# taz.de -- Naturschutzkonferenz in Jerewan: Wo Artenschutz konkret wird
       
       > Bis 2030 soll die Natur von 30 Prozent der Land- und Wasserflächen
       > geschützt sein. Siegen-Wittgenstein könnte mit einem Nationalpark dazu
       > beitragen.
       
 (IMG) Bild: Nationalpark ja oder nein? Blick vom Rothaarkamm zum Schloss Wittgenstein
       
       Wie viel Natur verträgt der dicht besiedelte Westen? Darüber wird im Kreis
       Siegen-Wittgenstein erneut gestritten: [1][Mitte November entscheidet der
       Kreistag, ob sich der Landkreis für einen zweiten Nationalpark im
       Bundesland bewerben wird.] Entsprechende Verfahren für einen
       „Egge-Nationalpark“ im Nordosten NRWs sowie für den „Reichswald“ am
       Niederrhein [2][waren in den vergangenen Jahren in Bürgerentscheiden
       gescheitert]; somit galt auch das Vorhaben der schwarz-grünen
       Landesregierung, einen zweiten Nationalpark im Land einzurichten, generell
       für erledigt und es blieb beim Nationalpark Eifel bei Aachen.
       
       Im waldreichen Südosten NRWs ist die Diskussion nun aber neu entbrannt.
       „Das Gebiet eignet sich sehr gut, weil es ausschließlich in Landesbesitz
       ist“, sagt Klaudia Witte, Biologie-Professorin an der Universität Siegen
       und Vorsitzende des Naturschutzverbandes Nabu Siegen-Wittgenstein. Zudem
       lägen in den 4.600 als Nationalpark avisierten Hektar schon kleinere,
       einzelne Wildnisentwicklungsgebiete sowie Naturschutzgebiete und
       FFH-Flächen, also nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie
       geschützte Gebiete, es gibt eine Naturwaldzelle mit vielen
       Altholzbeständen.
       
       „Wie gefordert, hätte ein Nationalpark Rothaarkamm eine besondere
       ökologische Wertigkeit“, sagt der Biologe Ralf Kubosch von der ArGe Pro
       Nationalpark. „Er liegt auf der Wasserscheide zwischen Weser und Rhein,
       dort liegen die Ursprungsgebiete wichtiger Flüsse – Eder, Sieg und Lahn -,
       es gibt intakte Moore und Erlensumpfwälder.“ Damit vereine der Nationalpark
       vorbildlich den Schutz der Biodiversität mit Klimaschutz, so Kubosch. Und
       er ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich das bekannteste Ziel des
       UN-Naturschutzabkommens umsetzen ließe – bis 2030 rund 30 Prozent der
       Land-, Süßwasser- und Meeresflächen effektiv zu schützen und zu erhalten,
       sowie 30 Prozent aller geschädigten Ökosysteme wiederherzustellen.
       
       Unter anderem darum geht es ab dem 19. Oktober in der armenischen
       Hauptstadt Jerewan. Auf der Konferenz des UN-Abkommens zur Biologischen
       Vielfalt wollen die 196 Mitgliedstaaten prüfen, wie weit sie mit dem Schutz
       der Natur in den vergangenen vier Jahren gekommen sind und welche
       Anstrengungen in den kommenden Jahren nötig werden. Bei ihrem Treffen 2022
       in Montreal hatten sie den viel gelobten „Globalen Biodiversitätsrahmen von
       Kunming-Montreal“ beschlossen. Was sperrig klingt, enthält 23 sehr konkrete
       Ziele.
       
       ## Das sind die Ziele
       
       Neben dem bekannten 30x30-Ziel beschlossen sie, mehr Geld für den
       Naturschutz bereitzustellen – mindestens 200 Milliarden Dollar jährlich ab
       dem Jahr 2030. Noch anspruchsvoller: Bis Ende des Jahrzehnts sollen
       umweltschädliche Subventionen um mindestens 500 Milliarden US-Dollar
       jährlich sinken. Ebenfalls in den 23 Zielen festgeschrieben ist, die
       Umweltverschmutzung und den Einsatz hochgefährlicher Pestizide um die
       Hälfte zu verringern, den nachhaltigen Konsum zu fördern und dafür zu
       sorgen, dass der an Tier- und Pflanzenarten reiche Globale Süden mit daran
       verdient, wenn Pharma-, Chemie- und Lebensmittelkonzerne des Nordens mit
       diesen „natürlichen Ressourcen“ Gewinne machen.
       
       „Wir haben konkrete Ziele und Handlungsfelder“, sagt Ives Zinngrebe vom
       Leipziger Zentrum für Umweltforschung, „außerdem werden neben direkten
       Treibern des Artensterbens etwa im Bereich der Land- und Forstwirtschaft
       auch indirekte Treiber angesprochen.“ Etwa Wirtschaft, Finanzströme und
       Konsum. Trotzdem bleibe eine Lücke zwischen den gesetzten Zielen und ihrer
       Umsetzung. So bleiben die umweltschädlichen Subventionen genauso hoch wie
       naturschädlicher Konsum, etwa von Fleisch.
       
       „Die meisten Staaten stecken in der konkreten Umsetzung“, sagt Inka
       Gnittke, Leiterin der deutschen Verhandlungsdelegation aus dem
       Bundesumweltministerium. „Sie haben ihre nationalen Strategien
       fortgeschrieben und die globalen 23 Ziele in nationale Ziele überführt.“
       Vor allem in den „klassischen Naturschutzfeldern“ – wie der
       Wiederherstellung und auch der Ausweisung von Schutzgebieten etwa – sei man
       schon vorangekommen. „Aber insgesamt reicht es nicht, um die globalen Ziele
       bis 2030 zu erreichen. Das müssen wir deutlich beschleunigen.“
       
       ## Naturschutz braucht Fläche
       
       In Jerewan gehe es jetzt nicht darum, neue Beschlüsse zu fassen oder Ziele
       zu formulieren, sind sich Beobachter einig, sondern um eine ehrliche
       Bestandsaufnahme – und darum, zu handeln. Doch Naturschutz braucht Fläche –
       und gerät damit leicht in Interessenkonflikte. So polemisiert die örtliche
       Industrie- und Handelskammer in Siegen-Wittgenstein heftig gegen die Idee
       eines Nationalparks Rothaarkamm, weil sie darin eine Gefahr für den
       geplanten Ausbau der Bundesstraße 62 sieht. Die Verkehrsanbindung
       Wittgensteins bleibe ein entscheidender Standortfaktor für Unternehmen,
       Beschäftigte und die wirtschaftliche Entwicklung der Region, argumentiert
       sie.
       
       Die Weltnaturschutzkonferenz tagt noch bis zum 30. Oktober – der Kreistag
       Siegen-Wittgenstein entscheidet am 13. November.
       
       19 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.siegen-wittgenstein.de/nationalpark
 (DIR) [2] /Schutz-der-Wildnis/!6057430
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heike Holdinghausen
       
       ## TAGS
       
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