# taz.de -- Vögel in der Stadt: Wenn Glasfassaden den Tod bedeuten
       
       > Der Weltnaturschutzgipfel in Jerewan befasst sich auch mit der Stadt als
       > Lebensraum. Einfache Maßnahmen können ihn für Vögel sicherer machen.
       
 (IMG) Bild: Die zwei größten Gefahren der Vogelpopulation: Glasfassaden und Katzen
       
       Auch die Stadt als Lebensraum steht [1][auf der Agenda des
       UN-Naturschutzgipfels in Jerewan.] Das Umsetzungswerk des UN-Übereinkommens
       zur Biodiversität nennt als „Ziel 12“, Grünflächen auszuweiten und die
       Stadtplanung im Hinblick auf das menschliche Wohlbefinden und die
       Biodiversität zu verbessern. Das können Maßnahmen im Rahmen eines
       „Schwammstadt-Konzepts“ sein, in dem Flächen entsiegelt und Wasserspeicher
       angelegt werden, oder auch Projekte zur Dach- und Fassadenbegrünung.
       
       „Ein sehr einfacher Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt ist es,
       Glasfassaden vogelsicher zu gestalten“, sagt Marten Winter, Wildtierökologe
       am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (Idiv) in
       Leipzig. Vögel nehmen Glasscheiben nicht als Hindernis wahr. Vor allem
       große Scheiben, Eckverglasungen, Bushaltestellen oder Wintergärten sind
       gefährlich. Die Vögel sehen in ihnen den sich spiegelnden Himmel, Bäume
       oder Sträucher. Sterben sie nach einer Kollision nicht sofort, sind sie
       doch geschwächt und werden leichter die Beute von Katzen oder Hunden, oder
       sie erleiden innere Blutungen. „Auch wenn Vögel die Kollision überleben,
       sterben viele an den Folgen etwas später“, sagt Winter.
       
       Die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten hat hochgerechnet, dass
       in Deutschland jährlich zwischen 100 Millionen und 115 Millionen Vögel an
       Glasfenstern und -fassaden verunglücken. Die genaue Zahl zu ermitteln, ist
       schwierig, da niemand systematisch die verletzten oder toten Vögel sammelt
       und zählt. „Neuere Untersuchungen aus Berlin weisen darauf hin, dass nur
       ein kleiner Anteil der Opfer tatsächlich gefunden wird“, heißt es in einem
       Bericht der Arbeitsgemeinschaft.
       
       Zudem haben die Vogelschützer für ihre Berechnungen nur Wohn- und
       Bürogebäude erfasst. „Strukturen wie verglaste Wartehäuschen,
       Lärmschutzwände, verglaste Einfriedungen und so weiter sind im
       Siedlungsraum weit verbreitet“, heißt es in ihrem Bericht. Da zu diesen
       aber keine statistischen Angaben und nur wenige Daten zu Vogelschlägen
       vorlägen, würden sie nicht erfasst. Die Arbeitsgemeinschaft geht deshalb
       davon aus, dass hierzulande jährlich viele Millionen Vögel an Glasscheiben
       sterben.
       
       ## Ziel ist eine Hotspot-Karte
       
       [2][Laut der App iNaturalist, in der Interessierte Naturbeobachtungen
       dokumentieren können], sterben am häufigsten Tannenmeisen, Amseln und
       Singdrosseln an Scheiben, danach folgen Ringeltauben, Kohlmeisen und
       Mönchsgrasmücken. Die letzten Plätze belegen Sperber, Trauerschnäpper und
       Erlenzeisig. Sie alle sind vom „Vogelschlag“ betroffen. „Neben frei
       laufenden Katzen sind die Glasscheiben daher der größte Treiber für den Tod
       vieler Millionen Vögel“, sagt Winter. Das müsse nicht so sein, denn
       Maßnahmen, die das Vogelleid verhindern könnten, seien bekannt und gar
       nicht so teuer, wenn sie etwa bei Neubauten und Sanierungen direkt mit
       eingeplant würden.
       
       „Sinnvoll sind Scheiben mit einem auch nur dünnen Punkt- oder
       Streifenmuster“, sagt Winter. Das Muster müsse auf der ganzen Scheibe
       aufgebracht werden. Schon vorhandene Scheiben könnten einfach nachgerüstet
       werden, etwa mit einem wetterfesten weißen Marker oder Aufkleber. „Die
       bekannten Aufkleber von Greifvögeln auf Scheiben wirken hingegen nicht“,
       sagt Winter, „sie werden von den anderen Vögeln gar nicht erkannt.“
       
       [3][Zusammen mit dem Naturschutzbund Nabu versucht das Idiv, die Datenbasis
       des Vogelschlags in Deutschland zu verbessern]. Ziel ist eine
       deutschlandweite Hotspot‑Karte. „Wenn man bedenkt, dass sowohl wildernde
       Katzen als auch gefährliche Schreiben leicht zu managen sind, ist es schon
       ein Wahnsinn, dass EntscheidungsträgerInnen dort nicht aktiv werden“, sagt
       Wildtierexperte Winter.
       
       21 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Naturschutzkonferenz-in-Jerwan/!6221638
 (DIR) [2] https://www.inaturalist.org/
 (DIR) [3] https://vogelschlag.nabu-jena.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heike Holdinghausen
       
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