesse
bedankte sich für das Vertrauen, „das ehrt mich“.
Auch bei der Wahl der Vizepräsidenten fiel die AfD durch, auch hier stand
die Mehrheit von Rot-Rot-Grün. Für die Linke wurde Simone Oldenburg, für
die Grünen Maya Tischler gewählt. Das höchste Amt, das eine AfD-Abgeordnete
bekleiden durfte, wurde nicht gewählt. Es ist das der Schriftführerin.
## Gut: Keine CDU in der Sinnkrise
Die größte Nachricht aus Schwerin war also, was eigentlich eine
Selbstverständlichkeit sein sollte: Die demokratische Mehrheit steht. Es
hat eben Vorteile, wenn man keine CDU in der Sinnkrise im Landtag sitzen
hat.
Die Nachteile, auch das zeigte die erste Sitzung des neuen Landtags: Wenn
SPD, Linke und Grüne zusammen eine Koalition bilden und sich gegenseitig
brav applaudieren, fehlt eine demokratische Opposition. Die Kontrolle der
künftigen rot-rot-grünen Koalition dürfte in den kommenden Jahren
kompliziert werden.
Deutlich wurde das auch beim Streit um die Geschäftsordnung. Linke, SPD und
Grüne hatten zu Beginn der Sitzung eine Änderung beantragt: Künftig sollen
Ausschussvorsitzende bei Verstößen ihr Amt verlieren können, auch die
Regeln für Bußgelder gegen Abgeordnete werden verschärft. Die AfD hält das
für eine Beschneidung ihrer Oppositionsrechte. „Sie sind auf dem besten
Wege, Verrat an der Demokratie zu begehen“, sagte Thore Stein von der AfD
bei der Aussprache. Stein sprach von „Mecklenburg und Pommern“, die Silbe
„Vor-“ ließ er weg.
Auch wenn die Kritik der AfD an der Änderung der Geschäftsordnung nicht
zutrifft – sie erhält als größte Fraktion auch künftig die längste Redezeit
und wird nicht benachteiligt: Ein Geschmäckle hatte es schon, wie die
Fraktionen der künftigen Regierung ohne Widerspruch einer demokratischen
Partei ihre Änderung durchwinken konnten.
Möglich also, dass man die CDU in den kommenden Jahren in Schwerin noch
vermissen wird. Die neue Landtagspräsidentin Birgit Hesse schien das
bereits zu erahnen. In ihrer Dankesrede nannte sie das Scheitern der Union
an der Fünfprozenthürde eine „Zäsur“ für den Landtag, die sie sich nicht
habe vorstellen können: „Die christdemokratische Stimme wird fehlen.“
20 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Kersten Augustin
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