# taz.de -- Hermann Höllenreiner ist tot: Er hat drei KZ überlebt
> Erst schwieg er lange. Dann hielt er Vorträge über die Vernichtung von
> Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Nun ist Hermann Höllenreiner
> gestorben.
(IMG) Bild: Hermann Höllenreiner ist tot: Das Foto wurde bei einem Besuch des KZ Auschwitz-Birkenau im Jahr 2020 aufgenommen
„Ich habe nur noch nach meiner Mama geschrien. Und gebetet, dass ich wieder
heimkomme. Da hat uns der Herrgott auch nicht geholfen.“ Hermann
Höllenreiner, der von seiner Familie Mano genannt wird, erlebt 1944 sein
drittes Konzentrationslager. Er ist in Sachsenhausen eingesperrt, davor war
er in Auschwitz und Ravensbrück. Er ist ganz allein. Dabei ist der Junge
gerade einmal 11 Jahre alt. Sein „Vergehen“: Er ist deutscher Sinto, von
den Nazis als „asozialer Zigeuner“ abqualifiziert und dem Tod preisgegeben.
Doch er hat überlebt. Am Donnerstag letzter Woche ist Höllenreiner im
Kreise seiner Familie in Oberbayern gestorben, drei Tage vor seinem 93.
Geburtstag.
In den letzten beiden Jahrzehnten hatte Hermann Höllenreiner dafür
gekämpft, dass die Erinnerung an Unrecht, Verfolgung und den Mord an Sinti
und Roma nicht vergessen wird. Er hielt Vorträge, engagierte sich beim
Zentralrat der Sinti und Roma, gab Interviews. Davor hat der Mann mit der
bayerischen Mundart lange über seine Leidenszeit geschwiegen, wie so viele
rassistisch Verfolgte. Das Unrecht war nach dem Krieg schließlich nicht
verschwunden. Als „Asoziale“ wurden er und seine Familie auch in der
Bundesrepublik noch beschimpft.
Höllenreiner kommt aus München. In der Deisenhofer Straße betrieb sein
Vater ein Fuhrgeschäft und handelte mit Pferden. Früher einmal war die
Familie übers Land gefahren, doch das war da längst Geschichte. Die
Höllenreiners sind Deutsche, bis die Nationalsozialisten ihnen die
Staatsbürgerschaft entziehen. Der Vater wird 1942 aus der Wehrmacht
ausgeschlossen und muss Zwangsarbeit leisten. Sinti und Roma wie der junge
Hermann dürfen unter den Nazis kein Kino mehr besuchen und die Straßenbahn
nicht benutzen. Sie werden registriert und überwacht. Wer als „asozial“
gilt, wird in Konzentrationslager verschleppt. Ende Dezember 1942 ordnet
SS-Reichsführer Heinrich Himmler die Deportation der „Zigeuner“ an.
Im Alter konnte sich Hermann Höllenreiner gut an den Tag im März 1943
erinnern, als die Nazis zu ihrer Münchner Wohnung kamen. „In der Früh ist
alles umstellt worden. Dann ist die Gestapo gekommen“, sagte er 2016 in
einem Dokumentarfilm der ARD. Sie treffen weitere Verwandte und werden in
einen Güterwagen gepfercht. „30 bis 40 Personen in dem Waggon, das war ganz
schlimm. Wir haben kein Wasser gehabt“, sagte Höllenreiner. Nach etwa acht
Tagen erreichen sie [1][das Konzentrations- und Vernichtungslager
Auschwitz].
Hermann erhält die Häftlingsnummer Z – 3526, die ihm ein Kapo auf den Arm
tätowiert. Die Familie wird in das „Zigeunerlager“ eingewiesen, in dem
Menschen durch Zwangsarbeit bei elenden Lebensbedingungen vernichtet
werden. Tausende sterben. Der Appell war um fünf Uhr morgens, erinnerte
sich Höllenreiner. Der SS-Arzt [2][Josef Mengele macht Menschenversuche] an
jungen Sinti und Roma, auch bei Hermann: „Das war ein Teufel. Wir haben
Spritzen bekommen und Decken voller Typhusläuse. Davon haben wir die Krätze
und Flecktyphus gekriegt“, sagte er dem Journalisten Thies Marsen. Der
Massenmord im benachbarten Vernichtungslager war unter den Gefangenen ein
offenes Geheimnis. Die Kinder hätten, wenn der Schornstein dort wieder
stark rauchte, gesagt, dass jetzt wieder Menschen verbrannt würden.
[3][Im August 1944 wird das „Zigeunerlager“ in Auschwitz aufgelöst], viele
Insassen werden ermordet. Familie Höllenreiner kommt in das KZ Ravensbrück,
später ist Hermann in Sachsenhausen. Er übersteht kurz vor Kriegsende einen
Todesmarsch. Französische Leidensgenossen nehmen ihn nach der Befreiung mit
nach Frankreich, wo er in einer Pflegefamilie unterkommt. Erst als die
Tätowierung seiner Häftlingsnummer auf dem Arm entdeckt wird, beginnt die
Suche nach seiner Familie. Im Dezember 1946 kehrt Hermann Höllenreiner nach
Bayern zurück. Weit über 100 seiner Familienangehörigen sind von den
Nationalsozialisten ermordet worden.
1956 lernt Hermann Höllenreiner seine Frau Else kennen, die bis zu seinem
Tod zusammen mit der gemeinsamen Tochter bei ihm ist.
21 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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