# taz.de -- Sinti in Ingolstadt: Das ewige Z
> Sie heißen Fröhlich, Landsberger, Höllenreiner – und sind von Auschwitz
> geprägt. Ein Besuch bei Sinti in Ingolstadt, die sich nicht mehr
> verstecken wollen.
(IMG) Bild: Familie Höllenreiner 1946. Mittlere Reihe rechts: Josef und Sophie, hinter Josef: Hugo Höllenreiner
Der Moment, in dem die Mauer der jahrzehntelangen Verdrängung in sich
zusammenfiel, kam, als Robert Berg vor zwei Jahren noch einmal in Auschwitz
war. Mit seinen beiden ältesten Söhnen, Alfons und Willi, ist er
hingefahren. Zum einen wollten sie den damals 85-Jährigen die Reise nicht
alleine machen lassen, zum anderen war es auch sein Wunsch, ihnen diesen
Ort zu zeigen. Den Ort, an den er als Vierjähriger verschleppt wurde. Aus
einem einzigen Grund: Weil er Sinto war. Also das, was sie, seine Söhne,
auch sind.
Vielleicht würden sie ja etwas verstehen, dachte Robert Berg sich. Was
genau? Schwer zu sagen. Wie viele Holocaustüberlebende hatte er es stets
vermieden, über die schlimmsten Erfahrungen seines Lebens zu sprechen.
Vielleicht, mag die Hoffnung gewesen sein, könnte der Ort nun erzählen, was
er all die Zeit nicht zu erzählen vermochte.
Auschwitz also. Zunächst habe er das Lager gar nicht wiedererkannt, sagt
Berg. Sie seien zwischen den Baracken hindurchgegangen, die bis August 1944
das sogenannte Zigeunerlager bildeten. Doch dann habe er plötzlich einen
Stacheldrahtzaun gesehen, dahinter eine weitere Baracke. „Ich komm da um
die Ecke und schau mir diese Baracke an, und auf einmal habe ich alles
wieder vor mir gesehen.“ Diese Baracke, das weiß Robert Berg in diesem
Augenblick, war die Küche für die SS. „Ich habe einen Schweißausbruch
bekommen und am ganzen Körper gezittert.“
Robert Berg wusste sofort, dass er in dieser Küche schon einmal gewesen
war. Im Winter 1943/44 war das. Da zwängte sich der Bub durch den unter
Starkstrom stehenden Stacheldrahtzaun. Bis heute ist es ihm ein Rätsel, wie
er das geschafft hat. Hätte er einen der Drähte berührt, wäre es sein Tod
gewesen. Aber die Anziehungskraft des Essensdufts von der anderen Seite war
zu stark. Für die Häftlinge gab es schließlich nur ein bisschen Brühe und
einen Kanten Brot zu essen. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben.
Hinter dem Zaun waren es nur wenige Meter bis zur Küche, ein Fenster stand
offen, sie war leer. Robert kletterte hinein, auf dem Herd stand ein Topf
mit großen Fleischstücken darin. Er fand eine Gabel und einen Jutesack und
stopfte so viel Fleisch hinein, wie er tragen konnte, als plötzlich ein
Wachmann hinter ihm stand.
„Ich glaube, es war ein Pole. Er hat mich gefragt, was ich hier mache, und
ich habe gesagt, dass ich Hunger habe. Dann hat er mir eine Ohrfeige
gegeben und gesagt: Komm nie wieder, sonst erschießen sie dich.“ Daraufhin
hat er den Fünfjährigen zurückgeschickt – mit dem Sack. In der Baracke, in
der sie untergebracht waren, gab Robert das Fleisch seiner Mutter. „Da sind
die anderen Häftlinge auf meine Mutter zugekommen wie die wilden Tiere. Sie
wollten auch etwas haben. Aber es war natürlich viel zu wenig.“
Am Ende verriet einer der Mithäftlinge die Mutter. Zur Strafe musste sie
die ganze Nacht in ihrer dünnen Kleidung draußen im Schnee stehen. Robert
hörte sie dort wimmern. Jahre später mussten ihr als Folge der Erfrierungen
ein Bein sowie Finger und Zehen amputiert werden.
