# taz.de -- Porträt der Künstlerin Susanne Ahner: Das Gedächtnis in den Dingen
       
       > Susanne Ahner arbeitet oft mit dem, was übrig bleibt im Alltag. In Berlin
       > ist ihr „Marmorpalais“ im Verein der Berliner Künstlerinnen zu sehen.
       
 (IMG) Bild: Susanne Ahners „Marmorpalais“ im Verein der Berliner Künstlerinnen
       
       Stein wiegt schwer. Aber nicht bei Susanne Ahner. Da sind es nur kleine
       Zettelchen, lapidar an die Wand geklebt, die eine Typologie der
       Marmor-Gesteine verzeichnen, mit Herkunft und Farben genannt, etwa:
       Namibian Green/grün/Namibia. Dieser grüne Marmor könnte durchaus dabei sein
       in den Bruchsteinplatten, die Ahner auf dem Fußboden im Projektraum des
       Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867 (VdBK 1867) verlegt hat: allerdings
       nur im fotografischen Abbild, als quadratische Fotokacheln.
       
       Die Bilder machte die 1960 in Bremen geborene Künstlerin in ihrem
       Elternhaus. Beide Eltern waren Bildhauer mit guten Kontakten zu
       Steinlieferanten. Vieles in ihrem Haus, das die Mutter Ingeborg Ahner-Siese
       Ende der 1950 Jahre entworfen hatte, legten sie mit eigener Hand an, wie
       die Fußböden aus den Bruchstücken, Resten der Marmorindustrie.
       
       Die Arbeit mit den Resten, dem Übriggebliebenen, mit Fundstücken des
       Alltags: Das ist ein entscheidendes Element im Werk von Susanne Ahner. Sie
       werden zum Material der Erinnerung, aber auch zur Verknüpfung von
       Vergangenheit und Gegenwart. Im Projektraum des VdBK 1867 nehmen die
       Fotofliesen die Anordnung des vorhandenen grauweißen Marmorbodens auf, noch
       aus der Zeit, als hier ein Antiquitätenladen war.
       
       Minimalistisch ist die Ausstellung und legt eine ironische Distanz ein zum
       opulenten Titel – „Marmorpalais (Himmel und Hölle)“ –, der an das
       Versprechen von Repräsentation und Luxus erinnert, das mit Marmor verbunden
       ist. Dazu passt ein müde und braun gewordener Lorbeerkranz an der Wand. Als
       er noch grün war, 2002, war er ein Requisit bei der Verleihung des
       [1][Marianne-Werefkin Preises, den Ahner vom VdBK 1867 erhielt.]
       
       In ihrem Umgang mit den Resten liegt etwas von Demut und Respekt gegenüber
       den alltäglichen Dingen. Sie reflektiert damit, wie wir uns unsere Welt
       gestalten, setzt Zäsuren im beschleunigten Verbrauch der Ressourcen und
       würdigt dabei nicht zuletzt die Ästhetik, die in funktionaler Gestaltung
       steckt.
       
       Seit vielen Jahren arbeitet Ahner mit der Künstlerinnengruppe Endmoräne,
       die jedes Jahr Orte im ungewissen Übergang zwischen Vergangenheit und
       Zukunft bespielt, eine verfallende [2][Papierfabrik in Eberswalde] etwa,
       ein leerstehendes Gutshaus, einen ehemaligen Bahnhof. Fast immer findet
       Susanne Ahner dort etwas Zurückgelassenes, ein leicht zu übersehendes
       Detail, mit dem sie dem Ort Geschichten und Stimmen gibt.
       
       1986, sie hatte ihr Bildhauerstudium an der Hochschule der Künste gerade
       abgeschlossen, erhielt sie für sechs Monate ein Stipendium für Paris. Das
       war eine Zeit der Befreiung von Erwartungen, von den Bildhauer-Eltern und
       vom figürlichen Programm. Dort, erinnert sie sich, begann sie Umgebungen zu
       erkunden, den Materialien ihre Geschichten abzulauschen.
       
       ## Gedenken ohne Pathos
       
       Susanne Ahner ist in vielen Zusammenschlüssen von Künstlerinnen aktiv, die
       ihre Ausstellungen selbst organisieren, Förderungen beantragen, an eigenen
       Plattformen arbeiten: eben im VdBK 1867, auch in der Gedok, bei Endmoräne.
       Sie hat an der Universität der Künste in Berlin und in Erfurt gelehrt.
       
       In Berlin hat sie seit Beginn der 1990er Jahre an vielen Wettbewerben für
       Kunst am Bau und Gedenken im öffentlichen Raum teilgenommen. Realisiert
       wurde etwa in Berlin-Pankow der elegant geschwungene Schriftzug „Garbaty“,
       der an den jüdischen Firmengründer der [3][Garbaty-Cigarettenfabrik]
       erinnert. Er war in sozialer Hinsicht ein vorbildlicher Arbeitgeber.
       
       Dazu gehört in Potsdam-Babelsberg der Willi-Frohwein-Platz: [4][Willi
       Frohwein war ein Auschwitz-Überlebender], der als Zeitzeuge an Berliner
       Schulen von Ausgrenzung, Verfolgung und dem Leben in Konzentrationslagern
       erzählte und die Jugendlichen mit seinem Ton zu packen wusste. Sätze von
       ihm sind in die Begrenzungen des Platzes eingelassen und in hohe
       Stuhlformen. Die Buchstaben sind ausgestanzt, beim Lesen sickert die
       Umgebung in die negativen Formen.
       
       Diesen Gedenkort, der zum Weiterforschen anregt, hat die Künstlerin
       zusammen mit Schüler:innen des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums entwickelt.
       Teil davon ist eine Website, auf der man die Stimme Frohweins, der 2009
       starb, noch einmal hören kann. Bei diesen Arbeiten ist die Erinnerung
       Auftrag, den Susanne Ahner ohne Pathos und mit zurückhaltenden Formen
       aufnimmt.
       
       4 Nov 2026
       
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