# taz.de -- Kolonialismus-Gedenkort: An der Basis vorbei
       
       > Der geplante Gedenkort für die Opfer des Kolonialismus könnte nach Bremen
       > kommen. Mit den lokalen Aktivist*innen wurde aber noch nicht geredet.
       
 (IMG) Bild: Einweihung des „Kolonialkriegsdenkmals“ in Bremen 1932, auf der Bühne General Paul von Lettow-Vorbeck in Kolonialuniform
       
       Im Inneren des begehbaren Backstein-Elefanten ist es dunkel. Kaum Licht
       dringt in die Krypta, die sich im Fußteil des [1][Antikolonialdenkmals im
       Bremer Nelson-Mandela-Park] befindet. 1932 feierlich eingeweiht, sollte das
       „Kolonialehrendenkmal“ die blutige koloniale Täterschaft der Stadt
       verherrlichen.
       
       Der Bremer Kaufmann Alfred Lüderitz war es, der Ende des 19. Jahrhunderts
       mit betrügerischen Verträgen Land im heutigen Namibia erwarb. 1884 wurde
       „Deutsch-Südwestafrika“ zur ersten deutschen Kolonie. Lüderitz ebnete damit
       den Weg für den Genozid an den Herero und Nama, bis 1908 wurden 100.000 von
       ihnen von deutschen Kolonialsoldaten ermordet.
       
       1988, nach mehr als einem Jahrzehnt zivilgesellschaftlichem Ringen, wurde
       der Elefant zum Anti-Kolonial-Denkmal. „Der 10 Meter hohe Elefant ist nicht
       nur der größte, sondern auch der einzige Ort, der in Deutschland offiziell
       dem Gedenken an die deutschen Kolonialverbrechen gewidmet ist“, sagt der
       Bremer Grünen-Politiker Ralph Saxe, Vorsitzender des Vereins „Der
       Elefant!“, der sich seit 2011 um die Instandhaltung des Gedenkorts kümmert.
       
       Saxe, seit Anfang des Jahres auch Vizepräsident der Bremischen
       Bürgerschaft, hatte im Sommer [2][vorgeschlagen], Bremen mit Bremerhaven
       zum Standort für den von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer geplanten
       „Erinnerungsort Kolonialismus“ zu machen, mit dem Elefanten als
       Bezugspunkt.
       
       ## Entscheidung für Bremen
       
       Tatsächlich hieß es dann Ende September, Weimer habe die [3][Entscheidung
       für Bremen] im Kulturausschuss des Bundestages verkündet. Weimers
       Pressestelle dementierte die Nachricht kurze Zeit später: Der
       Kulturstaatsminister führe noch Gespräche mit dem Land Bremen und dem
       städtischen Übersee-Museum. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.
       
       Im Vorfeld hatte Weimer betont, ein Kriterium für die Standortentscheidung
       sei eine lebendige Zivilgesellschaft, die sich mit der Aufarbeitung des
       Kolonialismus befasse. Genau diese Zivilgesellschaft ist in Bremen jedoch
       gar nicht glücklich mit dem Vorgehen des Kulturstaatministers. Sie seien
       „irritiert bis empört“ darüber, wie der derzeitige Prozess ablaufe, sagt
       die Kulturwissenschaftlerin Lilli Hasche von der Initiative „Walle
       entkolonialisieren!“, die sich unter anderem für die Umbenennung von
       Straßennamen engagiert.
       
       Als es Ende September hieß, dass die Entscheidung für Bremen bereits
       gefallen sei, organisierte [4][die Aktivistin Virginie Kamche vom
       Afrika-Netzwerk Bremen] ein Treffen mit dem Netzwerk bremen.global, einem
       Dachverband von über 30 entwicklungspolitischen Initiativen und Vereinen.
       Gemeinsam habe man sich darüber austauschen wollen, was man nur aus den
       Medien mitbekam, sagt Kamche. „Es war uns wichtig, nicht nur Menschen aus
       Vereinen und anderen Initiativen zu erreichen, sondern auch die
       afrikanische Diaspora.“
       
       Kamche engagiert sich seit über zehn Jahren in der dekolonialen Community
       von Bremen. Seit 2017 ist sie hauptamtliche Eine-Welt-Promotorin für
       Migration, Diaspora und Entwicklung, seit März diesen Jahres zudem
       Vorsitzende des Bremer Landesdekolonialisierungsbeirats, der Verwaltung und
       Politik bei der Entkolonialisierung gesellschaftlicher Strukturen beraten
       soll.
       