„Ich habe einen richtigen Schlag bekommen, als ich die Küche wiedergesehen
habe“, erzählt Berg. „Noch heute habe ich Albträume und kriege im Schlaf
Schweißausbrüche. Nie wieder möchte ich dort sein.“
Während er erzählt, sitzt Robert Berg in einer Küche im oberbayerischen
Ingolstadt und gibt noch einen Löffel Zucker in seinen schwarzen Kaffee.
Für seine 87 Jahre ist er in sehr guter Verfassung. Noch immer geht er
seiner Arbeit nach. Schrotthändler sei er, eigentlich hätte er heute noch
eine Fuhre Alteisen aus Stuttgart holen sollen, sagt er, aber sein Fahrer
sei ihm ausgefallen.
Die Küche, in der Berg sitzt, ist nicht die seine. Auch der Nachname Berg
ist nicht der seine. Er lädt keine Fremden zu sich nach Hause ein. Und
seinen echten Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Robert
Berg will, dass seine Geschichte gehört wird, aber selbst möglichst nicht
gesehen werden.
Damit ist er nicht allein. Immer mehr Sinti wollen an die Öffentlichkeit
gehen, ihre Geschichten erzählen. Und zugleich setzen viele darauf, dass
ihnen ein Leben in der Verborgenheit ein wenig Sicherheit gibt. Nur nicht
auffallen. Aber das ändert sich nun langsam.
Die Küche, in der Berg sitzt, ist die von [1][Agnes Krumwiede], einer
Ingolstädter Politikerin und Pianistin. Die 49-Jährige, die von 2009 bis
2013 für die Grünen im Bundestag saß, ist längst die wichtigste
Ansprechpartnerin der Sinti in Ingolstadt geworden, ein Bindeglied zur
Mehrheitsgesellschaft. Ihr vertrauen sie.
## Eine engagierte Grüne
Krumwiede ist in Ingolstadt aufgewachsen, einer Stadt, die sich lange sehr
schwertat mit dem Erbe der Nazidiktatur – vielleicht schwerer als andere.
Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass man sich nach langen Debatten
dazu durchringen konnte, dem überaus einflussreichen [2][Verleger Wilhelm
Reissmüller, einst ein höchst engagierter Nazi, posthum die
Ehrenbürgerwürde zu entziehen].
Agnes Krumwiede stammt aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus,
interessierte sich schon früh für die Zeit des Nationalsozialismus. Ihr
erstes Referat am Gymnasium, einer Klosterschule, hielt sie mit zwölf
Jahren über die Geschwister Scholl. Zu einer Zeit, als ihre
Religionslehrerin den Schülerinnen noch erklärte, dass Homosexuelle in die
Hölle kämen und ihr Geschichtslehrer Alfred Schickel überregional von sich
reden machte, [3][weil er als rechtsradikaler Historiker die Opferzahlen
des Holocaust infrage stellte]. Das war Ende der 80er Jahre.
Als sich Krumwiede im Jahr 2020 an der Organisation einer
Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung beteiligte,
stieß sie bei ihrer Recherche auch auf die Namen zahlreicher Ingolstädter
Sinti-Familien, lernte Holocaustüberlebende, vor allem aber deren
Nachfahren kennen.
Seit 2021 recherchiert sie auf einer Projektstelle zu den Opfern des
Nationalsozialismus der Stadt, im Winter 2023/24 folgte eine Ausstellung
über Sinti und Roma in Ingolstadt, Ende 2025 dann die [4][Veröffentlichung
des Bandes „Gefangen in der NS-Vergangenheit“]. Dass sich Menschen wie
Robert Berg inzwischen geöffnet haben, hat auch mit ihr zu tun.
## Erst Wehrmacht, dann Deportation
Berg besucht inzwischen regelmäßig Schulklassen, erzählt dort seine
Geschichte. Schließlich ist er einer der letzten Sinti, die den Holocaust
erlebt haben. Andere Sinti, die sich ebenfalls in Ingolstadt niedergelassen
hatten, sind längst verstorben. [5][Hugo Höllenreiner etwa, einer der
ersten, die an die Öffentlichkeit gegangen sind,] oder auch Karl Fröhlich.
Über beide wird noch zu sprechen sein.
Wenn Berg jetzt von früher erzählt, spricht er über seine ersten
Kindheitserinnerungen, damals noch in Berlin-Treptow. Direkt an der Spree
hätten sie gewohnt, sein großer Bruder sei manchmal in einer alten
Badewanne mit ihm ans gegenüberliegende Ufer gepaddelt.
