# taz.de -- Biologin über Naturschutz mit Gentechnik: „So ein System wird immer künstlicher“
       
       > Synthetische Biologie will Lebewesen entwerfen oder verändern. Die
       > Biologin und Gärtnerin Anne-Christine Schmidt hält das für den falschen
       > Weg.
       
 (IMG) Bild: Indisches Springkraut, hier in Halle an der Saale, könnte zum Beispiel von Schüler:innen gejätet werden, findet Schmidt
       
       taz: [1][Frau Schmidt, auf der UN-Naturschutzkonferenz in Jerewan] wird es
       auch darum gehen, inwieweit die synthetische Biologie ein Mittel des
       Naturschutzes sein kann. Die Versprechungen sind groß. 
       
       Anne-Christine Schmidt: Ja, das sind sie. Es gibt Wissenschaftler, die sich
       zum Beispiel damit befassen, Korallen widerstandsfähiger gegen warmes oder
       kohlendioxidhaltiges Wasser zu machen. Oder die das Genom von Tieren, die
       kurz vor dem Aussterben stehen, erhalten wollen. Ich verstehe das Anliegen
       der Biolog:innen, mit ihren Mitteln zu versuchen, das Artensterben
       aufzuhalten oder zu verlangsamen. Ich glaube nur nicht, dass das der
       richtige Ansatz ist.
       
       taz: Warum nicht? 
       
       Schmidt: Weil sehr fraglich ist, ob ein gentechnisch manipulierter
       Organismus in seinem Ökosystem auf lange Zeit wirklich existieren kann.
       [2][Der Stoffwechsel eines Lebewesens lässt sich nicht nur auf sein Genom
       reduzieren], sondern befindet sich in einem Wechselspiel mit seinen
       Umweltbedingungen. Und wo soll das enden? Wenn sich die Weltmeere immer
       weiter erwärmen, müssen auch die Korallen immer weiter angepasst werden? So
       ein System wird immer künstlicher.
       
       taz: Invasive Arten sind ein ernsthaftes Problem für die biologische
       Vielfalt. Was halten Sie davon, invasive Tiere und Pflanzen mit
       gentechnischen Mitteln auszurotten? 
       
       Schmidt: Natürlich können wir das Genom von Exemplaren des Indischen
       Springkrauts so verändern, dass sich diese invasive Pflanze nicht mehr von
       selbst fortpflanzen kann. Wenn ich zu Hause am Fluss spazieren gehe und
       überall diese lila blühende Pflanze sehe, gefällt mir das auch nicht. Aber
       mir wird mulmig, wenn wir die Laborwissenschaft in die Umwelt loslassen.
       Das ist gefährlich! Warum machen Schulklassen im Biologieunterricht nicht
       Exkursionen, wenn sie über invasive Arten sprechen, und bereinigen die
       Ufer? Das ginge doch auch.
       
       taz: Warum sind Sie so kritisch gegenüber der Laborwissenschaft? Sie selbst
       haben an Pflanzen und ihrer Verträglichkeit von Schwermetallen geforscht … 
       
       Schmidt: Eben. In meiner Forschung sollten am Ende Pflanzen entstehen, die
       mit mehr Arsen in der Umwelt zurechtkommen. Zum Glück hat das ja nicht
       geklappt. Ich bin aus dieser Art von Wissenschaft schließlich ausgestiegen.
       Ich konnte das wissenschaftsethische Problem irgendwann nicht mehr
       ertragen, dass ich Pflanzen technisch darauf trimme, mit mehr Umweltgiften
       zu leben. Pflanzen technisch so zu optimieren, dass sie unseren Ansprüchen
       genügen, ist genau der falsche Weg. Wir müssten doch die Umweltgifte in der
       Natur verringern.
       
       taz: Moderne gentechnische Methoden, wie die Genschere CRISPR/Cas, ahmen ja
       im Grunde Mutationen nach, die auch in der Natur vorkommen. Wieso lehnen
       Sie sie ab, nur weil sie gesteuert sind? 
       
       Schmidt: Die Natur arbeitet mit Zeit, Genome passen sich, soweit wir das
       bislang verstanden haben, über Jahrmillionen an ihre Umwelt an. Wie sich
       diese künstlichen Genmutationen entwickeln werden, das kann man nicht
       erforschen, weil Menschen eben einen ganz anderen Zeithorizont haben. Die
       Wissenschaftler:innen sitzen den ganzen Arbeitstag am Computer und
       simulieren Natur – von der Natur selbst haben sie sich zumeist weit
       entfernt.
       
       taz: Seit wann ist das so? 
       
       Schmidt: Ich denke, als sie sich in den 80er Jahren auf die Gentechnik
       konzentriert hat, hat sich die Biologie in die falsche Richtung entwickelt.
       Dann hielten Computer mit ihren digitalen Messtechniken Einzug, das hat
       diese Entwicklung verstärkt. Seitdem verbraucht die biologische Forschung
       große Mengen an Chemikalien, Rohstoffen und Energie. Labore sind heute auch
       Großstromverbraucher, letztlich tragen auch sie zum zu hohen
       Energieverbrauch bei. Die Biologie als Wissenschaft arbeitet selbst nicht
       nachhaltig.
       
       taz: Mit dieser Position sind Sie in der wissenschaftlichen Biologie
       ziemlich isoliert, oder? 
       
       Schmidt: Im Forschungsalltag sind mir solche Diskussionen nicht begegnet,
       das ist richtig, das sind eher Pausendiskussionen. Die
       Wissenschaftler:innen hetzen ja immer der Forschungseffektivität
       hinterher, sie haben nur befristete Stellen, der nächste Forschungsantrag
       steht bevor, die nächste Projektfinanzierung muss ergattert werden. Da ist
       wenig Zeit und Möglichkeit, Methoden oder Ziele zu hinterfragen.
       
       taz: Wie müsste sich die Biologie verändern, um einen sinnvollen Beitrag
       zum Naturschutz leisten zu können? 
       
       Schmidt: Da ich nicht glaube, dass die notwendigen Veränderungen unter den
       jetzigen Bedingungen des Wissenschaftssystems kommen können, müsste sie
       mehr auf Stimmen von außen hören: auf die von Indigenen, Studierenden,
       Umweltgruppen. Dabei kann die [3][UN-Naturschutzkonferenz] eine ganz
       wichtige Rolle spielen, weil sie solchen, sonst häufig marginalisierten
       Gruppen eine Stimme gibt.
       
       taz: Seit Sie aus ihrer wissenschaftlichen Karriere ausgestiegen sind,
       bewirtschaften Sie einen Selbstversorger-Garten. Was konnten Sie dort aus
       Ihrem Wissen als Biologin anwenden? 
       
       Schmidt: Gar nichts. Das sind ganz unterschiedliche Welten, und ich frage
       mich, ob sie sich versöhnen lassen. Lange habe ich rein nach Gefühl
       gearbeitet, mit Methoden des ökologischen Gärtnerns, mit Brennnesseljauche
       und Pferdemist. Aber natürlich ist das auch kein alleiniger Weg in eine
       nachhaltige Ernährung, denn wenn wir nur mit althergebrachten biologischen
       Mitteln arbeiten würden, würde die Hälfte der Menschheit verhungern.
       Außerdem ist das eine Knochenarbeit – darum sind die Bauern früher nicht so
       alt geworden. Wir wollen alle nicht zurück ins Mittelalter, darum müssen
       wir einen Weg finden, technischen Fortschritt zu nutzen, aber trotzdem die
       Gesundheit der Natur und des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Davon
       sind wir, fürchte ich, noch weit entfernt.
       
       20 Oct 2026
       
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