# taz.de -- Faschisierung und digitale Boheme: Das nächste richtig große Ding
> Gibt es eine Verbindung zwischen digitaler Boheme und Faschisierung durch
> soziale Medien? Das neue Buch von Simon Strick kann in die Magengrube
> treffen.
(IMG) Bild: Joachim Lottmann im Jahr 2002
Der Tod des Schriftstellers [1][Joachim Lottmann] kann einen dazu bringen,
in die Archive des Internets hinabzusteigen. Die Plattform Wir höflichen
Paparazzi, bei der Lottmann Protagonist war, Freund für die einen,
Abgrenzungsfigur für die anderen; von diesem frühen sozialen Medium
ausgehend die Zentrale Intelligenz Agentur – eine Zeit der Experimente, wie
Textproduktion und Internet zusammen funktionieren können.
Eine Zeit auch, in der man bei dem Wort Mitte nicht an bröckelnde große
Koalitionen dachte, sondern an Berlin-Mitte und dabei nicht nur an
Flagship-Stores, sondern an Labor Berlin und [2][Digitale Boheme.] Lange
her.
Wenn man das alles einmal wieder im Kopf hat, kann einen [3][Simon Stricks
Buch „Faschisierung. Fluchtlinien des Digitalen“] (Suhrkamp) übel in die
Magengrube treffen. Was der Medienwissenschaftler beschreibt, ist eh schon
brisant. Die Faschisierung kommt, so seine These, nicht von außen und auch
nicht von extremistischen Rändern her in die Gesellschaft hinein, sondern
sie steckt längst im Inneren, angetrieben durch die sozialen Medien
nämlich, von ihren eskalierenden Tendenzen, die antagonistische
Verkürzungen mit Resonanz belohnen.
Trump brauchte diese Tendenzen, so diese Lesart, nur in die politische
Sphäre zu übertragen.
## Mit Unschuld zelebriert
Wenn dieser Befund stimmt, muss man dann aber nicht auch noch einmal neu
über die digitale Boheme nachdenken? Keineswegs in dem verkürzenden Sinn,
dass sie als terrainsondierende Vorform des digitalen Sendens eine Art
unfreiwilliger Vorläufer der gegenwärtigen autoritären Tendenzen wäre.
Aber womöglich analog zur avancierten Gentrifizierungsanalyse, nach der
bohemistische Kader die Pioniere der Gentrifizierung darstellen, indem sie
Wohnviertel attraktiv machen, bevor dann die kapitalstarken Investoren
kommen. Nach dieser Lesart wäre die digitale Boheme also Pionier der
Faschisierung gewesen? Also etwa: Erst suchte man in Berlin-Mitte das
nächste große Ding, dann kamen Musk und Meta und räumten die
Kapitalisierung ab.
Jedenfalls liest man einen Satz wie „die härteste Pointe und das rigorosere
Urteil regierten“, mit dem Holm Friebe im Wikipedia-Eintrag zu den
Höflichen Paparazzi zitiert wird, inzwischen mit ambivalenten Gefühlen.
Stimmt wohl, dass das in den Nullerjahren mit viel Unschuld zelebriert
wurde. Inzwischen machen Autokraten, Tech-Milliardäre und
Trigger-Journalisten harte Pointen und rigorose Urteile aber erst zum
richtig großen Ding.
Der Unterschied zur digitalen Boheme ist: In den Nullerjahren verband das
Internet konkrete Personen miteinander, es gab analoge Rückkopplungen in
Kneipen, ein realer sozialer Zusammenhang wurde gestiftet (dabei allerdings
zwischen Teilnehmern und Zuschauern unterschieden). Das ist inzwischen sehr
anders. Simon Strick beschreibt die sozialen Medien als sich längst
verselbständigte Maschine, die die Öffentlichkeit formatiert und damit
Realität setzt – und eigentlich weiß man das ja auch, man weiß nur nicht,
wie man da wieder rauskommt.
Auf jeden Fall muss man wohl beizeiten Trauerarbeit über verlorene Unschuld
leisten.
2 Nov 2026
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