       Weder als Vorsitzende des Beirats, noch in einer anderen ihrer Funktionen
       wurde Virginie Kamche bislang vom Kulturstaatsminister auf den geplanten
       Gedenkort zum Kolonialismus angesprochen. Dabei sei es wichtig, dass die
       Stimmen von Communitys deutschlandweit gehört werden, sagt sie. „Das sind
       Menschen, die immer noch von den Folgen von Kolonialismus betroffen sind.
       Wenn niemand mit uns spricht, dann ist das eine Form von kolonialer
       Kontinuität.“
       
       Mit Akteur*innen aus der dekolonialen Community Hamburgs und Berlins
       habe man sich in den vergangenen Wochen zusammengeschaltet, sagt Kamche –
       auch diese Städte sind als Standorte für einen kolonialen Gedenkort im
       Gespräch. Die Frustration über den derzeitigen Prozess sei dort groß
       gewesen.
       
       Die Idee, endlich einen nationalen Erinnerungsort für die Aufarbeitung
       deutscher Kolonialverbrechen zu errichten, ist nicht neu: Bereits die
       Ampelkoalition hatte in ihrem Koalitionsvertrag von 2021 einen „Lern- und
       Erinnerungsort Kolonialismus“ vorgesehen. Weimers Vorgängerin Claudia Roth
       plante sogar, den Kolonialismus in die deutsche Gedenkstättenkonzeption
       aufzunehmen.
       
       Bei dem von Weimer Ende 2025 vorgelegten Gedenkstätten-Konzept geht es
       dagegen wieder nur um die NS-Diktatur und das SED-Unrecht. Für die
       Aufarbeitung des Kolonialismus kündigte der Kulturstaatsminister ein
       eigenes Konzept an. Auf das wird seither gewartet. Laut einer
       Pressemitteilung von Ende September soll das Papier „im Herbst diesen
       Jahres“ vorlegt werden, also sehr bald.
       
       Wie der im Koalitionsvertrag angedachte „würdige Erinnerungsort“ aussehen
       soll, ist bislang noch offen. „Es kann nicht darum gehen, irgendwo ein
       Denkmal oder ein Archiv hinzustellen“, sagt der Jurist und Mitbegründer des
       Bremer Afrika-Archivs, Manfred Hinz. Seit den 1970ern engagierte sich Hinz
       in der Aufarbeitung der Bremer Kolonialgeschichte. Nachdem Namibia 1990 die
       Unabhängigkeit von der südafrikanischen Besatzung erlangt hatte, wirkte er
       auch an der Vorbereitung der Verfassung des jungen Staates mit.
       
       Er sehe es so, dass der Kolonialismus noch nicht vorbei sei, sagt Hinz: „Er
       lebt in unseren Köpfen fort. Und auch in den ehemalig kolonialisierten
       Ländern sind die sozialen und politischen Folgen noch immer präsent.“
       
       ## Ort der Begegnung
       
       Virginie Kamche versucht derweil nach vorne zu blicken. „Wir machen uns
       nicht nur in Bremen, sondern auch mit Hamburg und Berlin bereits Gedanken,
       wie wir uns einen Gedenkort vorstellen.“ Es soll ein Ort der Begegnung
       werden, der dazu aufrufe, sich mit kolonialen Abhängigkeiten und
       rassistischen Strukturen auseinanderzusetzen.
       
       Irgendwann würden sie mit ihren Vorstellungen auch nach außen gehen, sagt
       Kamche. „Ich will nicht schon wieder, dass für uns, über uns, ohne uns
       geredet wird.“
       
       31 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Offener-Brief-zur-Dekolonisierung/!5973953
 (DIR) [2] https://gruene-bremen.de/2026/08/10/nationale-gedenkstaette-und-dokumentationszentrum-zum-kolonialismus-in-bremen-und-bremerhaven-ansiedeln/
 (DIR) [3] /Weimer-kolonisiert-Kolonialgedenken/!6217386
 (DIR) [4] /Afrika-Netzwerkerin-ueber-die-Diaspora/!5866916
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anouk Boelsen
       
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