Er erinnert sich auch an die Besuche seines Vaters, der bei der Wehrmacht
war. Wie dieser ab und zu stolz in seiner Uniform nach Hause gekommen sei.
Aber auch daran, wie man der Familie im März 1943 gesagt habe, sie bekomme
jetzt eine neue Wohnung. Dann brachte man sie zum Bahnhof.
Natürlich gab es keine neue Wohnung. Stattdessen wurde Bergs Mutter mit
ihren sechs Kindern im Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Als sein Vater
unter Kameraden einmal beklagte, dass er für die Deutschen kämpfe, während
diese seine Familie ins KZ gebracht hätten, wurde er denunziert und
ebenfalls nach Auschwitz deportiert.
Wenn die Schüler ihn darum bitten, und das tun sie meistens, krempelt
Robert Berg den linken Ärmel hoch, zeigt seine Tätowierung: Z-5648 lautet
die Nummer. Z wie „Zigeuner“.
Manchmal muss er weinen. Zum Beispiel, wenn er von drei seiner Geschwister
erzählt, die in Auschwitz an Typhus gestorben sind. Oder vom Vater, der im
Herbst 1944 von der Familie getrennt und nach Bergen-Belsen gebracht wurde,
wo er unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Überlebt haben den
Holocaust lediglich die Mutter und vier Kinder. Das jüngste von ihnen,
Roberts Schwester Helga, war noch kurz vor der Befreiung auf die Welt
gekommen. Nach Jahren [6][im Displaced Persons Camp in Bergen-Belsen] kam
Robert dann zu den Großeltern, die in Bayern als Schausteller die Nazizeit
überstanden hatten.
Wenn ihm bei seinen Besuchen in Schulklassen die Tränen kommen, ist ihm das
immer sehr unangenehm. Als ob er es wäre, der sich schämen müsste. Aber so
ist das mit der Scham. Sie befällt nur allzu gern die Falschen.
Von den deutschen Sinti und Roma überlebten gerade mal 5.000 die Nazis,
viele von ihnen zwangssterilisiert. Für sie war es in der jungen
Bundesrepublik schwer, als rassistisch Verfolgte anerkannt zu werden. Der
Bundesgerichtshof entschied in einem Skandalurteil von 1956, dass die
Betroffenen sich die Verfolgung zumindest bis zum Beginn der massenhaften
Ermordungen im März 1943 selbst zuzuschreiben hätten – durch „eigene
Asozialität, Kriminalität und Wandertrieb“. Erst 1963 wurde diese Haltung
revidiert.
1982 wurde der Völkermord durch die Bundesrepublik offiziell anerkannt.
Heute leben in Deutschland geschätzt wieder 60.000 Sinti.
Die Erfahrung des Holocausts hat alle Sinti geprägt, egal welcher
Generation sie angehören. Jeremy Landsberger etwa, 34 Jahre alt. Er kann
davon erzählen, wie Erich Landsberger, der Großvater seiner Mutter, Opfer
der brutalen Menschenversuche von Josef Mengele wurde. Oder wie Karl
Fröhlich, der Großvater väterlicherseits, sechs Jahre lang von einem KZ ins
nächste kam, nachdem er mit 15 Jahren als „Arbeitsscheuer“ verhaftet wurde
– ironischerweise an seinem Ausbildungsplatz in einer Gärtnerei.
Und wie dieser wenige Tage vor Kriegsende im letzten Moment fliehen konnte,
als ihn die SS mit Tausenden anderen Häftlingen auf einen von drei
Passagierdampfern in der Lübecker Bucht bringen wollte. Die Schiffe wurden
wenig später von den Briten versenkt, die deutsche Truppen an Bord
vermuteten.
## Drei Jahre im Massengrab gestanden
Auch Laura Höllenreiner, 39, und ihr Sohn Wesley, 15, können von ihrem
Großvater respektive Urgroßvater Hugo Höllenreiner berichten; Laura ist bei
ihm aufgewachsen. Er sei der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen, sagt
sie. Normalerweise habe er nie kurze Hosen getragen, aber einmal habe sie
seine Beine sehen können, total vernarbt bis zu den Knien. Als Kind habe
ihr Vater in Auschwitz bei der Entsorgung der Leichen mithelfen müssen.
