# taz.de -- Kulturwochen Kiel über Roma und Sinti: „Wir haben noch viel zu tun, um Aufklärung zu leisten“
> Bei den Kulturwochen Kiel liegt der Fokus dieses Jahr auf Roma und Sinti.
> Da gibt es noch viel Unwissen, sagt Organisator:in Natalie Demmer.
(IMG) Bild: Viel Tanz, viel Musik bei der Gruppe Concert Romani: Die Kulturwochen Kiel blicken dieses Jahr auf Roma und Sinti
taz: Natalie Demmer, das übergeordnete Motto der [1][Kulturwochen Kiel]
lautet „Der andere Blick“. Wer blickt da auf wen?
Natalie Demmer: Wir wollen das in den Blick nehmen, was ohnehin in unserem
Alltag passiert, nämlich Migration und Zuwanderung. In Kiel, wie auch in
anderen Städten, leben Menschen aus vielen Kulturen, aber oft wissen wir
nicht viel über sie und trauen uns nicht recht, danach zu fragen. Die
Kulturwochen bieten eine Chance, sich zu treffen und kennenzulernen.
taz: Wie sind die Kulturwochen entstanden, wer steht dahinter?
Demmer: Sie sind 2014 und 2015 entstanden, als sehr viele Geflüchtete
kamen. Damals hat die Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für
Migrant*innen (ZBBS) ein Format namens „Bühne frei für Geflüchtete“
gemacht, das sehr erfolgreich war. Also haben sich ZBBS und die
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein zusammengetan, um ein
Nachfolge-Programm zu entwickeln und auch eine Förderung auf die Beine zu
stellen. Die Kulturwochen werden von der Stadt Kiel und der
Bingo-Umwelt-Lotterie gefördert, auch der Landesbeauftragte für politische
Bildung und die Brunswiker Stiftung beteiligten sich regelmäßig. Das
Konzept ist immer gleich: Wir schauen in jedem Jahr auf ein Land oder eine
Region, etwa Afghanistan, Syrien oder Eritrea.
taz: In diesem Jahr geht es um Sinti und Roma. Die Sinti sind nicht
zugewandert, sondern leben seit gut 800 Jahren in Schleswig-Holstein, die
Verfassung erkennt sie als Minderheit an. Warum haben Sie sich für diese
Bevölkerungsgruppe entschieden?
Demmer: Weil sie zwar unsere Nachbar:innen sind, wir sie trotzdem nicht
ausreichend kennen, und weil sie [2][viel Stigmatisierung erleben].
Mitglieder der Minderheit können da viele Geschichten erzählen. Neben der
Gruppe der Sinti wandern zurzeit viele Roma zu. In Kiel-Wik gab es 2024
großen Streit um Roma-gelesene Geflüchtete aus der Ukraine. Wir haben noch
viel zu tun, um Aufklärung zu leisten.
taz: Die Woche beginnt am 30. Oktober mit einer Lesung plus Konzert. Django
Galore präsentiert „den unverwechselbaren Klang des Gypsy Swing“, heißt es
im Programm. Während der folgenden vier Wochen finden mehrere
Tanz-Workshops statt. Musik und Tanz – ist das nicht ein [3][tiefer Griff
in die Sinti-und-Roma-Klischeekiste]?
Demmer: Wir als Organisator:innen bestimmen nicht den Inhalt, sondern
die Sinti und Roma selbst. Anfang des Jahres haben wir alle Akteur:innen
zur Programmplanung eingeladen. Sinti und Roma sind übrigens keine homogene
Gruppe, es gibt viele Kulturen und Communities, vertreten durch mehrere
Verbände. An den Planungen nehmen auch immer die Kieler Kulturinstitutionen
teil, etwa das Theater und das Literaturhaus. Aus dieser Runde haben sich
Ideen entwickelt. Das Programm ist breit aufgestellt.
taz: Zum Beispiel?
Demmer: Es gibt Veranstaltungen über Geschichte, [4][Rassismus gegen Sinti
und Roma], über die Erfahrung des Andersseins. Und was Klischees betrifft –
es kommt drauf an, wie man damit umgeht. In den syrischen und kurdischen
Kulturwochen gab es sehr beliebte Kochkurse, obwohl es auch ein Klischee
ist, Frauen dieser Kulturen auf die Küche zu reduzieren. Musik und Tanz
sind nun einmal ein Teil der Kultur der Sinti und Roma. Wobei ich
ausgerechnet Flamenco, dazu wird es auch einen Workshop geben, nicht mit
Sinti und Roma verbunden hätte.
taz: An wen sich richten sich die Kulturwochen, wer soll kommen?
Demmer: Das ist von Veranstaltung zu Veranstaltung unterschiedlich. Zum
Flamenco kommen die Tanzbegeisterten. Wenn Kinderbücher vorgestellt werden,
sind sicher Kinder und Eltern dabei. Viele kommen, weil sie Plakate in der
Stadt gesehen haben und Lust auf ein Konzert haben. Daneben gibt es Leute,
die die Kulturwochen lange kennen und regelmäßig teilnehmen. Darunter sind
auch die Mitglieder der Communitys, die früher im Mittelpunkt der
Kulturwochen standen. Das macht die Kulturwochen aus, dass ganz Kiel
mitfeiert.
29 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] http://kulturwochen-kiel.de/
(DIR) [2] /Rassismus-auf-dem-Wohnungsmarkt/!6203404
(DIR) [3] /Queerly-Beloved-Romnja--Sintizze/!6074158
(DIR) [4] /Jahresbericht-der-Meldestelle-/!6092942
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
## TAGS
(DIR) Kiel
(DIR) Schleswig-Holstein
(DIR) Sinti und Roma
(DIR) Antirassismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Hermann Höllenreiner ist tot: Er hat drei KZ überlebt
Erst schwieg er lange. Dann hielt er Vorträge über die Vernichtung von
Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Nun ist Hermann Höllenreiner
gestorben.
(DIR) Rassismus auf dem Wohnungsmarkt: „Passt nicht“, weil Sinteza
Die Sinteza und Aktivistin Kelly Laubinger bewarb sich auf eine Wohnung –
und erfuhr per Zufall, warum sie dafür nicht infrage kommt.
(DIR) Schutz von Sinti und Roma: Neue Regierung verzichtet auf Antiziganismus-Beauftragten
Das Familienministerium besetzt die vakante Stelle des
Antiziganismus-Beauftragten nicht nach. Ex-Amtsinhaber Daimagüler spricht
von einem „Schlag ins Gesicht“.