„Drei Jahre lang ist er bei eisiger Kälte barfuß im Massengrab gestanden.
Und oft ist er ausgerutscht, hingefallen, und da hat er sich an den Zähnen
der Leichen geschnitten.“
36 Familienmitglieder haben die Höllenreiners in Auschwitz verloren. Und
das sind nur diejenigen, die auch tatsächlich Höllenreiner hießen. Auf
einer Tafel in der Gedenkstätte hat Wesley sie gezählt.
Auch diese Geschichte könnten die Höllenreiners erzählen: Im Lager hatte
Hugo einen besten Freund. Mit ihm hat er Ball gespielt. Den Ball hatten sie
sich aus ein paar Lumpen gebastelt. Als er einmal in die Nähe des Zauns
flog, lief der Freund hin, um ihn zu holen. Hugo Höllenreiner wollte ihn
noch abhalten, denn es war verboten, in die Nähe des Zaunes zu gehen. Ein
Schuss fiel. Der Junge lief noch zurück zu Hugo Höllenreiner – und brach
zusammen. Er starb in den Armen des Freundes.
„Als dann mein Großvater 2015 gestorben ist“, sagt Laura Höllenreiner,
„habe ich mir vorgestellt, wie er jetzt in den Himmel gekommen ist und der
Freund als erster auf ihn zugelaufen ist.“
Ja, die Ingolstädter Sinti können viel von der Vergangenheit erzählen. Aber
sie wollen auch über die Gegenwart sprechen. Eine Gegenwart, in der Sinti
in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommen. Auch, weil sie es oft
selbst bewusst vermeiden. Aber Menschen wie Jeremy Landsberger wollen sich
nicht mehr verstecken.
Man trifft ihn in einem fünfstöckigen Mietshaus unweit des Ingolstädter
Nordbahnhofs. Hier, im zweiten Stock, wohnen seine Eltern. Jeremy sitzt mit
seinem Vater, Jakob Fröhlich, auf dem beigefarbenen Ledersofa und erklärt,
warum er das lange Schweigen endlich brechen will. Im Hintergrund hört man
die Unterhaltungen weiterer Familienmitglieder, Schwestern, Schwager,
Nichten, Cousins, Neffen, die Mutter; es ist eine große Familie. Die
Fröhlichs zählen zu den größten Sinti-Familien in Deutschland. Allein Karl
Fröhlich, heißt es, habe rund 100 Enkel.
Es gibt Spezi und Wasser. Auf dem gefliesten Boden liegt ein Perserteppich,
der Wohnzimmertisch ist aus Glas. Rundherum an den Wänden eine Vitrine, ein
gigantischer Fernseher und mehrere Gemälde mit goldenem Rahmen, auch eines
von Karl Fröhlich. Typischer Sinti-Style, sagt Landsberger. „Dieser Mix aus
Altmodischen und Modernem, uns gefällt so etwas.“
## „600 Jahre sollten genug sein“
Er suche mittlerweile die Öffentlichkeit, sagt Jeremy Landsberger, weil er
etwas verändern wolle. „Wir sind lange genug ruhig geblieben.“ Viele
trauten sich einfach nicht, sich als Sinti zu erkennen zu geben. Sie
behaupteten dann beispielsweise, italienische Wurzeln zu haben. „Ich möchte
dazu beitragen, dass die Leute erkennen, dass wir hier seit 600 Jahren
dazugehören. Was ist das Kriterium, dass man sich als deutsch betiteln
darf? Ich meine, 600 Jahre sollten genug sein.“
Dennoch behält auch er es hin und wieder für sich, dass er Sinto ist. Zum
Beispiel, wenn er im Geschäft seines Vaters, einer Goldstube, aushilft.
„Einmal kam da von einer Kundin wieder diese typische Frage: ‚Sie sind aber
kein Deutscher, gell?‘ Und da habe ich gedacht, jetzt probiere ich es mal.
Ich habe gesagt: Ich bin Sinto. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schnell
die Frau ihren Schmuck genommen und den Laden verlassen hat. Wortlos.“
Jeremy Landsberger hatte in seinem Leben auch immer wieder mit Bedrohungen
zu tun, mit rassistischen Beschimpfungen. Und selbst wenn es manchmal nur
unterbewusst oder vermeintlich scherzhaft sei, würden Sinti immer wieder
als Menschen zweiter Klasse eingestuft. „Oder sie stellen uns gleich als
asoziale Zigeuner hin, die von Haus zu Haus gehen und die Leute beklauen.“
Und dann gibt es diesen einen Satz, der immer wieder fällt: „Euch hat man
vergessen zu vergasen.“ Als Teenager habe ihm das mal ein Gleichaltriger
zugerufen, berichtet Jeremy Landsberger. Es kam zu einer Schlägerei, die
Sache landete vor Gericht. Was Landsberger am meisten schmerzte: dass der
Richter über den Spruch hinweggegangen sei und vor allem kritisiert habe,
dass Landsberger den anderen nach der Beleidigung als „Nazi“ beschimpft
habe. Das tue man doch nicht.
Wesley Höllenreiner erzählt, wie er mit seiner Mutter Laura an einem
Sonntagnachmittag in ihre Lieblingsgaststätte gehen wollte. Der Pächter
hatte vor Kurzem gewechselt. Als sie ankamen, sagte ihnen eine Kellnerin,
es sei nichts frei. Als Laura Höllenreiner darauf hinwies, dass draußen
noch viele freie Tische seien, kam der Wirt und sagte nur, sie sollten
jetzt gehen. „Wir wollen eure Sippschaft hier nicht haben.“
Es gibt natürlich auch andere Erfahrungen. Der 15-jährige Wesley erzählt,
wie er in seiner Klasse auf Neugier statt auf Ablehnung stößt. „Manche
Schulfreunde haben gar nicht gewusst, dass es Sinti und Roma gibt, und
haben mich gefragt, was das ist.“ Im Sommer 2024 hat ein Filmteam [7][eine
halbstündige Dokumentation über Wesley gedreht], ihn dafür bei seinem
Besuch in Auschwitz begleitet. Der Film wird für die politische Bildung
benutzt. Wesley schlug später vor, ihn mit der Klasse anzusehen. Das habe
noch mehr Verständnis bei den Mitschülern geweckt, eine Klassenkameradin
habe geweint.
Manchmal ist es nicht mehr einfach, zu unterscheiden, was die Ausnahme ist
und was die Regel. Es hat sich etwas geändert in Deutschland, da sind sich
auch die Sinti in Ingolstadt einig. Klar habe man Angst. Das sagt Laura
Höllenreiner. Das sagt Jeremy Landsberger. Das sagt Robert Berg. Und Jakob
Fröhlich sagt, man könne bei manchen Reden von AfD-Politikern förmlich „den
Hitler raushören“.
Laura und Wesley Höllenreiner haben es sich zur Aufgabe gemacht, an die
Verbrechen zu erinnern, die die Nazis an Sinti und Roma begangen haben.
Schon als Kind hat Laura ihren Großvater oft begleitet, wenn er durch die
Schulen gezogen ist, so wie heute sein Freund Robert Berg. Er war schon um
die 60, als er damit begann. Heute sagt seine Enkelin: „Ich will das
bezeugen, solange ich lebe, was meine Leute mitgemacht haben in der
Lagerzeit.“
Seit knapp einem Jahr gibt es in Ingolstadt eine Hugo-Höllenreiner-Straße.
Der Benennung ging eine jahrelange Diskussion voraus. Es ist eine schöne
Straße. Viele Bäume, direkt an der Donau. Für Laura und Wesley ist es eine
große Befriedigung. Ein Stück mehr Sichtbarkeit.
Bei der Vorstellung des Buches von Agnes Krumwiede hat Jeremy Landsberger
über seinen Großvater Karl Fröhlich gesprochen. Er und seine Familie
wünschen sich, dass auch nach ihm eine Straße benannt wird. Grüne und Linke
haben im Stadtrat bereits einen entsprechenden Antrag gestellt. Es solle
eine Straße sein, so Landsberger bei der Veranstaltung, die nicht nur
seinen Namen trage, sondern das Unrecht sichtbar mache, das ihm und vielen
anderen widerfahren sei. „Ich bin überzeugt: Wenn eines Tages Menschen
durch eine Straße mit seinem Namen gehen oder fahren, werden einige von
ihnen fragen: Wer war Karl Fröhlich? Und das ist eine wichtige Frage.“
2 Aug 2026
## LINKS
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